Archiv 2011 - 2004

Lea Singer: "Der Opernheld"

Moritz Redder, erfolgreicher Jurist, führt ein geordnetes Dasein und kennt keine Unwägbarkeiten. Als aber durch eine Erbschaft die Musik Einzug in sein Leben hält, verändert sich alles. Die italienische Oper erobert ihn im Sturm: zuerst sein Herz und dann seinen Verstand. Sie erweckt ihn zum Leben und lässt ihn an die besungenen Ideale glauben – bedingungslose Liebe, lodernde Leidenschaft, Heldenmut. Moritz Redder verliert keine Zeit: Er reist nach Italien und nennt sich fortan Maurizio Salvatore. Die Liebe zur Oper und zu den Sängerinnen wird zur Obsession. Der Magie der Oper verfallen, verliert er sich selbst immer mehr und findet doch zuletzt ein Glück, das er eigentlich gar nicht suchte. „Lea Singer versteht es, aus ihren Recherchen Honig zu saugen“ urteilt der NDR.

Lea Singer wurde in Kunstgeschichte, Musik- und Literaturwissenschaft promoviert. Sie arbeitet als Sachbuchautorin und Publizistin und lebt in München. Neben dem Prosastück „Die österreichische Hure“ (2005) hat sie hochgelobte Romane geschrieben, u.a. „Die Zunge“ (2000), „Das nackte Leben“ (2005) über das Schicksal und die Ehen der Constanze Mozart, „Vier Farben der Treue“ (2006), welcher 1935 in Salzburg spielt, „Mandelkern“ ( 2007), eine weibliche Doktor-Faustus-Geschichte, und zuletzt „Konzert für die linke Hand“ (2008) über das Leben des einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein. Ihre musikwissenschaftlichen Bücher veröffentlicht sie unter ihrem eigentlichen Namen Eva Gesine Baur.

Montag, 23. Mai 2011
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Alex Capus: „Léon und Louise“

Zwei junge Leute verlieben sich, aber der Krieg bringt sie auseinander: Das ist die Geschichte von Léon und Louise. Sie beginnt mit ihrer Begegnung im Ersten Weltkrieg in Frankreich an der Atlantikküste, doch dann trennt sie ein Fliegerangriff mit Gewalt. Sie halten einander für tot, Léon heiratet, Louise geht ihren eigenen Weg - bis sie sich 1928 zufällig in der Pariser Métro wiederbegegnen. Alex Capus erzählt mit wunderbarer Leichtigkeit und großer Intensität von der Liebe in einem Jahrhundert der Kriege, von diesem Paar, das gegen alle Konventionen an seiner Liebe festhält und ein eigensinniges, manchmal unerhört komisches Doppelleben führt. Die Geschichte einer großen Liebe, gelebt gegen die ganze Welt.

Alex Capus, geboren 1961 in der Normandie, 1966 Umzug nach Olten, wo er auch heute mit seiner Familie lebt. Ab 1980 Studium der Geschichte, Philosophie und Ethnologie, 1986-1995 Tätigkeit als Journalist. 1994 veröffentlichte er seinen ersten Erzählungsband „Diese verfluchte Schwerkraft“, dem seitdem neun weitere Bücher mit Kurzgeschichten, Romanen und Reportagen folgten, die in über fünfzehn Sprachen übersetzt wurden. Zuletzt erschienen „Patriarchen“ (Zehn Porträts, 2006), „Eine Frage der Zeit“ (Roman, 2007) und „Himmelsstürmer“ (Zwölf Porträts, 2008).

Alex Capus: Léon und Louise. Roman, 314 S., Hanser Verlag 2011, € 19,90

Dienstag, 10. Mai 2011
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Zsuzsa Bánk: „Die hellen Tage“

In einer süddeutschen Kleinstadt erlebt das Mädchen Seri helle Tage der Kindheit: Tage, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt, die aus einer ungarischen Artistenfamilie stammt und mit ihrer Mutter in einer Baracke am Stadtrand wohnt. Aber schon die scheinbar heile Welt ihrer Kindheit in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hat einen unsichtbaren Sprung: Seris Vater starb kurz nach ihrer Geburt, und Ajas Vater, der als Trapezkünstler in einem Zirkus arbeitet, kommt nur einmal im Jahr zu Besuch. Karl, der gemeinsame Freund der Mädchen, hat seinen jüngeren Bruder verloren, der an einem hellblauen Frühlingstag in ein fremdes Auto gestiegen und nie wieder gekommen ist.
Es sind die Mütter, die Karl und die Mädchen durch die Strömungen und Untiefen ihrer Kindheit lotsen und die ihnen beibringen, keine Angst vor dem Leben haben zu müssen und sich in seine Mitte zu begeben.
Zsuzsa Bánk erzählt die Geschichte dreier Familien und begleitet ihre jungen Helden durch ein halbes Leben: Als Seri, Karl und Aja zum Studium nach Rom gehen, wird die Stadt zum Wendepunkt ihrer Biografien – und zur Zerreissprobe für eine Freundschaft zwischen Liebe und Verrat, Schuld und Vergebung.
Nach ihrem hochgelobten Debütroman »Der Schwimmer« schreibt Zsuzsa Bánk die bewegende Geschichte dreier Kinder, die den Weg ins Leben finden. »Die hellen Tage« ist ein großes Buch über Freundschaft und Verrat, Liebe und Lüge – über eine Vergangenheit, die erst allmählich ihre Geheimnisse enthüllt, und die Sekunden, die unser Leben für immer verändern.

Zsuzsa Bánk, geboren 1965, arbeitete als Buchhändlerin und studierte anschließend in Mainz und Washington Publizistik, Politikwissenschaft und Literatur. Heute lebt sie als Autorin mit ihrem Mann und zwei Kindern in Frankfurt am Main. Für ihren ersten Roman „Der Schwimmer“ (2003) wurde sie mit dem Aspekte-Literaturpreis, dem Deutschen Bücherpreis, dem Jürgen-Ponto-Preis, dem Mara-Cassens-Preis sowie dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet. Für die Erzählung „Unter Hunden“ erhielt sie den Bettina-von-Arnim-Preis.

Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage. Roman, 360  S.,  S. Fischer Verlag 2011,  € 21,95

Donnerstag, 5. Mai 2011
in der Buchhandlung zur Heide
in Zusammenarbeit mit dem Gay in May e.V.

Karen-Susan Fessel: „Leise Töne“

Im Rahmen der 33. schwul-lesbischen Kulturtage Osnabrücks „Gay in May“ wird am 4. Mai 2011 im Friedenssaal der Stadt Osnabrück der 20. Rosa Courage-Preis verliehen. Mit dieser Auszeichnung soll herausragendes Engagement für die Belange von Lesben und Schwulen gewürdigt werden. Wir freuen uns, dass aus diesem Anlass die diesjährige Preisträgerin ihren neuesten Roman im Rahmen des LITTERA-Programms vorstellen wird.
 
Visby, 1984: Marthe verreist das erste und einzige Mal in ihrer Kindheit, ihre Tante lädt sie ein auf die schwedische Ferieninsel Gotland. Die Tage dort schmecken nach Freiheit. Und eine besondere Erinnerung nimmt Marthe mit in die folgenden Jahre: das Bild der Klavierspielerin im Erdgeschoss der Pension und die sanft schwingenden Melodien ihres Spiels, die Marthe Abend für Abend in ihre Träume geleiten. Berlin, 1994: Marthe arbeitet inzwischen als Hilfskraft im Funkhaus und bekommt den Auftrag, eine Komponistin vom Flughafen abzuholen. Sie hat dunkle Haare und dunkelblaue Augen und etwas an sich, das Marthe sowohl fasziniert als auch irritiert. Aber bevor sie dem nachgehen kann, ist die Musikerin auch schon wieder verschwunden. Zwei Jahre später sieht Marthe sie wieder, und damit beginnt eine anregende, aufrührende und intensive Beziehung zwischen Marthe, dem Freigeist, und Ebba, der Ruhigen und Melancholischen. Bis Ebba von etwas eingeholt wird, das schon längst überwunden geglaubt schien. „Leise Töne“ ist ein Buch über Musikverständnis, über Einsam- und Gemeinsamkeit und das Leben auf Inseln, im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne. Karen-Susan Fessel erzählt von der Frage nach Schuld und Verantwortung, für sich selbst und für andere, von der Suche nach dem richtigen Platz und nicht zuletzt vom Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende.

Karen-Susan Fessel, geb.1964 in Lübeck, studierte Theaterwissenschaften, Germanistik und Romanistik und lebt als freie Journalistin und Schriftstellerin in Berlin. Sie hat bisher ein Dutzend Romane und Erzählbände für Kinder, Jugendliche und Erwachsene geschrieben.

Karen-Susan Fessel: Leise Töne. Roman, 492 S., Querverlag 2010, € 19,90

Mittwoch, 13. April 2011
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Peter Michalzik: „Heinrich von Kleist“

Heinrich von Kleist (1777 - 1811) gilt als der modernste Klassiker der deutschen Literatur. Sein Tod – der legendäre Selbstmord am Berliner Wannsee – jährt sich 2011 zum 200. Mal. Aus diesem Anlass legt der Frankfurter Publizist und Theaterkritiker Peter Michalzik eine neue Biographie vor, in der er einen überraschend frischen, unverstellten Blick auf den großen Dichter wirft.
Kleist, das notorisch verkannte Genie, war Seismograf einer Welt im Umbruch. Er war ein Mann der Extreme, kriegserprobter preußischer Offizier einerseits, Erfinder großer Frauenfiguren und einer herzerweichenden Sprache andererseits. Er hasste Napoleon und liebte das entstehende Deutschland. Er war Realist und Phantast, Unternehmer und Bankrotteur, Beamter und Journalist, immer wieder scheiternder Glückssucher und der einzige wirkliche Tragiker der deutschen Literatur.
Mit Hingabe und Präzision erzählt Peter Michalzik die Geschichte dieses kurzen, geheimnisumwitterten Lebens. Er berichtet klar und schnörkellos, was wir von Kleist wissen können, verzichtet auf Spekulationen und enthält sich jenes Pathos, das den Umgang mit Kleist bis heute prägt. Ein Buch, das der Modernität des großen Dichters gerecht wird.

Peter Michalzik, geboren 1963 in Landshut, ist Journalist, Theaterkritiker und Buchautor und lebt in Frankfurt am Main. Er arbeitet als Feuilletonredakteur bei der Frankfurter Rundschau und schrieb Biographien über Gustaf Gründgens und Siegfried Unseld. Zuletzt erschien von ihm das Theaterbuch „Die sind ja nackt“. 

Peter Michalzik: Kleist - Dichter, Krieger, Seelensucher. Biografie, 560 S., Propyläen Verlag 2011, € 24,99
 

Dienstag, 5. April 2011
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Jörg Thadeusz: „Die Sopranistin“

Mit großer sprachlicher Eleganz und auf der Basis genauer Kenntnis der Dinge zeichnet Jörg Thadeusz ein Szenario, das sich genau so in Deutschland abspielen könnte: Bei der Aftershow-Party anlässlich der Verleihung des Bruno-Fernsehpreises detoniert eine Bombe. Drei Menschen sterben, über 250 werden verletzt. Die Presse liefert schreckliche Bilder, und nicht nur die anwesenden Promis, sondern die ganze Nation ist entsetzt: Ist das der Terroranschlag der Islamisten, vor dem in Deutschland so lange gewarnt wurde?
Georg, der als Friseur in Washington D.C. zwar gutes Geld verdient, aber auch auf zu großem Fuße lebt, muss in Berlin seinen Onkel beerdigen. Er fliegt in ein hysterisches Deutschland, in dem die Medien unentwegt Bilder der furchtbaren Geschehnisse liefern und Politiker und Polizisten in Interviews schnelle Aufklärung versprechen. Eigentlich wollte er darüber nachdenken, wie er die Dinge ordnen und der Sopranistin Sofia einen Gefallen tun kann, doch jetzt wird er nicht zuletzt durch die erschreckenden Bilder des Anschlags in eine Zeit seines Lebens zurückversetzt, die er für immer aus seinem Kopf verbannen wollte. Und auch Sofia treiben ganz andere Dinge um, als Georg ahnt...

Jörg Thadeusz, geboren 1968, war zunächst Liegewagenschaffner und Rettungssanitäter, heute ist er Journalist, Moderator und Autor. Für seine Außenreportagen bei Zimmer frei erhielt er den Grimme-Preis. Er moderiert die Talksendung Thadeusz sowie mehrere Sendungen im RBB-Radio. Bisher erschienen von ihm: „Rette mich ein bisschen“ (2003),  „Alles ist schön“ (2004, damit auch bereits Gast des LITTERA-Programms) und 2008 gemeinsam mit Christine Westermann „Aufforderung zum Tanz. Eine Zweiergeschichte“. 

Jörg Thadeusz: Die Sopranistin. Roman, 192 S., Verlag Kiepenheuer & Witsch 2011, € 14,95

Montag, 21. März 2011
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Einar Kárason und Kristof Magnusson: „Versöhnung und Groll“
zweisprachige Lesung mit Moderation durch den Übersetzer

Island, Mitte des 13. Jahrhunderts, in einer der kriegerischsten Zeiten, die das Land je erlebt hat: Der heimtückische Mord an Snorri Sturlusson, dem berühmten Politiker und Dichter, Autor der Edda und der Egils-Saga, hat bürgerkriegsähnliche Zustände entfacht. Brutale Gewalt und zerstörerische Machtkämpfe bestimmen das Bild, zwei verfeindete Familienclans stehen sich unversöhnlich gegenüber. Island ist nunmehr gespalten, wird von der norwegischen Krone regiert. Da reicht einer der vormaligen Kriegstreiber, Gissur Thorvaldsson, dem Clan der Sturlungen die Hand zum Frieden. Eine Heirat zwischen den beiden Parteien soll den Pakt besiegeln, soll dem Land die Einheit geben und der Bevölkerung bessere Lebensbedingungen verschaffen. Aber nicht alle, die zur Hochzeit kommen, sind einverstanden mit diesem Plan ...

Einar Kárason, geboren 1955, ist einer der wichtigsten Autoren der skandinavischen Gegenwart. Berühmt wurde er durch seine Trilogie „Die Teufelsinsel“, „Die Goldinsel“ sowie „Das Gelobte Land“. Von 1988 bis 1992 war er Vorsitzender des Isländischen Schriftstellerverbandes. Seit 1985 organisiert er als einer der Leiter das Literaturfestival von Reykjavik. Sein Roman „Sturmerprobt“ stand auf der Shortlist des Nordischen Literaturpreises. Für „Versöhnung und Groll“ erhielt er den Isländischen Literaturpreis. Kárason lebt in Reykjavík.

Kristof Magnusson, geboren 1976 in Hamburg, machte eine Ausbildung zum Kirchenmusiker, arbeitete in der Obdachlosenhilfe in New York, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und der Universität Reykjavik und lebt heute als freier Autor und Übersetzter in Berlin. Seine Komödien „Der totale Kick“ und „Männerhort“ wurden mit Erfolg aufgeführt, 2005 erschien Magnussons erster Roman „Zuhause“. 2010 war Magnusson mit seinen hoch gelobten Roman „Das war ich nicht“ bereits unser LITTERA-Gast.

Einar Kárason: Versöhnung und Groll. Roman, 192 S., btb Verlag 2011,  € 18,99

Montag, 24. Januar 2011
im BlueNote des Cinema-Arthouse

„Ein Abend rund um Arno Schmidt und Zettel's Traum“
mit Susanne Fischer, Bernd Rauschenbach, Joachim Kersten und Friedrich Forssman

Vor 40 Jahren veröffentlichte Arno Schmidt sein wichtigstes Werk: 1334 DIN-A-3-Seiten stark, über zehn Kilogramm schwer und als Faksimile vervielfältigt. Schmidts eigene Befürchtung „Es wird sich nicht mehr setzen lassen“ hatte sich bewahrheitet. Vor dem komplexen Layout des dreispaltigen Romans mit seinen zahlreichen Randglossen kapitulierten Setzerei und Verlag. Nun endlich erscheint „Zettel's Traum“, das Werk, das Arno Schmidt auf einen Schlag berühmt machte, als gesetztes Buch. Jahrelange Arbeit von Setzern, Editoren und Korrektoren war nötig, um einen lesefreundlichen Schriftsatz herzustellen, ohne den Charakter des „Überbuchs“ (Arno Schmidt) zu verändern und seine Eigenheiten zu glätten. In der Veranstaltung lesen Joachim Kersten und Bernd Rauschenbach, beide im Vorstand der Arno Schmidt Stiftung, Auszüge aus dem Großroman. Die Lesung wird ergänzt mit einer Einführung in den Text von der Editorin Susanne Fischer und Erläuterungen zur Neuausgabe vom Buchgestalter Friedrich Forssman.

Mit dieser Ausgabe gilt es, einen Riesenroman neu zu entdecken: Er erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem alternden Schriftsteller Daniel Pagenstecher und der sechzehnjährigen Franziska Jacobi und von Leben und Werk Edgar Allan Poes. Er entwirft eine eigene Literaturtheorie in der Nachfolge Sigmund Freuds und entwickelt wie nebenbei eine neue Rechtschreibung, die zum Beispiel die wahren Eigenschaften eines „Pleas'-see=Rocks“ enthüllt. In „Zettel's Traum“ finden Arno Schmidts Bemühungen um eine moderne Prosaform und eine angemessene sprachliche Abbildung des menschlichen Bewusstseins ihren vorläufigen Höhepunkt.

Die „Bargfelder Ausgabe“ der Werke Arno Schmidts ist die verbindliche, textkritisch geprüfte Ausgabe seiner sämtlichen Texte. Sie wird von der Arno Schmidt Stiftung herausgegeben und vom Suhrkamp Verlag vertrieben. Die Ausgabe erscheint text-, seiten- und zeilenidentisch in drei verschiedenen Ausstattungen. Jeder Band enthält ein editorisches Nachwort und einen Varianten-Apparat. Die Arno Schmidt Stiftung wurde im November 1981 gegründet und ist Alleinerbin der Rechte am Gesamtwerk von Arno Schmidt.

Arno Schmidt, geboren am 18. Januar 1914 in Hamburg, starb am 3. Juni 1979 in Celle. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft arbeitete er als Übersetzer und Schriftsteller. Seit 1949 veröffentlichte Schmidt zahlreiche Erzählungen, literarische Radio-Essays und eine umfangreiche Fouque-Biographie (1958). Seit "Zettel's Traum" (1970) erschienen seine Prosawerke in großformatigen Typoskriptbänden.

Arno Schmidt: Zettel's Traum, ca. 1.530 S., ca. 7 kg, Suhrkamp Verlag 2010, Standardausgabe € 298,--, Studienausgabe 198,--, Vorzugsausgabe € 448,-- (jeweils Subskriptionspreise bis zum 31. Januar 2011)

Montag, 10. Januar 2011
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Doron Rabinovici: „Andernorts“
in der Endauswahl für den Deutschen Buchpreis 2010

Weshalb polemisiert der israelische Kulturwissenschaftler Ethan Rosen gegen einen Artikel, den er selbst verfaßt hat? Erkennt er seinen eigenen Text nicht wieder? Oder ist er seinem Kollegen Klausinger in die Falle gegangen, mit dem er um eine Professur an der Wiener Universität konkurriert? Beide sind sie Koryphäen auf demselben Forschungsgebiet, und doch könnten sie unterschiedlicher nicht sein: Rosen ist überall zu Hause und nirgends daheim. Selbst der Frau, die er liebt, stellt er sich unter falschem Namen vor. Klausinger wiederum ist Liebkind und Bastard zugleich. Er weiß sich jedem Ort anzupassen und ist trotzdem ruhelos: Was ihn treibt, ist die Suche nach seinem leiblichen Vater; sie führt ihn schließlich nach Israel und zu Ethan Rosen. Dessen Vater, ein alter Wiener Jude, der Auschwitz überlebte, braucht dringend eine neue Niere. Bald wird die Suche nach einem geeigneten Spenderorgan für die Angehörigen zur Obsession. 
Herkunft, Identität, Zugehörigkeit - darum wirbelt Doron Rabinovici in seinem neuen Roman die Verhältnisse in einer jüdischen Familie, deckt ihre alten Geheimnisse auf und beobachtet sie bei neuen Heimlichkeiten. Am Ende dieser packend erzählten Geschichte sind alle Gewißheiten beseitigt. Nur eines scheint sicher: Heimat ist jener Ort, wo einem am fremdesten zumute ist. „Rabinovici gelingt das Kunststück, seine Prosa unterhaltsam, elegant und leicht, zugleich aber auch ausgesprochen artifiziell, genial und mehrdeutig darzubieten.“ (Tages-Anzeiger Zürich)

Doron Rabinovici, 1961 in Tel Aviv geboren, lebt seit 1964 in Wien. Als Schriftsteller, Essayist und Historiker ist er Autor zahlreicher Bücher. Doron Rabinovici ist Träger verschiedener Auszeichnungen, u. a. dem Preis der Stadt Wien für Publizistik (2000), Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg (2002) Jean-Améry-Preis (2002). 

Doron Rabinovici: Andernorts. Roman, 285 S., Suhrkamp Verlag 2010, € 19,90

Freitag, 26. November 2010
in der Buchhandlung zur Heide

Bundesweiter Vorlesetag
Lesungen mit Lieko Schulze, Florian Rzepkowski (Elm) und Lydia Bosse

Bereits zum siebten Mal findet der bundesweite Vorlesetag statt, bei dem jede und jeder, der Spaß am Vorlesen hat, an diesem Tag anderen vorliest. Aus diesem Anlass liest Lieko Schulze, Ensemble-Mitglied des OSKAR-Jugendtheaters der Städtischen Bühnen, mit Florian Rzepkowski, Regieassistent am Theater Osnabrück, und Buchhändlerin Lydia Bosse  in der Buchhandlung aus bekannten Kinderbüchern vor. Kinder zwischen 8 und 10 Jahren und ihre Begleitpersonen sind einzeln oder in Gruppen herzlich eingeladen, an den Lesungen mitzufiebern. Der Eintritt ist frei, Voranmeldung unter Tel. 0541/350 88 11.

Montag, 22. November 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Alina Bronsky: „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“
aufgenommen in die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2010

Am Anfang tut sie alles, um nicht Großmutter zu werden: Im Jahr 1978 ist Rosalinda wild entschlossen, die Schwangerschaft ihrer viel zu jungen und viel zu dummen Tochter zu beenden. Doch das misslingt, und sobald Aminat auf der Welt ist, entbrennt ein rücksichtsloser, grotesk-komischer Kampf um sie. Jenseits des Urals herrschen klare Verhältnisse: Die Tatarin Rosalinda bestimmt, ihr Gatte Kalganov spurt, und ihre Tochter Sulfia benimmt sich schlecht. Es mangelt an vielem, aber nicht an Ideen, und schon gar nicht an Willenskraft.
Es steht also immer etwas Scharfes auf dem Tisch, und alle größeren Malheurs, die Sulfia anrichten könnte, werden verhindert. Nur ihre Schwangerschaft nicht, und auch nicht die Geburt von Aminat, dem genauen Gegenteil ihrer Mutter: schön, schlau, durchsetzungsfähig - ganz die Großmutter eben. Rosalinda steht zum ersten Mal einem Geschöpf gegenüber, das ihr ebenbürtig ist, und wird die leidenschaftlichste Großmutter aller Zeiten. Im ungleichen Kampf zwischen der glücklosen Sulfia und der rücksichtslosen Rosalinda wird das Mädchen zur Wandertrophäe - und der Leser zum Zeugen haarsträubendster Ereignisse, komischster Szenen, schlagfertigster Dialoge.
Alina Bronsky lässt ihre radikale, selbstverliebte und komische Hauptfigur die Geschichte dreier Frauen erzählen, die unfreiwillig und unzertrennlich miteinander verbunden sind. In einem Ton, der unwiderstehlich ist führt sie die ungleichen Frauen durch drei Jahrzehnte und diverse Schicksalsschläge.

Alina Bronsky, geboren 1978 in Jekaterinburg/Russland, verbrachte ihre Kindheit auf der asiatischen Seite des Ural-Gebirges und ihre Jugend in Marburg und Darmstadt. Nach abgebrochenem Medizinstudium arbeitete sie als Texterin in einer Werbeagentur und als Redakteurin bei einer Tageszeitung. Sie lebt in Frankfurt und telefoniert bis heute fast täglich mit ihren Großeltern in Sibirien. Für ihre erste literarische Veröffentlichung „Scherbenpark“ erhielt sie von Publikum und Kritik gleichermaßen begeisterten Zuspruch.

Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche. Roman, 317 S., Verlag Kiepenheuer & Witsch 2010, € 18,95

Dienstag, 16. November 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Thomas Hettche: „Die Liebe der Väter“
aufgenommen in die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2010

Peter hat eine Tochter, aber das Sorgerecht für sie hat er nicht. Annika war zwei, als er und ihre Mutter sich trennten. Seitdem gerät jede elterliche Absprache zum Machtkampf um die inzwischen dreizehnjährige Annika. Ein Silvesterurlaub auf Sylt wird für Vater und Tochter zur entscheidenden Probe auf ihre Liebe. Die Reise auf die Insel ist für den Verlagsvertreter Peter auch eine Rückkehr in Landschaften der Vergangenheit. Hier hat er die Sommer seiner Kindheit verbracht, als seine Mutter in einer Buchhandlung in Kampen arbeitete. Die Spaziergänge am Strand, die alte Kirche von Keitum, der Leuchtturm rufen Erinnerungen in ihm wach. Zum ersten Mal versucht er, seiner Tochter von sich zu erzählen. Er begegnet Susanne wieder, einer Freundin aus der Schulzeit, mittlerweile verheiratet und Mutter zweier Kinder. Und er muss erleben, dass er auf die Väter der scheinbar heilen Familien, die diese Ferien zusammen verbringen, wie ein Menetekel wirkt. Es ist die Zeit zwischen den Jahren, die Rauhnächte, in denen Tiere prechen können und die Tore der Geisterwelt offen stehen. „Die Wilde Jagd“ tobt um das Ferienhaus auf der Düne, ein Wintersturm. Und in der Silvesternacht, zusammen mit Freunden im „Sansibar“, steht plötzlich Peters gesamte Existenz auf dem Spiel. Atemlos folgt man seiner Stimme, die erzählt, was ihm geschieht - gegenwärtig, distanzlos, unmittelbar. Dieser Roman über die Schwierigkeit, heute Vater zu sein, ist Thomas Hettches persönlichstes Buch. Meisterhaft gelingt es ihm, die Atmosphäre des winterlichen Sylt mit einem Familiendrama zu verbinden, in dem es um die eigene Vergangenheit geht, die persönliche Integrität und eine gemeinsame Zukunft.

Thomas Hettche, geboren 1964 in Treis, studierte in Frankfurt Philosophie und Germanistik. Nach Stipendienaufenthalten u.a. in Krakau, Venedig, Stuttgart, Rom und Los Angeles lebt er mit seiner Familie in Berlin. Essayistische Veröffentlichungen vor allem in der FAZ und der Neuen Zürcher Zeitung. Er war fünf Jahre lang Juror des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt, ist Herausgeber der literarischen Online-Anthologie NULL und erhielt zahlreiche literarische Preise. Thomas Hettches erster Roman „Ludwig muss sterben“ erschien 1989, sein Kriminalroman „Der Fall Arbogast“ 2001 wurde in zehn Sprachen übersetzt. Zuletzt veröffentlichete er „Woraus wir gemacht sind“.

Thomas Hettche: Die Liebe der Väter, 223 S., Verlag Kiepenheuer & Witsch 2010, € 16,95

Dienstag, 9. November 2010
in der Buchhandlung zur Heide

Emma Goldman: „Gelebtes Leben. Autobiografie“
szenische Lesung mit Marlen Breitinger

Emma Goldman, „die rote Emma“, war zu ihren Lebzeiten eine gleichermaßen verehrte wie gefürchtete Symbolfigur des Anarchismus. Sie wurde bekannt durch ihre Schriften, ihre Reden und ihre engagierten Kampagnen für die Rechte der Arbeiter, für Geburtenkontrolle, gegen die Wehrpflicht und für die Friedensbewegung. 1886 war sie im Alter von siebzehn Jahren aus Russland in die USA emigriert. Durch die Hinrichtung der Aufständischen vom Chicagoer Haymarket und die Begegnung mit Johann Most politisiert, erkannte sie bald ihr großes rhetorisches Talent und setzte es bei Vorträgen und Agitationsveranstaltungen ein, wo sie für verschiedenste Belange der Arbeiter und der Unterdrückten kämpfte. Sie wurde mehrere Male zu Gefängnisstrafen verurteilt und 1917, im Zuge der Anarchistenhetze und der Kriegsbegeisterung in der Gesellschaft, nach Russland deportiert, wo sie Zeugin der Auswirkungen der Russischen Revolution wurde. Enttäuscht von der diktatorischen Herrschaft der Bolschewiki, verbrachte sie einige Jahre in Frankreich, wo sie in den zwanziger Jahren ihre Autobiografie verfasste. 1936 nahm sie am Spanischen Bürgerkrieg teil. 2010 jährt sich Emma Goldmans Todestag zum 70. Mal.

„Eine starke, unabhängige Frau, die sich vom Korsett aller Konventionen befreite - eine großartige politische Autobiografie“ schreibt Ilija Trojanow in seinem Vorwort zu dieser Neuausgabe des Buches. Marlen Breitinger hat die Erstausgabe mit übersetzt, ist heute Ensemble-Mitglied des Theaterhofs Priessenthal und wird für die Lesung 70 Minuten lang die Rolle von Emma Goldman übernehmen.

Emma Goldman, geb. 1869, war Anarchistin, Revolutionärin, Agitatorin, Frauenrechtlerin und begegnete u.a. Sigmund Freud, Peter Kropotkin, Ernest Hemingway und Lenin. Neben ihrem Kampf für die Rechte Benachteiligter setzte sich sich auch für die „freie Liebe“ ein.1940 starb sie in Toronto.

Emma Goldman: Gelebtes Leben. Autobiografie, 926 S., Edition Nautilus 2010, € 34,90

Dienstag, 2. November 2010
im Garbo des Cinema-Arthouse

Michael Wilcke: „Der Bund der Hexenkinder“

Salzburg im Jahr 1658: In einer eisigen Nacht wird die schwangere Sybilla von ihrer Mutter in eine Kutsche gesteckt, die sie nach Rosenheim bringen soll. Bevor die Kutsche abfährt, raunt die Mutter ihr noch zu, dass ihr Kind des Teufels ist. Sybilla hingegen hat sich längst entschieden, für ihr Kind zu sorgen. Zwanzig Jahre später beschließt dieses Kind nach Salzburg zurückzukehren, um seine Mutter zu rächen.
Zwanzig Jahre später reist der junge Tagelöhner Robert in das Salzburger Land. Er befindet sich auf der Suche nach seinem Vater, dem er nie zuvor begegnet ist und den ein dunkles Geheimnis zu umgeben scheint. Bald schon gerät auch Robert in den Verdacht, er habe sich der Gemeinschaft des Zauberers angeschlossen, und er muss erfahren, dass ausgerechnet sein Vater bei den Verfolgungen dieser Hexenkinder eine wichtige Rolle spielt.
Der vierte historische Roman von Michael Wilcke spielt diesmal nicht in Osnabrück, sondern kreist um den historischen „Aufstand der Ausgestoßenen“ in Salzburg, die sich 1678 gegen die Willkür der Obrigkeit auflehnten. Anlass war die Jagd des Fürsterzbischof von Salzburg auf den berüchtigten „Zauberer-Jackl“, einen Vaganten, von dem behauptet wurde, er verführe zahlreiche Landstreicherkinder zum Bösen und lasse sie einen Bund mit dem Teufel schließen.

Michael Wilcke, Jahrgang 1970, lebt in der Nähe von Osnabrück und arbeitet als Mediengestalter bei einer Zeitung. Im Aufbau Taschenbuch Verlag erschien von ihm bisher die Osnabrück-Romane „Hexentage“ und „Die Falcken Gottes“ sowie „Der Glasmaler und die Hure“.

Michael Wilcke: Der Bund der Hexenkinder. Roman, 409 S., Aufbau Taschenbuch Verlag 2010, € 9,95

Dienstag, 26. Oktober 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Peter Wawerzinek: „Rabenliebe“
in der Endauswahl für den Deutschen Buchpreis 2010

Über fünfzig Jahre quälte sich Peter Wawerzinek mit der Frage, warum seine Mutter ihn als Waise in der DDR zurückgelassen hatte. Dann fand und besuchte er sie. Das Ergebnis ist ein literarischer Sprengsatz, wie ihn die deutsche Literatur noch nicht zu bieten hatte. Ihre Abwesenheit war das schwarze Loch, der alles verschlingende Negativpol in Peter Wawerzineks Leben. Wie hatte seine Mutter es ihm antun können, ihn als Kleinkind in der DDR zurückzulassen, als sie in den Westen floh? Der Junge, herumgereicht in verschiedenen Kinderheimen, blieb stumm bis weit ins vierte Jahr, mied Menschen, lauschte lieber den Vögeln, ahmte ihren Gesang nach, auf dem Rücken liegend, tschilpend und tschirpend. Die Köchin des Heims wollte ihn adoptieren, ihr Mann wollte das nicht. Eine Handwerkerfamilie nahm ihn auf, gab ihn aber wieder ans Heim zurück.
Wo war Heimat? Wo seine Wurzeln? Wo gehörte er hin? Dass er auch eine Schwester hat, erfuhr er mit vierzehn. Im Heim hatte ihm niemand davon erzählt, auch später die ungeliebte Adoptionsmutter nicht. Als Grenzsoldat unternahm er einen Fluchtversuch Richtung Mutter in den Westen, kehrte aber, schon jenseits des Grenzzauns, auf halbem Weg wieder um. Wollte er sie, die ihn ausgestoßen und sich nie gemeldet hatte, wirklich wiedersehen?
Zeitlebens kämpfte Peter Wawerzinek mit seiner Mutterlosigkeit. Als er sie Jahre nach dem Mauerfall aufsuchte und mit ihr die acht Halbgeschwister, die alle in derselben Kleinstadt lebten, war das über die Jahrzehnte überlebensgroß gewordene Mutterbild der Wirklichkeit nicht gewachsen. Es blieb bei der einzigen Begegnung. Aber sie löste - nach jahrelanger Veröffentlichungspause - einen Schreibschub bei Peter Wawerzinek aus, in dem er sich das Trauma aus dem Leib schrieb: Über Jahre hinweg arbeitete er wie besessen an „Rabenliebe“, übersetzte das lebenslange Gefühl von Verlassenheit, Verlorenheit und Muttersehnsucht in ein großes Stück Literatur, das in der deutschsprachigen Literatur seinesgleichen noch nicht hatte.

Peter Wawerzinek wurde unter dem Namen Peter Runkel 1954 in Rostock geboren. Er wuchs in verschiedenen Heimen und bei verschiedenen Pflegefamilien auf. Seit 1988 ist er freier Schriftsteller, Regisseur, Hörspielautor und Sänger. 2010 gewann er in Klagenfurt mit einer Textprobe aus „Rabenliebe“ als ältester bisher Ausgezeichneter sowohl den Ingeborg-Bachmann-Preis als auch den Publikumspreis.

Peter Wawerzinek: Rabenliebe. Roman, 304 S., Galiani Verlag 2010, € 22,95

Montag, 18. Oktober 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Daniel Glattauer: „Theo“

Theo ist der Neffe von Bestseller-Autor Daniel Glattauer. Bei seiner Geburt fasste sein Onkel den Entschluss, das Kind beim Älterwerden zu beobachten und zu beschreiben, wie es die Welt der Erwachsenen für sich erobert. Einmal jährlich erschienen Porträts des Ein-, Zwei- und Dreijährigen. Mit drei gab Theo sein erstes Exklusivinterview. Danach war bald klar, dass sein Mitteilungsbedürfnis noch lange nicht gestillt sein würde. Nach Theos vierzehntem Geburtstag wurden die Rollen getauscht und das gemeinsame Projekt würdig abgeschlossen: Theo führte ein Revanche-Interview mit Onkel Daniel. Eines der witzigsten, herzerwärmendsten Bücher, das je über Kinder geschrieben wurde.

Daniel Glattauer, geboren 1960 in Wien, ist Autor und Journalist. Unter anderem verfasste er die Bücher „Die Ameisenzählung“, „Darum“, „Die Vögel brüllen“, „Der Weihnachtshund“. Mit seinen beiden letzten Romanen „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ gelangen ihm zwei Bestseller, die in zahlreiche Sprachen übersetzt und auch als Hörspiel, Theaterstück und Hörbuch zum Erfolg wurden.

Daniel Glattauer: Theo. Antworten aus dem Kinderzimmer, 272 S., Deuticke Verlag 2010, € 14,90

 

Donnerstag, 30. September 2010
im Haus der Jugend
in Zusammenarbeit mit Soroptimist International, Club Osnabrück

Gabriele Hoffmann: „Der Kinderseele Flügel geben - Das Kinderbuch als therapeutisches Mittel“

Die These, dass der Mensch lesefähig zur Welt kommt, meint nicht, dass das ganz kleine Kind schon Buchstaben oder Texte entziffern kann, sondern dass es mit all seinen Sinnen die Welt erfasst. Beschädigungen im Laufe seiner Entwicklung können aber dazu führen, dass Erfahrungen nicht konstruktiv aufgenommen werden, sondern verschüttet werden oder zu Verkrümmungen führen. Deshalb brauchen Kinder symbolische Geschichten, die die Tür zu ihrer Seele offen halten oder wieder öffnen und ihnen Wege zeigen, um Gefühle und Haltungen wie Angst und Mut, Ohnmacht und Kraft, Trauer und Freude, Scham und Freiheit, Wut und Zärtlichkeit für sich als lebendigen Teil ihrer Persönlichkeit anzunehmen.

Gabriele Hoffmann wird in einem sehr anschaulichen Vortrag entsprechende Bücher für Kinder und Jugendliche aller Altersstufen vorstellen, die aber auch für Erwachsene gleichermaßen beglückend sind. Sie wird Textstellen vorlesen und exemplarisch einige Bilder in ihrer symbolischen Bedeutung analysieren. Und sie wird Empfehlungen geben für eine Grundausstattung an Büchern, die sowohl in  familiären, erzieherischen und therapeutischen Räumen vielfältig zu nutzen sind. Aus dem Erlös der Veranstaltung soll der Krebsstiftung ein Bücherfundus für die therapeutische Arbeit mit Kindern zur Verfügung gestellt werden.

Gabriele Hoffmann ist Diplom-Pädagogin, Buchhändlerin, Dozentin und Rezensentin. Seit 1968 im Buchhandel tätig, spezialisierte sie sich 1974 auf den Bereich Kinder- und Jugendbuch. 1980 gründete sie „Leanders Leseladen“. Seit über 25 Jahren hält sie zusaätzlich Vorträge und Fortbildungs-Seminare für Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen und BuchhändlerInnen. Außerdem verleiht sie seit 2000 den Kinderbuchpreis „Heidelberger Leander“ an Autorinnen und Autoren zeitgenössischer Kinderbuchklassiker, ist Initiatorin und Leiterin der Heidelberger Kinderbuch-Seminare und Gründerin und Vorsitzende des Vereins LeseLeben e.V. zur Förderung der Sprach- und Lesekultur bei Kindern.

Montag, 6. September 2010, 20.30 Uhr
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Ina Rudolph: „Bei den Brunettis zu Gast“
kulinarische Lesung mit einem italienischen 5-Gänge-Menü

Die Schauspielerin Ina Rudolph hat zu dem im Diogenes Verlag erschienenen Buch „Bei den Brunettis zu Gast“ von Donna Leon und ihrer Köchin Roberta Pianaro ein Programm erarbeitet, in dem sie Texte zu Venedig und aus den Krimis der Autorin vorträgt. Dazwischen wird ein italienisches Essen serviert, natürlich auch mit in dem Buch beschriebenen Rezepten. Man spürt das einzigartige Flair von Venedig, wenn Donna Leon über ihre Herkunft, die Geheimnisse italienischer Kochkunst und ihr Leben in der Lagunenstadt erzählt. Die Teilnehmer folgen dem Duft von frischem Obst beim Schlendern über den Rialtomarkt, hören den Geheimtipp von Capitano Alberto über die Zubereitung von Fisch; und die Gerichte, die Brunettis Frau Paola kocht, lassen das Wasser im Mund zusammenlaufen. Freuen Sie sich auf einen heiteren und leckeren Abend!

Ina Rudolph wurde 1969 in Brandenburg geboren, absolvierte von 1985 bis 1989 ein Studium der Schauspielkunst und danach ein Gesangstudium. Sie stand in Serien wie „In aller Freundschaft“, „Tatort“ oder „Wilsberg“ vor der Kamera. Mit Armin Müller-Stahl drehte sie den Film „Dem kühlen Morgen entgegen“. 2008 arbeitete sie auch als Regisseurin und inszenierte in der Theaterreihe „Liebe ist!“ das Stück „Tageszeiten der Liebe“ von Darius Niccodemi.2008 erschien ihr Erzählband „Sommerkuss“. 

Roberta Pianaro/Donna Leon: Bei den Brunettis zu Gast. Rezepte und kulinarische Geschichten, 287 S., Diogenes Verlag 2009, € 22,90

 

Dienstag, 22. Juni 2010
in der Buchhandlung zur Heide

Reinhold Joppich: „Erich Maria Remarque: Das gelobte Land“

Erich Maria Remarque wollte seinen letzten Exil-Roman "Das gelobte Land"
(gemeint sind die USA) nennen. Ein Jahr vor seinem Tod begann er mit der
Niederschrift seines allerletzten Werkes, die er aber nicht mehr zu Ende führen konnte. Statt dessen lektorierte seine Witwe Paulette Goddard eine frühere Manuskriptfassung und ließ sie unter dem Titel "Schatten im Paradies" 1971 veröffentlichen, gegen den Willen des am 25.9.1970 verstorbenen Autors. Die von Remarque begonnene Neufassung ist literarisch wesentlich überzeugender, die Charaktere schärfer gefasst, die US-Satire über den Kunstmarkt brillanter gestaltet und die Emigrantenschicksale im "gelobten Land" in ihren ernsten und komödiantischen Elementen vertieft. In den erhaltenen Notizen für den Schluss des Romans wird die Frage der Rückkehr der Hauptfigur in das Deutschland des Vergessens und des Verdrängens dramatisch zugespitzt. Die eigentliche Trägodie vollzieht sich nach der Rückkehr aus dem Exil!
 
Mit der Lesung setzt die Buchhandlung zur Heide die Vorstellung der Werke des weltbekannten Osnabrücker Autors fort. Ergänzt wird diese gemeinsame Veranstaltung mit der Erich Maria Remarque Gesellschaft e.V. durch eine Einführung und Kommentare von Prof. Dr. Tilman Westphalen, dem Mitherausgeber der Neuausgabe des Gesamtwerkes von Remarque.

Reinhold Joppich, geb. 1949, ist Vertriebs- und Verkaufsleiter des Kölner
Verlages Kiepenheuer & Witsch. Neben seiner Berufstätigkeit hat er sich dank
profunder Literaturkenntnisse und wegen seines großen Vortragstalents einen
Namen als gefragter und beliebter Vorleser gemacht.

Erich Maria Remarque: Das gelobte Land. Roman,Verlag Kiepenheuer & Witsch 2010, € 9,95

 

Dienstag, 8. Juni 2010
in der Buchhandlung zur Heide

Harald Keller: „Ein schöner Tag für den Tod. Nordholland-Krimi mit Rezepten“

Die Küstenregion Nordholland ist eigentlich eine ruhige Gegend zum entspannten Urlauben. Aber dann überschlagen sich die Ereignisse: Ein in Flammen stehender Cadillac, eine umherirrende Frau, die ihr Gedächtnis verloren hat, und eine männliche Leiche in einem alten Wehrmachtsbunker bescheren dem leitenden Ermittler Van Barenveld, der sich bewusst aus dem drogenverseuchten und verrohten Amsterdam an die Küste versetzen ließ, einen arbeitsreichen Einstieg in Den Helder. Als sich auch noch Kokainspuren im Umfeld des Cadillac finden, führt Van Barenveld die Spur zurück nach Amsterdam ...

"Endlich ein Krimi, in dem es Journalisten gibt, die nicht gewissenlos, saudumm oder aber viel klüger sind, als die Polizei erlaubt ... die Leser merken sofort, der Autor kennt sich aus." (Frankfurter Rundschau)

Harald Keller studierte Literatur-, Medien- und Kunstwissenschaften und schreibt als freier Autor u. a. für die FAZ, Berliner Zeitung, Kölner Stadt-Anzeiger, Neue Osnabrücker Zeitung sowie für Fachpublikationen. Er lebt in Osnabrück. Nach diversen Sachbüchern, zuletzt "Die Geschichte der Talkshow in Deutschland" (2009), veröffentlichte er mit seinen ersten Kriminalroman. Eine Fortsetzung ist in Vorbereitung.

Harald Keller: Ein schöner Tag für den Tod. Kriminalroman, 363 S., Oktober Verlag 2009, € 14,--

 

Donnerstag, 27. Mai 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Alissa Walser: „Am Anfang war die Nacht Musik“

Als Franz Anton Mesmer das blinde Mädchen Maria Theresia Paradis in sein magnetisches Spital aufnimmt, ist sie zuvor von unzähligen Ärzten beinahe zu Tode kuriert worden. Mesmer ist überzeugt, ihr endlich helfen zu können, und hofft insgeheim, durch diesen spektakulären Fall die ersehnte Anerkennung der akademischen Gesellschaften zu erlangen. Auch über ihre gemeinsame tiefe Liebe zur Musik lernen Arzt und Patientin einander verstehen, und bald gibt es erste Heilerfolge ... In ihrer hochmusikalischen Sprache nimmt Alissa Walser die Leser mit auf eine einzigartige literarische Reise. Ein Roman von bestrickender Schönheit über Krankheit und Gesundheit, über Musik und Wissenschaft, über die fünf Sinne, über Männer und Frauen oder ganz einfach über das Menschsein.

Alissa Walser, 1961 geboren, Studium der Malerei in New York und Wien, Übersetzungen aus dem Englischen (Theaterstücke u. a. von Albee, Oates und "Die Tagebücher" von Silvia Plath), lebt in Frankfurt am Main. 1992 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis und den Bettina-von-Arnim-Preis.

Alissa Walser: Am Anfang war die Nacht Musik. Roman, 252 S., Piper Verlag 2010, € 19,95

 

Montag, 17. Mai 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Kristof Magnusson: „Das war ich nicht“

Jasper Lüdemann hat es geschafft. Er ist aus dem Back Office in den Händlersaal der großen Investmentbank in Chicago aufgestiegen, Desk 3, Futures und Optionen. Jetzt kann er zeigen, was in ihm steckt. Privatleben ist abgemeldet. Zwischen dreißig und vierzig muss man für die Karriere brennen. Meike ist Übersetzerin. Der Bestsellerautor Henry LaMarck ist »ihr« Autor, ihre Existenzgrundlage. Den versprochenen großen Roman hat er nicht abgeliefert und ist auch nicht erreichbar. Um ihn zu finden, ist sie in Chicago. Henry LaMarck ist von der Verlagsparty zu seinem sechzigsten Geburtstag abgehauen und in einem Hotel untergetaucht. Er kann nicht mehr schreiben, er ist einsam, aber er hat sich verliebt. In ein Foto von einem jungen Banker, der verzweifelt auf die fallenden Kurse starrt. Fallende Kurse. Seit Jasper Meike in einem Cafe getroffen hat, brennt er für sie. Um ihr zu imponieren, zeigt er ihr, wie man Geschäfte macht. Er kauft Optionen ohne Kundenvollmacht. Erst macht er Gewinn. Dann Verluste, existenzgefährdende Verluste. Eine aussichtslose Lage, bis er Henry LaMarck begegnet.

»Das war ich nicht« erzählt von drei Menschen, deren Leben durch Zufall in eine abenteuerliche Abhängigkeit gerät. Und gäbe es nicht die Möglichkeit der Liebe, vielleicht auch ihre Unmöglichkeit, die dem Leben eine andere, unvermutete Wendung gibt, wer weiß, ob sich ein Ausweg finden würde. Eine Bank, ein Leben ist schnell ruiniert. Das ist das Erschreckende, aber auch das Komische an diesem Roman von Kristof Magnusson, der eine große Spannung entfaltet und unvergessliche Charaktere schafft.

Kristof Magnusson, geboren 1976 in Hamburg, machte eine Ausbildung zum Kirchenmusiker, arbeitete in der Obdachlosenhilfe in New York, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und der Universität Reykjavik und lebt heute als freier Autor und Übersetzter in Berlin. Seine Komödien "Der totale Kick" und "Männerhort" wurden mit Erfolg aufgeführt, 2005 erschien Magnussons erster Roman "Zuhause".

Kristof Magnusson: Das war ich nicht. Roman, 285 S., Kunstmann Verlag 2010, € 19,90

Dienstag, 4. Mai 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Moritz Rinke: „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“

Worpswas? - Worpswede! Stammt das angebissene Stück Butterkuchen im Tiefkühlschrank tatsächlich von Willy Brandt? Kann ein toter Onkel noch ein Kind zeugen? Wurde die schöne Kommunistin Marie von der Gestapo abgeholt oder von der eigenen Familie im Teufelsmoor vergraben? Und wie werden die Seelen der Menschen aufbewahrt? Ausgerechnet als Paul Wendland in Berlin mit seinem Leben und seinen kuriosen Kunstprojekten in die Zukunft starten will, holt ihn die Vergangenheit ein. In Worpswede drohen das geschichtsträchtige Haus seines Großvaters und sein Erbe im Moor zu versinken - samt lebensgroßen Bronzestatuen von Luther über Bismarck bis zu Max Schmeling und Ringo Starr.
Die Reise zurück an den Ort der Kindheit zwischen mörderischem Teufelsmoor, norddeutschem Butterkuchen und traditionsumwitterter Künstlerkolonie nimmt eine verhängnisvolle Wendung. Vergessen geglaubte Familienfragen, aus dem Moor steigende historische Gestalten und die skurrile Begegnung mit einem mysteriösen Vergangenheitsforscher spülen ein ungeheuerliches Geflecht an Lügen und Geheimnissen aus einem ganzen Jahrhundert an die Oberfläche.
Moritz Rinke legt ein furioses Romandebüt vor und rührt sanft, aber vollkommen anarchisch und mit einer umwerfenden Tragikomik an die Lebensmotive, die Geschlechter-, Generations- und Identitätskonflikte seiner Figuren und ihre seelischen Abgründe. Er erzählt vom Künstlerleben, von Ruhm, Verführung und Vergänglichkeit und von einem Dorf im Norden, das berühmt ist für seinen Himmel und das flache Land - und überzeugt als raffinierter Komponist einer überschäumenden, irrwitzigen Realität.

Moritz Rinke, geboren 1967 in Worpswede, studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Gleichzeitig schrieb er Kolumnen und Reportagen. Von 1994 bis 1996 arbeitete er als Volontär, anschließend als Redakteur beim Berliner Tagesspiegel. Moritz Rinke lebt als freier Autor in Berlin.

Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Roman, 496 S., Verlag Kiepenheur & Witsch 2010, € 19,95

Dienstag, 27. April 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Barbara Beuys: „Sophie Scholl“

Sophie Scholl (1921-1943) ist eine Ikone der deutschen Geschichte. Mit Flugblättern hatte sie es gewagt, die verbrecherische Politik Adolf Hitlers anzuklagen. Doch ihr Weg von der jugendlichen NS-Führerin zur entschiedenen Gegnerin des Nationalsozialismus war länger, widersprüchlicher und differenzierter als bisher dargestellt. Barbara Beuys hat Hunderte bisher unbekannte Dokumente gesichtet, die das Rückgrat der ersten umfassenden Biografie über Sophie Scholl bilden. Eingebettet in die farbige, historisch präzise Schilderung der Nazi-Herrschaft beschreibt sie meisterhaft die ganze Lebensspanne der Widerstandskämpferin der Weißen Rose.

Barbara Beuys wurde im Todesjahr von Sophie Scholl geboren und studierte Geschichte, Philosophie und Soziologie in Köln. Nach ihrer Promotion zum Dr. phil. arbeitete sie als Redakteurin u.a. beim STERN, bei MERIAN und der ZEIT. Heute lebt Barbara Beuys in Köln als freie Autorin, die mit ihren sorgfältig recherchierten und zugleich verständlich geschriebenen Biografien regelmäßig großen Zuspruch sowohl vom Lesepublikum als auch von Seiten der Kritiker findet. Mit ihren großen Darstellungen zu Annette von Droste-Hülshoff und Paula Becker-Modersohn war sie bereits Gast im LITTERA-Programm.

Barbara Beuys: Sophie Scholl. Biografie, 493 S. mit Fotos, Hanser Verlag 2010, € 24,90

 

Montag, 12. April 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Iris Hanika: „Das Eigentliche“

Das Eigentliche ist für jeden etwas anderes. Für Hans Frambach sind es die Verbrechen der Nazizeit, an denen er leidet, seit er denken kann. Darum ist er Archivar im Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung geworden; nur fragt er sich, ob es nicht an der Zeit für eine andere Arbeit wäre. Auch für seine beste Freundin Graziela stand die Fassungslosigkeit über diese Vergangenheit im Mittelpunkt bis sie einen Mann kennenlernte, der sie begehrte, und fortan die Begegnung der Geschlechter im Fleische für das Eigentliche hielt; ein Konzept, an dem sie nun zweifelt. Aber kann man den Nationalsozialismus für alles verantwortlich machen? Eigentlich ist es doch ihre Unfähigkeit zum Glück, die Hans und Graziela zu so wunderlichen Gestalten macht.
Zugleich hat auch der Staat, in dem sie leben, sein Eigentliches. Es ist das unausgesetzte Bemühen um Harmlosigkeit seiner Repräsentanten, das allen voran die Bundeskanzlerin vorführt, wenn sie jede Woche übers Internet zu uns spricht.
Ein Roman über das deutsche Leiden an der Nazi-Vergangenheit, ganz und gar kein historischer Roman also, sondern einer über das Heute. Woher dieses Leiden rührt, ist bestens bekannt, seine Äußerungsformen jedoch sind vielfältig. Darum ist dies zugleich ein Roman über die mittleren Jahre des Lebens, über die Zeit, wenn die Gewissheit abhanden gekommen ist, dass man auf dem richtigen Weg durch die Welt geht, und es ist ein Roman über die Einsamkeit ebenso wie über die Freundschaft. Iris Hanika zeigt, wie die Verbrechen der Nazizeit uns bis heute in ihren Klauen halten, und übersieht dabei nicht, zu welchen Absurditäten die Professionalisierung des Gedenkens führt. Eigentlich ist unsere Hilflosigkeit angesichts dieser Verbrechen das Eigentliche.

Iris Hanika, geboren 1962 in Würzburg, lebt seit 1979 in Berlin. Nach Abschluss ihres Studiums der Literaturwissenschaften war sie seit 1989 feste Mitarbeiterin der Berliner Seiten der »FAZ« und führte eine Chronik im »Merkur«. 2006 erhielt Iris Hanika den Hans Fallada Preis, 2008 wurde sie mit ihrem ersten Roman "Treffen sich zwei" auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises platziert.

Iris Hanika: Das Eigentliche. Roman, 176 S., Droschl Literaturverlag 2010, € 19,--

Dienstag, 16. März 2010
in der Buchhandlung zur Heide

Andreas Mussenbrock: „Termin mit Kant. Philosophische Lebensberatung“

Wie kann man die Ideen der großen Denker für die konkreten Probleme des täglichen Lebens nutzen? Präsentiert werden vier Beispielgeschichten von Menschen, die nach Sinn und Orientierung suchen, unter Einsamkeit, Unzufriedenheit oder einem diffusen Zorn leiden, Angst vor der Zukunft haben. Anhand der Fallbeispiele werden die Hauptideen großer Philosophen daraufhin beleuchtet, was sie zur Lösung des jeweiligen Problems beitragen können. Die Lösungswege sind sehr einleuchtend und bieten eine Fülle von alltagstauglichen Denkanstößen.

"In der philosophischen Lebensberatung geht es um ganz praktische Hilfe, dieses Schwarze Loch in der Seele, dieses Vakuum im Herzen zu überwinden. Das philosophische Gespräch bietet dem Gast ein Forum, seine Nöte, Ängste und Sorgen allererst einmal auszusprechen, langsam seine Gefühle und Gedanken Wort werden zu lassen."

Dr. Andreas Mussenbrock wurde 1962 geboren und studierte Philosophie, Indologie, Politikwissenschaften und Publizistik an der Universität Münster. Promotion in Philosophie mit einer Arbeit über Parmenides. Er ist Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis (IGPP) und betreibt seit 2002 eine eigene Philosophische Praxis in Münster.

Andreas Mussenbrock: Termin mit Kant. Philosophische  Lebensberatung, 224  S., Deutscher Taschenbuch Verlag 2010, € 9,90

 

Montag, 1. März 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Arno Geiger: „Alles über Sally“

Alfred und Sally sind schon reichlich lange verheiratet. Das Leben geht seinen Gang, allzu ruhig, wenn man Sally fragt. Als Einbrecher ihr Vorstadthaus in Wien heimsuchen, ist plötzlich nicht nur die häusliche Ordnung dahin: In einem Anfall von trotzigem Lebenshunger beginnt Sally ein Verhältnis mit Alfreds bestem Freund. Und Alfred stellt sich endlich die entscheidende Frage: Was weiß ich von dieser Frau, nach dreißig gemeinsamen Jahren? Arno Geiger, der international gefeierte erste Träger des Deutschen Buchpreises 2005, erzählt mit souveräner Realistik und komischer Härte die Geschichte einer großen Liebe. Ein umwerfender Roman über den Ehebruch im Zeitalter der sexuellen Freimaurerei.

Arno Geiger, geboren 1968 in Bregenz, Vorarlberg, wuchs in Wolfurt/Österreich auf. Er studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und Wien. Seit 1993 lebt er als freier Schriftsteller. 1986 bis 2002 war er im Sommer auch als Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen tätig. 1996 und 2004 nahm Arno Geiger am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. 2008 wurde Arno Geiger mit dem "Johann-Peter-Hebel-Preis" geehrt.

Arno Geiger: Alles über Sally. Roman, 363 S., Hanser Verlag 2010, € 21,50

 

Montag, 8. Februar 2010
in der OsnabrückHalle

Herta Müller: „Atemschaukel“

Rumänien 1945: Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Die deutsche Bevölkerung lebt in Angst. "Es war 3 Uhr in der Nacht zum 15. Januar 1945, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15º C." So beginnt ein junger Mann den Bericht über seine Deportation in ein Lager nach Russland. Anhand seines Lebens erzählt Herta Müller von dem Schicksal der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen. In Gesprächen mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden hat sie den Stoff gesammelt, den sie nun zu einem großen neuen Roman geformt hat. Ihr gelingt es, die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin in einer zutiefst individuellen Geschichte sichtbar zu machen.

Herta Müller, 1953 geboren im deutschsprachigen Nitzkydorf/Rumänien, studierte 1973 - 1976 deutsche und rumänische Philologie in Temeswar. Nach dem Studium arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik. Sie wurde entlassen, weil sie sich weigerte für den rumänischen Geheimdienst Securitate zu arbeiten. Ihr erstes Buch Niederungen lag danach vier Jahre beim Verlag und wurde 1982 nur zensiert veröffentlicht. 1984 erschien es in der Originalfassung in Deutschland. Herta Müller konnte danach in Rumänien nicht mehr veröffentlichen und war immer wieder Verhören, Hausdurchsuchungen und Bedrohungen durch die Securitate ausgesetzt. 1987 Übersiedlung nach Deutschland. 1989 - 2001 Gastprofessuren an Universitäten in England, Amerika, Schweiz und Deutschland. Seit 1995 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt. Neben dem Nobelpreis erhielt Herta Müller zahlreiche weitere literarische Auszeichnungen. Sie lebt in Berlin.

Herta Müller: Atemschaukel. Roman, 304 S., Hanser Verlag 2009, € 19,90

Dienstag, 19. Januar 2010
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Norbert Zähringer: „Einer von vielen“

Mit einem Beben fängt alles an, am 1. September 1923, mitten in der Mojave-Wüste. Die Erde wankt, der Putz fällt von der Decke, Tassen stürzen vom Küchenbüffet. Hinein in dieses Chaos wird Edison Frimm geboren. Am selben Tag kommt in einem Berliner Mietshaus, rund 10 000 Kilometer weiter westlich, Siegfried zur Welt, und weil auch er in schwierige Zeiten, nämlich die Rezession der Weimarer Republik, geworfen ist, bettet
man ihn auf rund fünf Millionen Reichmark billiger als auf Heu. Noch am Abend wird sein Vater, ein Nationalsozialist der ersten Stunde, erschossen. So nimmt eine Jahrzehnte umspannende Kriminalgechichte ihren Lauf – und es beginnen zwei ungleiche
Lebenswege, die sich später, im kriegsverdunkelten Himmel über Berlin, kreuzen werden.
Von der Ironie der Geschichte, ihrem Motor, dem Zufall, von Kriegen, großen Katastrophen und kleinen Dramen erzählt Norbert Zähringer in seinem neuen Roman. Voller Sympathie für die kleinen Leute und ihre Geschichten schlägt er abenteuerliche
Volten und baut überraschende Brücken zwischen Historie und Gegenwart, zwischen Amerika und Deutschland.

Norbert Zähringer, 1967 in Stuttgart geboren, wuchs in Wiesbaden auf und lebt mit seiner Familie in Berlin. 2001 erschien sein Romandebüt So, das gefeiert wurde als „eines der komischsten, schrägsten und absurdesten Debüts der letzten Jahre“ und „unterhaltsame, souveräne, mit einem Wort: prächtige Literatur“. 2006 veröffentlichte
er Als ich schlief.

Norbert Zähringer: Einer von vielen. Roman, 486 S., Rowohlt Verlag 2009, € 22,90

 

Mittwoch, 18. November 2009
im Haus der Volkshochschule Osnabrück, Bergstr. 8
in Zusammenarbeit mit der VHS Osnabrück

Ulrike Müller: „Bauhaus-Frauen: Meisterinnen in Kunst, Handwerk, Fotografie und Design“

Damit hatte Direktor Walter Gropius nicht gerechnet: Das 1919 gegründete Staatliche Bauhaus - ein Anziehungspunkt für junge, unkonventionelle Frauen! Architektinnen, Bildhauerinnen, Keramikerinnen, Möbelgestalterinnen, später auch Fotografinnen wollten sie werden. Versprochen hatte Gropius "absolute Gleichberechtigung", schickte die Studentinnen aber zunächst nur in die Textilwerkstätten. Doch Weben reichte ihnen nicht, auch wenn sie es mit Leidenschaft taten. Gegen den Widerstand einiger Bauhausmeister brachen sie in die Domänen ihrer männlichen Kommilitonen ein und schufen auch hier Herausragendes. Ihre Arbeiten haben wesentlich dazu beigetragen, dass das modernes Bauhaus-Design im 20. Jahrhundert die Welt eroberte.
Die Weimarer Kulturwissenschaftlerin Dr. Ulrike Müller porträtiert im Vortrag einige dieser Frauen wie die Weberin Gunta Stölzl, die Metallgestalterin Marianne Brandt, die Fotografinnen Lucia Moholy und Grete Stern und stellt ihr Leben und Schaffen vor.

Dr. Ulrike Müller lebt in Weimar und ist Autorin, Musikerin und Ausstellungsmacherin. Sie promovierte über Else-Lasker-Schüler und veröffentlichte zahlreiche Essays und Artikel zu Kulturgeschichte und Literatur. Neben ihrer Arbeit als Herausgeberin veröffentlichte sie zuletzt den Bildband Die klugen Frauen von Weimar (2007).

Ulrike Müller: Bauhaus-Frauen. Meisterinnen in Kunst, Handwerk, Fotografie und Design, 152 S., Elisabeth Sandmann Verlag 2009, € 29,95

Donnerstag, 12. November 2009
in der Buchhandlung zur Heide
in Zusammenarbeit mit der VHS Osnabrück und der Hans Calmeyer-Initiative e.V.

Peter Niebaum: „Hans Calmeyer – ein „anderer“ Deutscher im 20. Jahrhundert“

Peter Niebaum erhält am 3. November die Bürger-Medaille der Stadt Osnabrück verliehen, vor allem für seine langjährigen und hartnäckigen biografischen Bemühungen um den Osnabrücker Rechtsanwalt Hans Calmeyer. Inzwischen ist eine neue Kurzbiografie, die Grundlage einer Übersetzung ins Englische sein wird, fast fertig. Aus diesem - noch nicht publizierten - Manuskript wird Peter Niebaum ausgewählte Kapitel vortragen. Eine Aussprache soll sich anschließen.

Die Lesung findet statt als Bestandteil des Rahmenprogramms zum diesjährigen
9. November in der Stadt Osnabrück. 

Dienstag, 10. November 2009
in der Buchhandlung zur Heide

Thomas von Steinaecker: „Schutzgebiet“

1913. In der abgeschiedenen Festung Benesi in der deutsch-afrikanischen Kolonie Tola hat das Schicksal eine bunte Schar glücksuchender Auswanderer zusammengewürfelt: Den Holzhändler Gerber, den die Hoffnung auf neue Reichtümer in diese gottverlassene Gegend geführt hat. Seine Schwester, die schöne und geheimnisvolle Käthe, der nach einer Scheidung die Rückkehr nach Deutschland unmöglich ist. Schirach, den strammen Offizier, der aus seiner kleinen schwarzen Schutztruppe ein preußisches Heer machen will. Den drogensüchtigen Arzt Dr. Brückner sowie den Forscher Lautenschlager, der mit Tropenhelm und Plattenkamera nach unbekannten Eingeborenenstämmen sucht. Inmitten dieses Ensembles steht Henry, ein Schiffbrüchiger. Ein Sohn reicher Eltern ist er, doch öffnet ihm das hier, so fern der Heimat, keine Türen. Er muss seinem Schicksal auf die Sprünge helfen, und nimmt die Identität seines Chefs an, der bei dem Schiffsunglück ums Leben kommt. Unter fremdem Namen plant er als Architekt die Stadt, die in der Steppe entstehen soll, ein wahrlich chaotisches Unterfangen.

Thomas von Steinaecker, geboren 1977 in Traunstein, lebt in München. Er studierte
Literaturwissenschaft in München und Cincinatti und promovierte über literarische Foto-Texte. Sein Debüt Wallner beginnt zu fliegen wurde mit dem Aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Debüt und dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet. 2008 erschien der Roman Geister, über den der Literaturkritiker Elmar Krekeler urteilte: "Dass Steinaecker einer der wagemutigsten, wachsten und konsequentesten Formexperimentatoren seiner Generation ist, hat er ... auch mit diesem Buch wieder unter Beweis gestellt."

Thomas von Steinaecker: Schutzgebiet. Roman, 388 S., Frankfurter Verlagsanstalt 2009, € 19,90

Montag, 19. Oktober 2009

Tobias Lehmkuhl und das Art of Blue-Ensemble
„Coolness. Über Miles Davis“
Literatur und Musik im BlueNote des Cinema-Arthouse

"Für mich geht's in der Musik und im Leben immer nur um Stil." Miles Davis war cool - so cool, dass ihm das Publikum sogar verzieh, wenn er mit seiner Trompete auf das Schlagzeug zielte. Das ging nur, wenn er seinen Zuhörern den Rücken zukehrte. In den 1950er Jahren ein Skandal! Als die Zeitschrift Time eine Titelstory über ihn machen wollte, lehnte er ab: "Ist bei euch Neger-Woche, oder was?!" Seine Trompete konnte wie geeist klingen, sein Ton klar und fest, mitunter scharf und durchdringend, scheinbar unangreifbar. Zugleich aber spielte er die zartesten Melodien, blies Balladen so rein und schlicht, dass einem die Tränen kamen. Doch nicht nur seine Musik, Miles Davis selbst galt Zeit seines Lebens als Inbegriff des Coolen. Niemand hat den Gestus schwarzer Selbstbehauptung und das Bild unermüdlicher Schöpferkraft so gut verkörpert wie er.

Tobias Lehmkuhl, geb. 1976, wuchs in Bissendorf bei Osnabrück auf. Er studierte Literaturwissenschaft und Romanistik in Bonn, Barcelona und Berlin. Dort arbeitet er seit 2002 als freier Journalist, schreibt Radio-Features, Reportagen, Essays und Kritiken, letztere vor allem für die "Süddeutsche Zeitung". Er erkundet musikalisch und biografisch, wie sich "die coole Pose" in Davis' Freundschaften und Feindschaften, seinen Liebesbeziehungen, Vorlieben, Hobbys und Abneigungen, in seinen politischen und ästhetischen Anschauungen, seiner Art aufzutreten und aufzuspielen manifestiert hat: "Cool ist, wer das Letzte aus sich herausholt - und dabei am Ende noch die Kontrolle behält ... Nur weil Miles Davis sich beherrscht (cool ist), kann das Publikum sich ganz der Musik hingeben."

Die musikalische Gestaltung des Abends übernimmt das Art of Blue-Ensemble um den Trompeter Matze Schwengler und den Saxophonisten Markus Kröger mit Robert Kantor/Piano, Artjom Gillung/ Kontrabass und Piet Wagner/Schlagzeug. Die Musiker des Ensembles studieren im Jazzstudienprogramm der Fachhochschule Osnabrück. Die Band wird ausgewählte Originalkompositionen Miles Davis’ aus den 50-er/60-er Jahren des 20. Jahrhunderts - also genau jener Epoche, in der Miles Davis in enger Zusammenarbeit mit Saxophonisten wie Cannonball Adderley, John Coltrane und Wayne Shorter zu seinem unverkennbaren Improvisations- und Kompositionsstil fand - spielen.

Tobias Lehmkuhl: Coolness. Über Miles Davis, 176 S., Rogner & Bernhard 2009, € 16,90

Donnerstag, 8. Oktober 2009
Buchvorstellung mit Diskussion in der Buchhandlung zur Heide
in Kooperation mit der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft e.V., Regionalgruppe Osnabrück, und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Osnabrück e.V.

Bettina Marx: „Gaza. Bericht aus einem Land ohne Hoffnung“

Die Bombardierung des Gazastreifens zu Beginn des Jahres 2009 hat fast 1.400
Menschen das Leben gekostet, darunter waren hunderte Kinder. Zwar weisen
israelische Militärsprecher Schuldvorwürfe gegen ihre Aktionen zurück, aber: Wo hätte sich die Bevölkerung in Sicherheit bringen sollen in einem Landstrich, der nicht größer ist als Bremen, in dem aber dreimal so viele Menschen leben - 1,5 Millionen - und dessen Grenzen so streng bewacht werden, dass er immer wieder auch als das größte Freiluftgefängnis der Welt bezeichnet wird?

Über den Zugang nach Gaza wacht Israel rigoros. Während früher tausende Arbeiter in Israel den Lebensunterhalt für ihre Familien verdienten, dürfen heute nur noch wenige Palästinenser ihr Land verlassen. Eine Generation nach der anderen wird um ihre Kindheit und Jugend betrogen, um ihre Chancen im Leben. Da die Bewohner von Gaza seit den neunziger Jahren keinen Kontakt mehr zu Israelis haben, haben sie sie auch nie als Arbeitgeber, als Kollegen oder als Freunde kennen lernen können. Für die meisten sind die Israelis nur Besatzer, Unterdrücker und Soldaten blutiger Militäroffensiven.

Bettina Marx studierte Judaistik und Islamwissenschaft. Viele Jahre berichtete sie als ARD-Hörfunk-Korrespondentin für den Deutschlandfunk aus Israel und den palästinensischen Gebiete. In ihrem Buch schildert sie aus eigener Anschauung das Leben in Gaza, ergänzt um Kapitel speziell über die aktuelle Situation im März 2009.

Bettina Marx: Gaza. Bericht aus einem Land ohne Hoffnung, 348 S., Zweitausendeins, € 19,90

Dienstag, 6. Oktober 2009
im BlueNote des Cinema-Arthouse

Judith Hermann: „Alice“

»Die Planeten laufen langsam. Aber sie machen ihre Transite. Und dann ändert sich dein ganzes Leben.« Wenn jemand geht, der dir nahe ist, ändert sich dein ganzes Leben, es
ändert sich, ob du willst oder nicht. Alles wird anders. Alice ist die Heldin dieser fünf atmosphärisch ebenso bezwingenden wie stilistisch meisterhaften Geschichten vom Sterben und von der Erfahrung des Verlustes – und davon, wie das Leben ist und das Lieben, wenn Menschen nicht mehr da sind. Dinge bleiben zurück, Bücher, Briefe, Bilder, und ab und zu täuscht man sich in einem Gesicht.

Wir freuen uns sehr, dass Judith Hermann bereits zum zweiten Mal unser LITTERA-Gast sein wird, um auf ihre unvergleichliche Art aus ihren Geschichten vorzutragen. Sie erzählt mit fester und berührender Stimme, wie Lebenswege sich kreuzen, die Richtung ändern und unwiederbringlich auseinandergeführt werden. Entstanden sind Geschichten von erstaunlicher Nüchternheit, großer literarischer Schönheit und ungeheurer Kraft.

Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren. Nach journalistischer Ausbildung und Zeitungspraktikum in New York erschien 1998 ihr erstes Buch Sommerhaus, später, dem eine außerordentliche Resonanz zuteil wurde und für das sie mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. 2003 erschien der Erzählungsband Nichts als Gespenster. Einzelne dieser Geschichten wurden 2007 für das deutsche Kino verfilmt. 2009 erhielt sie den Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg. Die Autorin lebt und arbeitet in Berlin.

Judith Hermann: Alice. Erzählungen, 188 S., S. Fischer Verlag 2009, € 18,95

 

Donnerstag, 24. September 2009

Ilija Trojanow: „Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“
Moderation: Jochen Thomas-Schumann
in der Kunsthalle Dominikanerkirche in Rahmen der Ausstellung BILDERSCHLACHTEN

Niemals würden Sie es anderen Menschen erlauben, in Ihren privaten Sachen zu schnüffeln, Sie zu bespitzeln oder zu belauschen. Was aber, wenn diese anderen Menschen den Staat oder die Wirtschaft repräsentieren? Ist Ihnen die totale Überwachung dann egal? Die Warnungen vor Terror und Kriminalität und die Annehmlichkeiten von Plastikkarten und Freundschaften im Internet lenken von einer Gefahr ab, die uns allen droht: dem transparenten Menschen. Bevor es so weit kommt, schlagen die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh und der Autor, Herausgeber und Verleger Ilija Trojanow mit einer engagierten Kampfschrift Alarm. Ihr Buch wird viele Menschen aufrütteln, die sich zu lange in falscher Sicherheit wiegten - denn unsere Bürgerrechte stehen auf dem Spiel.

Die besondere Konzeption der Ausstellung BILDERSCHLACHTEN eröffnet die Möglichkeit, den Einsatz von Techniken gegen Menschen in breiter Form zu vergleichen und diskutieren. Wir freuen uns deshalb über den Besuch von Ilija Trojanow in der Friedensstadt Osnabrück, der als ein Teil des Verfasserduos die Thesen des neuen Buches engagiert und provokativ vorstellen wird.

Ilija Trojanow, 1965 in Bulgarien geboren, in Kenia aufgewachsen, studierte und arbeitete viele Jahre in Deutschland lebte danach lange im Ausland. Trojanow ist Autor, Herausgeber und Verleger. er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit afrikanischer Geschichte, Kultur und Literatur. Der Autor erhielt zahlreiche Preise, darunter den Adelbert-von-Chamisso-Preis (2000), den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie "Belletristik" (2006) sowie zuletzt den Preis der Literaturhäuser (2009) und den Würth-Preis für Europäische Literatur (2010).

Ilija Trojanow/Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte, 176 S., Hanser Verlag 2009, € 14,90

Montag, 7. September 2009
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Norbert Scheuer: „Überm Rauschen“

aufgenommen in  die Endauswahl für den Deutschen Buchpreis 2009!

LITERARISCHER ÜBERRASCHUNGSGAST der Blind Date-Lesungen im Rahmen des Deutschen Buchpreises 2009

Wir erwarten einen literarischen ÜBERRASCHUNGSGAST, dessen Name bis zu Beginn der Veranstaltung geheim bleiben wird! Wer dieser Gast ist, ergab sich durch die am 19. August veröffentlichte Longlist für den Deutschen Buchpreis des besten deutschsprachigen Romans 2009. Nach der Bekanntgabe dieser 20 Bücher durch die Jury unter Leitung von Hubert Winkels hat die Buchhandlung zur Heide eine oder einen der nominierten Autorinnen und Autoren ausgewählt und eingeladen. Die Lesung findet in Kooperation mit dem „Börsenverein des Deutschen Buchhandels“ statt, insgesamt gibt es nur SIEBEN (!) Veranstaltungen dieser Art in Deutschland. Wir freuen uns über die große Ehre, gefragt worden zu sein, und empfinden dies als Anerkennung unserer täglichen Kulturarbeit.
Jeder Verlag aus Deutschland, Österreich und der Schweiz konnte sich mit zwei deutschsprachigen Romanen aus dem aktuellen oder geplanten Programm um den Deutschen Buchpreis bewerben. Die Bücher müssen zwischen Oktober 2008 und September 2009 erschienen sein. Der preisgekrönte Titel wird in mehreren Auswahlstufen ermittelt. Zunächst sichtete die Jury alle von den Verlagen eingereichten Romane und stellte eine 20 Titel umfassende Longlist zusammen. Daraus werden sechs für die Shortlist nominiert – erst am Abend der Preisverleihung erfahren die sechs
Ausgewählten, wer von ihnen den Deutschen Buchpreis erhält.

„Mit diesem Preis ist deutsche Literatur der Gegenwart wieder ins Gespräch gekommen, wie dies seit den Tagen der Gruppe 47 nicht mehr der Fall war.“ (Die Welt, 3.09.2008)

Einst sind der Vater und die Brüder gemeinsam fischen gegangen, das Rauschen des Wehrs hinter der Gaststätte in der Eifel, in der sie gelebt haben, hat die Kindheit der Brüder mit Ahnungen und Phantasien belebt. Aber der Vater, der beim Angeln immer auf der Suche nach einem riesigen, mythischen Urfisch war, ist schon lange tot. Und der ältere Bruder Hermann ist abgeholt worden, musste in die Klinik, er hat den Verstand verloren, sein Schicksal ist ungewiss. Der jüngere Bruder, der Ich-Erzähler, ist zurückgekehrt an den Ort der Kindheit, um der Familie zu helfen, steht im Fluss, angelt und lässt das Leben des Bruders, sein eigenes, das der Familie Revue passieren. Die Kindheit am Fluss, die erste Liebe, die kauzigen Gäste der elterlichen Gastwirtschaft, die Ausbruchsversuche des Bruders, der Niedergang der Kneipe, der Fluss und die Fische, der Tod der holländischen Gelegenheitsgeliebten des Bruders und die ungeklärte Frage nach dem eigenen leiblichen Vater - erschöpft und doch überwach versucht der Erzähler, aus den Erinnerungen und Gesprächen, Ereignissen und Beobachtungen einen Zusammenhang herzustellen, eine Erklärung zu finden.
Norbert Scheuers Roman „Überm Rauschen“ entwickelt mit seiner genauen und poetischen Sprache einen enormen Sog. Trauer und Schönheit einer ganzen Welt entstehen durch diese suggestive Geschichte, deren Protagonisten mit ihrer Suche nach dem großen mythischen Fisch zugleich auf der Suche nach dem Glück sind. Und das Glück ist da, im Rauschen, in der wehmütigen Kraft des Erzählens.

Norbert Scheuer, 1951 geboren, studierte physikalische Technik und Philosophie. Er erhielt mehrere Literaturpreise, arbeitet als Sytemprogrammierer und lebt mit seiner Familie in der Eifel. „Überm Rauschen“ ist sein sechstes Buch.

Norbert Scheuer: Überm Rauschen. Roman, 165 S., C.H. Beck Verlag 2009, € 17,90

 

Montag, 22. Juni 2009
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Denis Scheck: „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen...
Gibt es einen Zusammenhang zwischen literarischer Neuerscheinung und einem Papierkorb?“

Anläßlich des 90-jährigen Firmenjubiläums der Buchhandlung zur Heide informiert Denis Scheck unterhaltsam und fundiert über lesenswerte Neuerscheinungen des ersten Halbjahres 2009, aber auch über aktuelle Entwicklungen des Buchmarktes. Durch seine ultimativen Lobhudeleien wird er auf seine Weise die tägliche Arbeit aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Buchhandlung zur Heide ergänzen.

Denis Scheck, geboren 1964 in Stuttgart, ist Literaturkritiker und Kulturjournalist. Lesen und Schreiben konnte Denis Scheck im Alter von fünf Jahren, mit sechs Jahren übersetzte er englische Comics ins Deutsche, mit 13 Jahren wurde er Literaturagent und bereits im Alter von 16 Jahren bestritt er seinen Lebensunterhalt selbständig durch Literaturarbeit. Er studierte Germanistik, Zeitgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Düsseldorf und Dallas. Seit 2004 ist er Gastprofessor für Literaturkritik an der Universität Göttingen. Besonders bekannt wurde er durch die Moderation des monatlichen Büchermagazins Druckfrisch, das im Februar 2009 zum 50sten Mal in der ARD ausgestrahlt wurde. Scheck erhielt den Kritikerpreis des Deutschen Anglistentages und war Juror beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis. 2007 wurde er mit der Übersetzerbarke ausgezeichnet.

Dienstag, 2. Juni 2009
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Wilhelm von Sternburg: „Josef Roth. Eine Biografie“

Welch ein Leben: Vom jüdischen Außenseiter aus Ostgalizien zum Wiener Studenten und Weltkriegssoldaten, vom Starjournalisten der Weimarer Republik und Reisereporter zum österreichischen Literaten mit Weltruhm, der als verlorener Trinker im Pariser Exil stirbt. 70 Jahre nach Roths Tod wird sein Leben nun in dieser Biographie packend und kenntnisreich erzählt.
Joseph Roth - bekennender Ostjude mit Neigung zum Katholizismus, Pazifist und Einjährig-Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, zeitweise engagierter Sozialist und bald Propagandist einer erneuerten Habsburgmonarchie, analytischer Journalist und Legendenerzähler des eigenen Lebens, weitherziger Moralist und begnadeter Polemiker: Kaum ein Schriftsteller des 20. Jahrhunderts war so widersprüchlich, kaum einer war so geschickt und souverän darin, seine Biographie und seine Haltung zur Welt ständig neu zu erfinden. Der renommierte Publizist und Buchautor Wilhelm von Sternburg bringt Licht in das von Mythen durchwirkte Selbstbild Roths. Er legt die Wurzeln im Ostjudentum und die Motive für Roths Habsburgsehnsucht frei, er spürt der melancholischen Ironie und dem heiteren Pessimismus des stets neu enttäuschten Humanisten nach. Anschaulich erzählt er von Roths Aufstieg, den bitteren Jahren der Emigration, Roths unbeirrtem publizistischen Kampf gegen die Nazi-Barbarei, vom Wahnsinn der Ehefrau und von Roths körperlichem Verfall. Erhellend sind die Bezüge zu Kleist, Hölderlin, Heine oder Kafka und die Deutungen zu Roths Romanen, seiner Heimatlosigkeit und der lebenslangen Fluchtbewegung.
Diese große Roth-Biographie ist eine faktenreiche und fesselnd erzählte Lebensbeschreibung und zugleich ein tiefenscharfes Zeitbild. Sprachlich brillant und mit großem psychologischem und historischem Wissen verknüpft Wilhelm von Sternburg das Lebensbild Joseph Roths mit der Werk- und Zeitgeschichte. Ein Buch, das Lust macht, wieder Joseph Roth zu lesen - und zwar alles von Roth!

Wilhelm von Sternburg, Jahrgang 1939, war über dreißig Jahre lang Journalist für verschiedene Zeitungen sowie für Rundfunk und Fernsehen, u. a. Chefredakteur beim Fernsehen des Hessischen Rundfunks. Seit 1993 arbeitet er als freier Schriftsteller und Publizist. Sternburg hat u.a. Biographien über Konrad Adenauer, Lion Feuchtwanger, Carl von Ossietzky, Arnold Zweig und Erich Maria Remarque veröffentlicht sowie weitere Titel zu historischen und kulturellen Themen.

Wilhelm von Sternburg: Josef Roth. Eine Biografie, 400 S., Verlag Kiepenheur & Witsch 2009,  € 19,95

 

Dienstag, 19. Mai 2009

Daniela Dahn: „Wehe dem Sieger! Ohne Osten kein Westen“

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer steht für die ostdeutsche Publizistin Daniela Dahn fest: Der Westen ist der Verlierer der Einheit. Die meisten im Osten hingegen haben gewonnen: Rechtsstaat und Reisefreiheit, höhere Renten und besseres Wohnen, modernste Infrastruktur, Konsumvielfalt und eine sich erholende Umwelt.Doch auch ihnen vergeht allmählich der Spaß. Denn der Westen von heute hat mit dem Land der Verheißungen, von dem sie einst träumten, nicht mehr viel gemein. Ohne Mauer und Systemkonkurrenz ist er haltlos geworden. Werte und Ziele wie Wohlstand für alle, mehr bürgerliche Freiheiten, soziales Wirtschaften und eine intellektuelle Kultur, die auf Meinungsvielfalt setzt - sie schwinden dahin.Was bleibt vom Kapitalismus, so wie die Westdeutschen ihn einst kannten und die Ostdeutschen ihn sich erhofften? Daniela Dahn geht dieser Frage mit gewohnt präziser Recherche, spitzer Zunge und brillanter Sprache anhand vieler Beispiele aus dem Alltagsleben nach.

Daniela Dahn, geboren 1949 in Berlin, Journalistikstudium in Leipzig, danach Fernsehjournalistin. Seit 1981 arbeitet sie als freie Autorin, Mitglied des PEN seit 1991, Gründungsmitglied des „Demokratischen Aufbruchs“. Sie ist Trägerin des Kurt-Tucholsky-Preises für literarische Publizistik, der Luise-Schroeder-Medaille der Stadt Berlin und des Ludwig-Börne-Preises.

Daniela Dahn: Wehe dem Sieger! Ohne Osten kein Westen, 256 S., Rowohlt Verlag 2009,  € 18,90

 

Montag, 4. Mai 2009

Thomas Klupp: „Paradiso“

Es ist heiß. Glühend heiß. In der flirrenden Tankstellenluft wartet Alex Böhm auf einen gelben Kombi, der gleich an den Zapfsäulen halten und ihn nach München bringen soll. Von dort wird er am nächsten Morgen mit seiner Freundin Johanna nach Portugal fliegen. Das ist der Plan. Aber dann taucht Konrad auf, der Loserkonrad aus Schulzeiten, und diese Begegnung katapultiert Böhm auf das Minenfeld seiner Vergangenheit. Während er in atemlosen Monologen einen Zünder nach dem anderen schärft, gerät er in die nördliche Oberpfalz, seine alte Heimat. Hier riecht es nach Zerstörung, und der Eindruck trügt nicht. Bei einem Fest am Paradiso, einer Kiesgrube tief im Wald, kommen all diejenigen zusammen, die in seinem Leben eine Rolle gespielt haben. Als er das Fest nach Sonnenaufgang verlässt, ist nichts mehr wie zuvor...
Das Debüt von Thomas Klupp ist ein bitterböser Roman über einen Charakter ohne moralisches Innen, über einen Blender im Hier und Jetzt, anarchisch und mit tiefschwarzem Humor erzählt.

Thomas Klupp wurde 1977 in Erlangen geboren und lebt in Berlin. Er gab die Literaturzeitschrift BELLA triste heraus und arbeitet am Literaturinstitut der Universität Hildesheim. Er veröffentlichte Prosa in Zeitschriften und Anthologien und erhielt bereits zahlreiche literarische Stipendien.

Thomas Klupp: Paradiso. Roman, 208 S., Berlin Verlag 2009,  € 18,--

 

Montag, 27. April 2009
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Viola Roggenkamp: „Die Frau im Turm“

Hamburg, 1999: Masia Bleiberg, ohne Beruf, ohne Liebesgeschichte, ist mit ihrem Leben unzufrieden. Zu ihrem Vater, Jude und deutscher Kommunist in der DDR, hat sie nie Kontakt gehabt. In der Hoffnung, ihn in Dresden zu finden, begleitet sie August Kuhl, ihren einzigen Freund, der dort einen Film dreht über die Gräfin Cosel - einst berühmte Mätresse von August dem Starken, mächtigste Frau an einem der glanzvollsten Höfe des 18. Jahrhunderts, verstoßen und verbannt auf die Festung Stolpen und ausgesperrt aus der Welt bis zu ihrem Tod. In fünfzig Jahren Gefangenschaft wurde die schöne Dame des Hochadels zu einer Gelehrten, sie durchwanderte geistige Freiräume, die sie im Judentum fand - zu ihrer Zeit ein Skandal.
Mit großem erzählerischen Können verwebt Viola Roggenkamp in diesem neuen Roman das Leben der Cosel mit dem der jüdischen Tochter Masia, zwei Frauen in Deutschland, denen Judentum Stigma ist und Fluchtpunkt.

Viola Roggenkamp, in Hamburg geboren, stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie. Nach dem Studium der Psychologie, Philosophie und Musik verbrachte sie mehrere Jahre in verschiedenen Ländern Asiens und in Israel. Als Schriftstellerin und Publizistin lebt sie heute wieder in Hamburg. 2004 erschien ihr in mehrere Sprachen übersetzer Besteller Familienleben, 2005 ihr großer Essay Erika Mann – eine jüdische Tochter.

Viola Roggenkamp: Die Frau im Turm. Roman, ca. 448 S., S. Fischer Verlag 2009, ca. € 19,95

Mittwoch, 25. März 2009
im Renaissancesaal des Ledenhofs Osnabrück 

Gewinnerin des Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse 2009 !

Sibylle Lewitscharoff: „Apostoloff“

Zwei Schwestern - die eine auf der Rückbank, die andere auf dem Beifahrersitz, die eine scharfzüngig und kampflustig, die andere nachsichtig und höflich: Sie sind unterwegs im heutigen Bulgarien. Auf der ersten Hälfte ihrer Reise waren sie Teil eines prächtigen Limousinenkonvois, der die Leichen von 19 Exilbulgaren - in den Vierzigern von Sofia nach Stuttgart ausgewandert -  in ihre alte Heimat überführte. Darunter der frühverstorbene Vater der Schwestern. Jetzt sind sie Touristinnen, chauffiert vom langmütigen Rumen Apostoloff. Er möchte den beiden die Schätze seines Landes zeigen, die Keramik mit Pfauenaugendekor (dessen Kobaltblau giftig ist), die Schwarzmeerküste (komplett versaut), die Architektur (ein Verbrechen des 20. Jahrhunderts). Die Jüngere, die Erzählerin, spuckt Gift und Galle.
Apostoloffs Vermittlungsversuche zwischen Sofia und Stuttgart sind zunächst wenig erfolgreich. Denn das bulgarische Erbe der Schwestern wiegt schwer - wenn der Vater, der erfolgreiche Arzt und schwermütige Einwanderer, in ihren Träumen auftaucht, schlängelt das Ende des Stricks, an dem er sich erhängt hat, noch hinter ihm her. Doch dem Unglück, das dieses Aas von einem Vater auf Häupter und Herzen seiner Töchter geladen hat wird nicht auf melancholische Art begegnet.

Sibylle Lewitscharoff wurde 1954 in Stuttgart geboren. Sie studierte Religionswissenschaften in Berlin, wo sie heute lebt. Ihre schriftstellerische Arbeit begann sie mit dem Verfassen von Hörspielen und Radiofeatures. Für ihren Debüt-Roman Pong erhielt sie 1998 in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis. Im Jahr 2003 erschien der Roman Montgomery und 2006 Consummatus. 2007 wurde sie mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet, 2008 mit dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis.

Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff. Roman, 245 S., Suhrkamp Verlag 2009,  € 19,80

Dienstag, 17. März 2009
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

John Griesemer: „Herzschlag“

In einer zweisprachigen Lesung mit seinem Übersetzter Henning Ahrens stellt John Griesemer, dessen Rausch Millionen von Leserinnen und Lesern begeisterte, seinen lange erwarteten neuen Roman vor! Wir freuen uns sehr, dass die beiden im Rahmen ihrer Lesereise in wenigen deutschen Städten auch in Osnabrück Station machen.
New York im September 2001: Der Schauspieler Noah Pingree ist auf dem Weg zur Arbeit. Im Theater im Lincoln Center steht sein neues Stück auf dem Programm. Alles ist wie immer, doch je näher der Auftritt rückt, desto stärker werden Noahs Kopfschmerzen. Und kurz bevor sich der Vorhang öffnet, trifft ihn der Schlag. Als er Tage später in einem Krankenhaus erwacht, steht nicht nur die Stadt New York, sondern die ganze Welt unter Schock. Doch Noah kämpft sich zurück ins Leben – und stellt fest, dass manchmal erst alles aus den Fugen geraten muss, damit etwas Neues beginnt.
Mit Herzschlag hat John Griesemer ein magisches Werk geschaffen: Die Geschichte des geschlagenen Schauspielers, dem sich inmitten von Tragödien das nackte Leben zärtlich offenbart, ist zugleich die Geschichte des Schreckens und der Schönheit unserer Welt.

John Griesemer, 1947 geboren, ist der Autor der Romane Rausch, der monatelang auf der Spiegel-Bestseller-Liste stand, und Niemand denkt an Grönland, der unter dem Titel Guy X verfilmt wurde. John Griesemer lebt mit seiner Familie in New Hampshire.

Henning Ahrens wurde 1964 geboren und lebt in der niedersächsischen Provinz. Er ist freier Schriftsteller, arbeitet aber auch seit vielen Jahren als Übersetzer. Neben zahlreichen Lyrikbänden veröffentlichte er zuletzt Tiertage, einen Roman aus Niedersachsen. Im Mai 2009 wird sein Provinzlexikon im Albrecht Knaus Verlag erscheinen.

John Griesemer: Herzschlag. Roman, 432 S., Arche Verlag 2009,  € 24,90

Dienstag, 17. Februar 2009
im Regenwaldhaus des Botanischen Gartens Osnabrück
in Zusammenarbeit mit dem Freundeskreis des Botanischen Gartens Osnabrück e.V.

Jürgen Neffe: „Darwin. Das Abenteuer des Lebens“

Fünf Jahre erkundete Charles Darwin ab 1831 auf einem Segelschiff, der Beagle, die Erde und revolutionierte mit seinen dabei gewonnenen Erkenntnissen das Bild vom Leben. Er ging als Gottesgläubiger und kehrte als Begründer der Evolutionstheorie zurück. Zum Darwin-Jahr 2009 reist Jürgen Neffe auf Darwins Spuren zu abgelegenen Inseln, durchstreift Urwälder, trifft Indianer, Naturschützer und Genforscher. Immer im Sog der Grundfrage nach dem Geheimnis des Lebens. Da lässt sich am Strand von Rio über sexuelle Auslese nachdenken oder bei einem Ritt durch Patagonien über die natürliche Zuchtwahl. Ein Roadmovie über die Erforschung des Lebendigen gesättigt von Erkenntnislust und Abenteuer, aufregend und im Bann jener Kraft, die das Leben dereinst auf den Weg brachte und die wir bis heute nicht zureichend kennen. „Wissenschaftsjournalismus im allerbesten Sinn: allgemein verständlich, einfühlsam und spannend“ schrieb „Der Tagesspiegel“ zum Vorgängerbuch über Albert Einstein.

Jürgen Neffe, Jahrgang 1956, studierte zunächst Physik, dann Biologie, Nach seiner biochemische Promotion war er zwanzig Jahre Journalist, als Redakteur und Autor tätig bei GEO, als Reporter, Kolumnist und Korrespondent (in New York) beim SPIEGEL. Danach Aufbau und Leitung des Hauptstadtbüros der Max-Planck-Gesellschaft und Mitarbeit im Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Er lebt als freier Publizist bei Berlin. Mehrfach preisgekrönt, ausgezeichnet unter anderem mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis.

Jürgen Neffe: Darwin. Das Abenteuer des Lebens. 448 S. mit 80 Fotos, C. Bertelsmann Verlag 2008, € 22,95

Sonntag, 30. November 2008
in der OsnabrückHalle (früher Stadthalle Osnabrück)

Günter Grass: „Die Box“

Eine besessene Fotografin, ein Fotoapparat mit phantasievollem Innenleben, Gespräche, unter unsichtbarer Anleitung des Vaters von acht Kindern geführt, Kindheits- und Eheszenen: Auf überraschende Art setzt Günter Grass mit diesen Dunkelkammergeschichten seine Autobiografie fort. Wir freuen uns sehr über den erneuten Besuch des Nobelpreisträgers, der bereits 2002 unser LITTERA-Gast war!

Eigentlich ist es eine altmodische Kastenkamera, wie man sie früher Jugendlichen zum Geburtstag schenkte. Aber mit der Agfa-Box der alten Marie hat es Besonderes auf sich: Seit sie in Berlin Krieg und Feuerstürme überstanden hat, blickt sie vorwärts und rückwärts. Genauer gesagt: Die mit ihr geknipsten Aufnahmen zeigen Zukünftiges und Vergangenes, zeigen bei einem Stapellauf den tragische Untergang des Schiffes oder am Wohnzimmertisch eine Männerrunde aus uralten Zeiten. Lara entdeckt auf einem Schnappschuss das Pferd, das sie sich wünscht, Nana sieht sich mit Mutter und Vater, die getrennt leben, vereint auf dem Kettenkarussell durch die Lüfte sausen. „Mariechens Wünsch-dir-was-Box“ sagen die Kinder.
Marie ist Fotografin. Sie besitzt eine Leica, auch eine Hasselblad. Aber wenn der Schriftstellerfreund auf Motivsuche für seine Bücher "Knips mal, Mariechen" sagt, arbeitet sie nur mit der Box. So schreiben die Box und der Schriftsteller ihre wahren und ihre Dunkelkammergeschichten.
Jahre später sitzen die acht Kinder, die nun erwachsen sind, zusammen und erinnern sich - achtstimmig, jedoch widersprüchlich, freundlich, kritisch und manchmal anklagend an den „Alten“ und seine „starken“ Frauen, ihre Mütter, an ihre von Marie und ihrer „Zauberbox“ begleitete Kindheit.
Günter Grass schreibt in diesem Buch, das durch die „Optik“ der Spezialkamera eine zweite Erzählebene und eine unerwartete Perspektive gewinnt, seine Autobiografie fort. Zugleich hat er damit der Fotografin und Freundin Marie Rama, die ihn und seine Familie ab Mitte der fünfziger Jahre bis zu ihrem Tod 1997 begleitete, ein heiteres Denkmal gesetzt.

Günter Grass, 1927 in Danzig geboren, ist Schriftsteller, Bildhauer und Grafiker. 1999 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. 2006 erschien sein großes autobiografisches Buch Beim Häuten der Zwiebel

Günter Grass: Die Box. Dunkelkammergeschichten, mit 10 Zeichnungen, 216 S., Steidl Verlag 2008, 18,--

Montag, 24. November 2008
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Träger des Deutschen Buchpreises 2008 !!

Uwe Tellkamp: „Der Turm“

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der „süßen Krankheit Gestern“der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze - oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der „roten Aristokratie“im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk „Ostrom“, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
In epischer Sprache, in eingehend-liebevollen wie dramatischen Szenen entwirft Uwe Tellkamp ein monumentales Panorama der untergehenden DDR, in der Angehörige dreier Generationen teils gestaltend, teils ohnmächtig auf den Mahlstrom der Revolution von 1989 zutreiben, der den Turm mit sich reißen wird.

Uwe Tellkamp, 1968 in Dresden geboren, studierte in Leipzig, New York und Dresden Medizin und arbeitete als Arzt an einer unfallchirurgischen Klinik. Für seine Lyrik bereits mehrfach ausgezeichnet, erhielt Uwe Tellkamp 2004 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Mit seinem Roman Der Eisvogel war er bereits unser LITTERA-Gast.

Uwe Tellkamp: Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land. Roman, 1000 S., Suhrkamp Verlag 2008, €  24,80

Donnerstag, 20. November 2008
in der Buchhandlung zur Heide mit kulinarischen Überraschungen
in Zusammenarbeit mit der deutsch-italienischen Gesellschaft Osnabrück e.V.

Peter Peter: „Die Kulturgeschichte der italienischen Küche“

In diesem farbigen Portrait einer Jahrtausende alten vitalen Kochkunst wird von antiken Symposien und päpstlichen Renaissance-Gelagen erzählt, von berühmten Kochbüchern und einfachen Fischgerichten, vom Siegeszug der Nudeln und von den Wurzeln der Cucina Povera, der gesunden Landküche mit ihrer legendären Mittelmeerdiät. Denn gerade die regionale Vielfalt von den Alpen bis zur Stiefelspitze erweist sich als unerschöpflicher Fundus für kulinarische Kreativität.
Die italienische Küche ist heute so lebendig und erfolgreich, weil sie sich immer wieder an ihrem reichen kulinarischen Erbe inspirieren kann. Über 2500 Jahre, bevor Pizza und Pasta global wurden, praktizierten süditalienische Griechen die erste Hochküche Europas. Der internationale Delikatessenhandel des Römischen Reiches ermöglichte erlesene und kreative Rezept-Fusionen. Die sizilianischen Araber machten Zucker und Orangen, Reis und Nudeln, Artischocken und Auberginen im mittelalterlichen Italien heimisch. Der Risotto der Dogen Venedigs Risi e Bisi oder das Pfefferfleisch des Renaissance-Architekten Brunelleschi werden heute wieder in venezianischen oder toskanischen Osterien nachgekocht, während die jungen Starköche des Südens wie selbstverständlich an eine spanisch eingefärbte Cucina Barocca anknüpfen und Fische mit Zwiebelmarmelade und kandierten Tomaten würzen.
Diese Geschichte der italienischen Küche spannt einen weiten Bogen von der Zeit der Römer bis zur heutigen italienischen Globalküche. Zwar ist dieses Buch kein Kochbuch, sondern eine Kulturgeschichte, doch werden natürlich auch viele Rezepte vorgestellt.
Peter Peter leitet seit dem Studium fast weltweit Studienreisen. Zahlreiche Veröffentlichungen, z.B. kunstgeschichtliche Reiseführer zu Venedig, Wien, Umbrien, Ligurien etc., kulinarische Guides über die Cucina Siciliana, die Trattorien der Toskana, des Gardasees und die Gasthöfe Südtirols. Travel-Artikel für Magazine wie Madame oder Elle.

Peter Peter: Die Kulturgeschichte der italienischen Küche, 182 S. mit zahlr. Abb., C.H.Beck Verlag 2006, € 19,90

Donnerstag, 6. November 2008
im Haus der Volkshochschule, Bergstraße 8, 49074 Osnabrück
in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Osnabrück

Gunna Wendt: „Franziska zu Reventlow. Die anmutige Rebellin“

Ein ungewöhnliches Frauenschicksal im Fin de Siècle: Als Fanny Gräfin zu Reventlow wurden sie am 18. Mai 1871 in einem Schloss bei Husum als fünftes von sechs Kindern geboren. Die eigenwillige und künstlerisch begabte Tochter erschien ihren Eltern schon früh als schwer erziehbar. Die Widerspenstige entzog sich ihrer Zähmung, rebellierte gegen eine Gesellschaft, welche die Frauen zu heiratsfähigen Porzellanpuppen dressieren wollte. Und sie entdeckte für sich eine Fluchtlinie, die ihre lebhafte Phantasie anregte, und ihr gleichzeitig Sicherheit verlieh: das Schreiben. Zeitlebens führte sie Tagebuch und eine ebenso umfang- wie aufschlussreiche Korrespondenz. 1893 ging sie nach München, um sich als Malerin ausbilden zu lassen und in der Bohème ein Leben in Freiheit zu führen: ungebundene Liebe, erotische Abenteuer, eine freie Schriftstellerexistenz, Wohngemeinschaft, ein Kind ohne Vater. Sie bereute nichts - allen Krisen, der permanenten Geldnot, der Einsamkeit und den Selbstzweifeln zum Trotz.
Anhand der umfangreichen autobiographischen Zeugnisse und bisher unveröffentlichter Briefe aus der Jugendzeit erzählt Gunna Wendt ein Leben, das vor allem eins war: eine kompromisslose Suche nach Freiheit und Glück, die bis heute nichts von ihrer Brisanz und ihrem Zauber verloren hat.

Gunna Wendt, geb. 1953, lebt als freie Schriftstellerin und Ausstellungsmacherin in München. Neben ihren Arbeiten für Theater und Rundfunk veröffentlichte sie Kurzgeschichten, Essays und Biographien, u. a. über Maria Callas, Helmut Qualtinger, Clara Rilke-Westhoff, Paula Modersohn-Becker und Liesl Karlstadt.

Gunna Wendt: Franziska zu Reventlow. Die anmutige Rebellin, 317 S., Aufbau Verlag 2008, € 24,95

Mittwoch, 5. November 2008
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Thomas R.P. Mielke: „Die Varus-Legende“

Er ist einer der mächtigsten Feldherren Roms. Seine Erfolge in Judäa und an den Grenzen des Imperiums sind Legende. Da überträgt ihm Kaiser Augustus seine wohl wichtigste Mission: Varus muss die Aufstände der Stämme im wilden Germanien niederschlagen. Er zieht mit seinen Legionen gen Norden. Was niemand wissen darf: Varus führt einen Schatz mit sich. Was niemand ahnen kann: Sein Zenturio Arminius sinnt auf Verrat ...
2000 Jahre später: mitten in den Vorbereitungen für das Jubiläum der Varusschlacht wird ein Forscher mit einem antiken Speer ermordet. Der Journalist Thomas Vesting verfolgt eine gefährliche Spur: Wer weiß etwas über den mysteriösen Schatz und wer ist bereit, dafür zu töten?

Thomas R.P. Mielke arbeitete als Kreativdirektor in internationalen Werbeagenturen und ist seit Jahren für seine viel gelesenen historischen Romane bekannt, z.B. Karl der GroßeGilgameschInanna oder Die Kaiserin. Er lebt heute in Berlin. Mit seinem spannenden Buch zum Thema wollen wir stellvertretend auf die vielen Titel hinweisen, die im Jahr 2009 zur Varusschlacht erscheinen werden.

Thomas R.P. Mielke: Die Varus-Legende. Roman, 448 S., Scherz Verlag 2008, € 14,90

Freitag, 31. Oktober 2008
im Lutherhaus, Jahnstr.1, 49080 Osnabrück
in Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek Osnabrück anlässlich von „Deutschland liest“

Raoul Schrott:
„Die Ilias von Homer: Das älteste Epos Europas neu entdecken“

Der Ursprungsmythos des Abendlandes in einer neuen zeitgemäßen Übertragung von Raoul Schrott: Noch nie wurde dem heutigen Leser dieses große Epos vom Troianischen Krieg so nahe gebracht, in einer ebenso kraftvollen wie bildhaften Sprache. Ausgelöst von Paris' Raub der schönen Helena, schildert Homer blutige Schlachten zwischen Griechen und Troianern und erzählt von den Göttern, die den Menschen bei ihrer Selbstzerfleischung zuschauen. Homers Geschichte ist das gleichsam enzyklopädische Monument jener Kultur, von der unsere heutige sich ableitet.
Die Werke des Homer sind immer wieder übertragen worden, in Übersetzungen, die Generationen geprägt haben. Der Kontakt zur antiken Literatur ist jedoch in den vergangenen Jahrzehnten bedroht. Raoul Schrotts große Neuübertragung eröffnet dem Epos einen frischen Zugang. Er befreit das Zeitgemälde dieses Meisterwerks von allem
antiquierten Firnis und bringt darunter jene Geschichte wieder zum Glänzen, deren Lebendigkeit ihren zeitüberdauernden Ruhm begründete. Dies gelingt ihm durch ein sinnliches Deutsch, das ebenso direkt wie poetisch, so musikalisch wie anschaulich ist.

Homer ist der erste namentlich bekannte Dichter der griechischen Antike. Er lebte vermutlich gegen Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. in den von Griechen kolonisierten Gebieten Kleinasiens und gilt als Schöpfer der ältesten Werke der abendländischen Literatur: der Ilias, der Odyssee und der Homerischen Hymnen. Schon in der Antike wurde über Homers Person und Herkunft diskutiert: Smyrna, Athen, Ithaka, Pylos, Kolophon, Argos und Chios beanspruchten, als sein Geburtsort zu gelten. Er starb vermutlich auf der Insel Ios.

Raoul Schrott, Jahrgang 1964, studierte Literatur und Sprachwissenschaft in Innsbruck, Norwich, Paris und Berlin. Er lebt in Innsbruck und in der Provence. Für sein Werk wurde er bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Im Rahmen seiner Forschungen zu Homer hat Schrott die kilikischen Hintergründe für die Götter und Heldenfiguren der Ilias erforscht und die kilikische Landschaft bereist. In seinem vielbeachteten Buch Homers Heimat legte er seine Thesen für den Schauplatz der Ilias mit einer Fülle von Daten, Fakten, Belegen und Indizien vor.   

Homer: Ilias, neu übertragen von Raoul Schrott, 592 S., Hanser Verlag 2008, € 34,90

Mittwoch, 22. Oktober 2008
im Alten Kreishaus, Neuer Graben 40, 49074 Osnabrück, Raum 41/112
in Zusammenarbeit mit dem Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Osnabrück

Claire Keegan: „Durch die blauen Felder“

In einer zweisprachigen Lesung mit ihrem Übersetzter Hans-Christian Oeser stellt mit Claire Keegan eine der interessantesten englichsprachigen Autorinnen ihre im Frühjahr auf Deutsch erschienenen Erzählungen vor, die bereits auf große Zustimmung bei Publikum und Kritik gestoßen sind.
Vier Jahre nach ihrem überragenden Erzählungenband Wo das Wasser am tiefsten ist  liegt jetzt eine weitere Sammlung der irischen Autorin vor: Sieben Erzählungen, die ausnahmslos auf dem Land spielen und dabei so weit von jeglicher Schrulligkeit und Idylle entfernt sind, wie es nur denkbar ist. Die Menschen, von denen hier erzählt wird, sind absolut modern: Sie leben in verkorksten Verhältnissen, sind einsam und sprachlos. Einzelne sind Opfer von Gewalt, alle aber haben sie Verluste zu beklagen.
Die Texte der Autorin handeln vom Scheitern und Versagen, von der vergeblichen Flucht, von der Trauer um das Verlorene und von der Abwesenheit der Liebe. „Dennoch kann man sie nicht anders als schön nennen“ schreibt Jochen Schimmang in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, „ihre Geschichten sind ein Beispiel dafür, dass die Form der Erzählung dem großen und wuchtigen Roman überlegen sein kann, gerade weil sie nicht vom Drang aufs große Ganze geprägt ist“.

Claire Keegan, geboren 1968 in der irischen Grafschaft Wicklow, wuchs auf einer Farm auf und studierte in New Orleans, Cardiff und Dublin. Heute lebt sie in der Grafschaft Monaghan, Irland. Für ihrer Erzählungen wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Hans-Christian Oeser, geboren 1950 in Wiesbaden, lebt als literarischer Übersetzer und Herausgeber in Dublin. Er übersetzte u. a. Werke von Christopher Nolan, Ian McEwan, und John McGahern. Er wurde mit dem Europäischen Übersetzerpreis Aristeion ausgezeichnet

Claire Keegan: Durch die blauen Felder. Erzählungen, 190 S., Steidl Verlag 2008, € 16,--

Montag, 6. Oktober 2008
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Josef Winkler: „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot“

Wir freuen uns, dass wieder der aktuelle Georg-Büchner-Preisträger, des wichtigsten deutschen Literaturpreises, unsere Einladung nach Osnabrück angenommen hat.  „Reisen, um heimatlos zu werden“, schreibt Henri Michaux. Der Österreicher Josef Winkler ist während der Niederschrift seiner Romane über sein Heimatland Kärnten immer wieder nach Italien gereist, später nach Indien und dann auch nach Mexiko, im Gepäck die Erzählungen anderer Autoren, aus denen er kurze Zitate als Intarsien in seine poetologischen Reportagen einsetzt: von Reisen, die ihn zu seiner eigenen Überraschung mit Variationen eines Bildes aus der Kindheit - ein am Straßenrand liegendes, bereits mit Packpapier abgedecktes, überfahrenes Kind - heimholen. Zuletzt in Klagenfurt, wo bei Straßenarbeiten zur Vorbereitung der Fußballeuropameisterschaft 2008 ein Kind überfahren wird und stirbt. Erzählung für Erzählung, Todesfall für Todesfall rückt Winkler seiner Heimatlosigkeit näher.

Josef Winkler wurde am 1953 in Kamering bei Paternion in Kärnten geboren. Nach der Volksschule besuchte er drei Jahre lang die Handelsschule in Villach. Nachdem er zunächst im Büro einer Oberkärntner Molkerei beschäftigt ist, besuchte er die Abendhandelsakademie in Klagenfurt und arbeitete tagsüber im Betrieb eines Verlags, der Karl-May-Bücher produziert, seit 1971 dann in der Verwaltung der neuen Hochschule für Bildungswissenschaften in Klagenfurt. In seiner Freizeit besuchte er germanistische und philosophische Vorlesungen. Seit 1982 ist Josef Winkler freier Schriftsteller. Er lebt derzeit in Klagenfurt. 2008 erhielt Josef Winkler den Georg-Büchner-Preis.

Josef Winkler: Ich reiß mir eine Wimper uas und stech dich damit tot, 100 S., Suhrkamp Verlag 2008, € 8,50

Montag, 22. September 2008
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Maria Cecilia Barbetta: „Änderungsschneiderei Los Milagros“

Änderungsschneiderei Los Milagros, Calle Gascon, Buenos Aires: Hier arbeitet die junge Mariana Nalo bei ihrer Tante Milagros. Sie liebt die unzähligen bunten Garne in der Schneiderei und Gerardo, der bis auf drei Postkarten spurlos in die USA verschwunden ist. Eines Tages kommt die junge Analia Moran in die Änderungsschneiderei. Sie liebt die vollkommene Symmetrie der Zahlen und Roberto, der sie auf Händen trägt. Für ihre Hochzeit will sie das Hochzeitskleid ihrer Mutter aus wertvoller italienischer Seide ändern lassen. Von diesem Augenblick an ist nichts mehr, wie es war ...
In ihrem stimmungsvollen Roman voller emotionaler Kraft und mitreißender Gefühle um zwei junge Frauen erzählt Maria Cecilia Barbetta von Liebe, Sehnsucht und enttäuschten Hoffnungen, von Krokodilstränen und echter Verzweiflung. Sie spielt mit den großen lateinamerikanischen Traditionen phantastischen Erzählens und der Telenovela und führt die Leser in eine barocke Wunderkammer, in einen kippbildartigen Raum, der zwischen Realem und Phantastischem oszilliert.

Maria Cecilia Barbetta wurde 1972 in Buenos Aires geboren, wo sie Deutsch als Fremdsprache studierte. Mit einem DAAD-Stipendium kam sie 1996 nach Berlin und blieb. Seit 2005 ist sie freie Autorin, 2007 erhielt sie das Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste und nahm an der renommierten Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin teil. Maria Cecilia Barbetta schreibt auf Deutsch.

Maria Cecilia Barbetta: Änderungsschneiderei Los Milagros. Roman, 329 S., S. Fischer Verlag 2008, € 19,90

Montag, 15. September 2008
in der Buchhandlung zur Heide

Team Kommunikaze: „Hirnverbrannte Erde“

Seit Januar 2003 erscheint in Osnabrück regelmäßig Kommunikaze, die studentische Zeitschrift für Facts & Fiction. Sie enthält Texte von studentischen Autoren und bietet abseits von gängigen Themen- und Stilvorgaben Platz für Skurriles, Kreatives, Witziges und Nachdenkliches.Die besten, skurrilsten und beliebtesten Texte der ersten fünf Jahre gibt es soeben in passender Reihenfolge und gut lesbarer Schrift zwischen zwei Buchdeckeln erschienen: Dieses Buch beantwortet in 35 Texten die wichtigsten
Fragen zu Politik, Zeitgeschehen und Kerbelschmand alle gleichzeitig auf einmal und passt im Bücherregal perfekt zwischen B wie „Brockhaus“ und P wie „Petzi und die Pfannkuchenräuber“.

Gründungsmitglieder der Kommunikaze sind Stefean Berendes, Darren Grundorf und Jan Paulin. Schon bald danach fanden sich zahlreiche neue Schreiberlinge, um an der Entstehung des Blattes mitzuarbeiten. Während der mehr als fünfjährigen Zeit des Bestehens haben sich dabei auch einige Autorinnen und Autoren gefunden, die regelmäßig in Kommunikaze veröffentlichen und der Zeitschrift damit ein unverwechselbares Gesicht geben. Jeder kann neues Mitglieder der Redaktion des Team Kommunikaze werden - das Abkupfern des Zeitschriftentitels hat übrigens seinerzeit Wiglaf Droste persönlich genehmigt!   

Team Kommunikaze: Hirnverbrannte Erde. Ausgewählte Texte 2003-2007, 137 S., Vier Flamingos Verlag 2008, €  8,90

 

Montag, 8. September 2008
in der Buchhandlung zur Heide

Tina Schick: „Osnabrücker Bandsalat“

Die Fotografin Lisa von Suttner durchstreift mit ihrem Freund Joshua den alten Güterbahnhof in Osnabrück auf der Suche nach Motiven. In der morbiden Welt des industriellen und gesellschaftlichen Verfalls wird Lisa von filmischen Visionen auf die Spur
eines Verbrechens geführt und benachrichtigt die Polizei. Hauptkommissarin Johnny Kramer übernimmt die Ermittlungen, jedoch kann sich Lisa mit Intuition und ihrem sensiblen fotografischen Auge von den Ereignissen nicht lösen.
Zwei starke Protagonistinnen stehen sich in Tina Schicks Osnabrücker Kriminalroman gegenüber, hassen sich mitunter, sind aber doch voneinander abhängig. Lisa ist stets zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Sie stellt sich die richtigen Fragen und sucht nach Antworten. Sie schlüpft in Visionen und Gefühle anderer Menschen, und ist dadurch Hauptkommissarin Kramer immer ein kleines Stückchen voraus.
Johanna Kramer ermittelt professionell mit ihrem Team und besonders mit ihrem Kollegen Thomas Rickham, gelegentlich auch an der Grenze der Legalität. Sie ist auf die Hilfe von Lisas Fotos und ihren Spürsinn angewiesen. Die beiden Frauen wollen sich nur
ungern eingestehen, dass sie von der anderen abhängig sind, wenn sie diesen ersten Fall, den Bandsalat im Kopf, lösen wollen. Zum Schluss gestehen sie sich ihre Sympathie ein und können den nächsten Fall gemeinsam angehen.

Tina Schick, geb.1964 in Melle, studierte Germanistik und Mathematik. Seit 1993 arbeitet sie als Lehrerin in Osnabück. In den letzten 25 Jahren zahlreiche Ausstellungen als Fotografin im In- und Ausland. Die Autorin schreibt zur Zeit an ihrem zweiten Kriminalroman Osnabrücker Fenstersturz.

Tina Schick: Osnabrücker Bandsalat. Kriminalroman, 262 S., Geest-Verlag 2008, € 12,--

 

Montag, 23. Juni 2008
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Marcel Beyer: „Kaltenburg“

Marcel Beyer hat einen neuen großen Roman geschrieben. Der Heinrich-Böll- und Uwe-Johnson-Preisträger, der "Dichter des ganzen Deutschland" entwirft in ihm ein Panorama deutscher Geschichte von den dreißiger Jahren bis in die Gegenwart. Wie im Erfolgsroman Flughunde verwebt Marcel Beyer erneut Persönliches und Geschichtliches und lässt die Leserschaft den Ereignissen im katastrophischen Deutschland des 20. Jahrhunderts folgen.

Ludwig Kaltenburg, geboren 1903, Biologe, arbeitet Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts in Posen. Dort begegnet er zum ersten Mal dem Ich-Erzähler, zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind. Im Gefolge des Zusammenbruchs des Dritten Reichs flüchtet der Junge mit seinen Eltern nach Dresden. Dessen Bombardierung im Februar 1945 überlebt er und beginnt ein Studium der Ornithologie, das ihn erneut in engen Kontakt zu Kaltenburg bringt. Der kann in Dresden ein eigenes Institut gründen und sich internationales Renommee erwerben. Wie erfahren die beiden Wissenschaftler, der angehe und der erfolgreiche, die Gründung und Konsolidierung der DDR in Dresden, welche Wendungen nehmen die Lebensläufe der beiden in den unterschiedlichen Stadien der DDR, wie erlebt der Ornithologe schließlich das Ende der DDR?

Marcel Beyer, geboren 1965, wuchs in Kiel und Neuss auf. Er studierte von 1987 bis 1991 Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft an der Universität Siegen. Seit 1989 gab er an der Universität Siegen gemeinsam mit Karl Riha die Reihe Vergessene Autoren der Moderne heraus. 1996 und 1998 war er Writer in residence am University College London und an der University of Warwick in Coventry. Bis 1996 lebte Beyer in Köln, seitdem ist er in Dresden ansässig. Zahlreiche Auszeichnungen und Preise.

Marcel Beyer: Kaltenburg. Roman, 400 S., Suhrkamp Verlag 2008, € 19,80

Dienstag, 10. Juni 2008
im BlueNote des CINEMA-Arthouse
gemeinsame Veranstaltung mit der deutsch-italienischen Gesellschaft Osnabrück e.V.

Antonella Sellerio und Reinhold Joppich:
„Amore“ – Liebesgeschichten und Musik aus Italien

Einfühlsam, verführerisch und mitreißend singt Antonella Sellerio zur Gitarre wunderbare canzoni d'amore. Und Reinhold Joppich liest aus dem Liebesleben der Italienerinnen und Italiener: Von Camillieri bis Franca Magnani, von Calvino bis Moravia. Der Rheinländer mit der markanten Stimme ist seit langem regelmäßiger Gast des LITTERA-Programms. Bereits vor drei Jahren war er mit Antonella Sellerio und dem Programm Una Serata Italiana in Osnabrück, danach gelang es ihm zweimal, ein breites Publikumsinteresse für Leben und Werk von Erich Maria Remarque zu wecken.

Antonella Sellerio, geboren in Rom, lebt seit vielen Jahren in Düsseldorf. In ihrem Hauptberuf ist sie Dozentin für italienische Sprache an der Universität Düsseldorf. Neben Veranstaltungen mit Reinhold Joppich bestreitet sie viele Auftritte mit ihren Soloprogrammen, z.B. mit Liedern der Resistenza oder canzoni popolari.

Reinhold Joppich ist Vertriebs- und Verkaufsleiter des Kölner Verlages Kiepenheuer & Witsch. Neben seiner Berufstätigkeit hat er sich dank profunder Literaturkenntnisse und seines großen Vortragstalents einen Namen als gefragter und beliebter Vorleser gemacht.

Montag, 19. Mai 2008
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Michael Kumpfmüller: „Nachricht an alle“

"Wir stürzen ab, betet für mich" - diese SMS erhält ein Vater von seiner Tochter mitten in der Nacht, in einem Hotelzimmer in Nordamerika. Was wie ein grausamer Scherz klingt, erweist sich als der modernste aller Albträume: Selbst aus todgeweihten Flugzeugen können wir noch Nachrichten empfangen, Nachrichten an alle. Mit diesem Donnerschlag beginnt Michael Kumpfmüllers Roman, der die Politik zurück in die deutsche Literatur bringt. Denn der Vater, der diese Nachricht bekommt, ist Innenminister eines westeuropäischen Landes, das gerade in eine schwere Krise stürzt. Streiks, soziale Unruhen und diffuse terroristische Bedrohungen lassen Minister Selden keine Zeit für Trauer.
In seinem neuen Roman treibt Michael Kumpfmüller eine Sonde durch die Schichten unserer westlichen Demokratien. Nicht nur Seldens privates und politisches Schicksal interessieren ihn, sondern die monströsen Mechanismen innerer Sicherheit, die gegenseitige Durchdringung von privater und öffentlicher Sphäre. Dazu gehört auch das dröhnende Räsonnement von Medien, Experten und vermeintlicher Volkes Stimme, das als Hintergrundrauschen den politischen Diskurs begleitet und aushöhlt. Kumpfmüller gelingt ein flirrendes Porträt der Gleichzeitigkeiten: Während in den klimatisierten Büros der Eliten Entscheidungen getroffen werden, beginnt sich unten in den Großstadtschluchten, an den heißen Rändern der Gesellschaft, eine Gruppe von Menschen zu regen, die auf den großen Schlag wartet. So kenntnisreich, packend und klug ist in der deutschen Literatur noch nicht über Politik und Gesellschaft geschrieben worden.

Michael Kumpfmüller, geboren 1961 in München, studierte Geschichte und Germanistik in Tübingen, Wien und Berlin und promovierte 1994 mit einer Arbeit über den Mythos Stalingrad. Er arbeitete seit 1985 als freier Journalist, anfangs vor allem für den Hörfunk, in den neunziger Jahren fast ausschließlich für Printmedien. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. Im Jahr 2000 erschien mit dem gefeierten Roman Hampels Fluchten seine erste literarische Veröffentlichung, 2003 sein zweiter Roman Durst. Michael Kumpfmüller erhielt mehrere Arbeitsstipendien des Deutschen Literaturfonds e.V. und im Jahr 2007 den Alfred-Döblin-Preis.

Michael Kumpfmüller: Nachricht an alle. Roman, 382 S., Verlag Kiepenheuer  Witsch 2008, € 19,95

Montag, 21. April 2008
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Katharina Hagena: „Der Geschmack von Apfelkernen“

Schillernd und magisch sind die Erinnerungen an die Sommerferien bei der Großmutter, geheimnisvoll die Geschichten der Tanten. Katharina Hagena erzählt von den Frauen einer Familie, mischt die Schicksale dreier Generationen. Ein Roman über das Erinnern und das Vergessen - bewegend, herrlich komisch und klug.
Als Bertha stirbt, erbt Iris das Haus. Nach vielen Jahren steht Iris wieder im alten Haus der Großmutter, wo sie als Kind in den Sommerferien mit ihrer Kusine Verkleiden spielte. Sie streift durch die Zimmer und den Garten, eine aus der Zeit gefallene Welt, in der rote Johannisbeeren über Nacht weiß und als konservierte Tränen eingekocht werden, in der ein Baum gleich zweimal blüht, Dörfer verschwinden und Frauen aus ihren Fingern Funken schütteln.
Doch der Garten ist inzwischen verwildert. Nachdem Bertha vom Apfelbaum gefallen war, wurde sie erst zerstreut, dann vergesslich, und schließlich erkannte sie nichts mehr wieder, nicht einmal ihre drei Töchter.
Iris bleibt eine Woche allein im Haus. Sie weiß nicht, ob sie es überhaupt behalten will. Sie schwimmt in einem schwarzen See, bekommt Besuch, küsst den Bruder einer früheren Freundin und streicht eine Wand an.
Während sie von Zimmer zu Zimmer läuft, tastet sie sich durch ihre eigenen Erinnerungen und ihr eigenes Vergessen: Was tat ihr Großvater wirklich, bevor er in den Krieg ging? Welche Männer liebten Berthas Töchter? Wer aß seinen Apfel mitsamt den Kernen? Schließlich gelangt Iris zu jener Nacht, in der ihre Kusine Rosmarie den schrecklichen Unfall hatte: Was machte Rosmarie auf dem Dach des Wintergartens? Und was wollte sie Iris noch sagen?  Iris ahnt, dass es verschiedene Spielarten des Vergessens gibt. Und das Erinnern ist nur eine davon.

Katharina Hagena, geboren 1967, studierte Anglistik und Germanistik in Marburg, London und Freiburg, forschte an der James-Joyce-Stiftung in Zürich und lehrte am Trinity College in Dublin sowie an der Universität Hamburg. 2006 erschien ihr Buch Was die wilden Wellen sagen. Der Seeweg durch den Ulysses. Sie lebt als freie Autorin in Hamburg.

Katharina Hagena: Der Geschmack von Apfelkernen. Roman,  256 S., Verlag Kiepenheuer  Witsch 2008, € 16,95

Montag, 7. April 2008
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Arno Orezessek: „Drei Schritte von der Herrlichkeit“

Das hätte sich Max Koriath, Aktien-Millionär und Besitzer eines Fitness-Centers aus Bielefeld, nicht träumen lassen. Er, der Lebemann, der Sport und Trinken so flüssig kombiniert, landet plötzlich in der Charité und simst angeschlagen: "station 128 urologie. op am nachmittag." Alles steht in Frage! Maximus, der es notorisch darauf anlegt, jeden Kitzel, jeden Adrenalinstoß, jede Erschöpfung auszukosten, und mit der Ostberlinerin Yvonne Florin in einer überaus fleischlichen Affäre steckt, lernt plötzlich Angst und Bedrohung kennen.
Sein Freund Paul Tanski, ein Cousin aus derselben Flüchtlings- und Spätaussiedlerfamilie, ein samtiger intellektueller Dunkelmann, taucht als zweiter in der Klinik auf. Auch Paul liebt eine Frau aus dem Osten, seit 25 Jahren: Seine engelhafte Cousine Almuth. Jetzt trifft er an Max' Krankenbett Yvonne. Deutsch-deutsche Geschichten beginnen zu rotieren, die Vorwende- wird zum Fundament der Nachwendezeit.
Albert Komusin, Großcousin von Max und Paul, rollt die Ereignisse Jahre später auf. Und zwar als witziger, ernster Enthüllungskünstler, der körperliche Prozesse ebenso detailversessen und furios schildert wie gesellschaftliche. Immer sichtbarer werden die Narben im Gewebe der Zeitgeschichte, immer geheimnisvoller die Motive der Menschen, immer größer die Räume, die der Roman durchstreift. Drei Schritte von der Herrlichkeit ist ein radikaler Roman über Verwandlungen, ein kühnes Buch. "Weil es Spaß macht, weil es scharf macht, weil es erotisch ist, weil es Rhetorik ist", würde Max behaupten.

Arno Orzessek, 1966 in Osnabrück geboren, studierte Literaturwissenschaften, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln. Seitdem lebt und arbeitet er als freiberuflicher Journalist und Autor in Berlin. Sein erster Roman Schattauers Tochter, der in großen Teilen in Osnabrück spielt,  wurde mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis für das beste deutschsprachige Prosadebüt der Jahre 2004/2005 ausgezeichnet.

Arno Orzessek: Drei Schritte von der Herrlichkeit. Roman, 648 S., Steidl Verlag 2008, € 19,90

Montag, 4. Februar 2008
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Jutta Ditfurth: „Ulrike Meinhof. Die Biografie“

Die Publizistin Jutta Ditfurth stieß in ihrer sechsjährigen Recherche auf bisher unbekanntes Quellenmaterial zu Ulrike Meinhof. Sie kann völlig neue Zusammenhänge in der Lebensgeschichte dieser äußerst kompromisslosen Frau aufzeigen. Die erste umfassende Biographie von Ulrike Meinhof, in der sich die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik und das politisch rebellische Klima der sechziger und siebziger Jahre widerspiegeln.
Ulrike Meinhof ist Kriegskind und kommt aus einer sehr deutschen Familie. Schon in der Pubertät steht sie in Opposition, hört Jazz, spielt Schlagzeug und überwirft sich mit ihrer Pflegemutter. Die Adenauer-Ära politisiert sie: Ulrike Meinhof wird Atomgegnerin, frühes SDS-Mitglied und tritt in die verbotene KPD ein. Als Journalistin erregt sie Aufsehen mit ihren scharfen politischen Analysen und ihrem sozialen Engagement. Nach einem Abstecher in der Hamburger Medienschickeria entscheidet sie sich für den politischen Kampf an der Seite der APO. Warum kehrt die angesehene Konkret-Chefredakteurin dem bürgerlichen Leben den Rücken? Warum nimmt sie 1970 an der spektakulären Befreiung des inhaftierten Andreas Baader teil? Warum lässt sie sich von palästinensischen Guerilla-Kämpfern ausbilden, plant Attentate und verübt Banküberfälle? Diese Biografie gibt Antwort auf die Frage, wer Ulrike Meinhof wirklich war.

Jutta Ditfurth, geboren 1951, lebt in Frankfurt am Main. Publizistin und politische Aktivistin in neuen sozialen Bewegungen und in der "Ökologischen Linken", Mitglied des Frankfurter Stadtparlaments für "ÖkoLinX". Autorin zahlreicher Bücher.

Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof. Die Biografie, 480 S., Ullstein Verlag 2007, € 22,90

 

Montag, 21. Januar 2008
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Burkhard Spinnen: „Mehrkampf“

Los Angeles, Olympische Spiele 1984: Roland Farwick patzt beim Weitsprung. Das kostet den weltbesten Zehnkämpfer die Medaille und seine Karriere. Zwanzig Jahre
später wird er angeschossen; prompt setzt er sein still gestelltes Leben wieder in Bewegung.
Und gewinnt einen Partner. Der ermittelnde Hauptkommissar Ludger Grambach ist einer der Millionen, die Zeugen von Farwicks Schicksal wurden. Seine eigene Geschichte als gescheitertes Genie ist mit der des Zehnkämpfers eng verknüpft. Statt Freundschaft aber beginnt ein Duell, das sich an der Oberfläche der Ermittlungsarbeit und in den Tiefen eines Internetspiels abspielt. Bis alles, was vor zwanzig Jahren aufgeschoben wurde, endlich ausgetragen werden muss. Burkhard Spinnen bringt in seinem neuen Buch das Kunststück fertig, einen spannenden Kriminalroman und zugleich ein Lehrstück über eine ganze Generation von Männern und ihre Flucht vor der Verantwortung zu schreiben.

Burkhard Spinnen wurde 1956 in Mönchengladbach geboren. Er studierte Germanistik, Publizistik und Soziologie und schloss 1989 seine Promotion ab. Seit 1996 lebt er als freier Autor in Münster. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Der Autor erhielt
zahlreiche Auszeichnungen und Preise.

Burkhard Spinnen: Mehrkampf. Roman, 391 S., Schöffling Verlag 2007, € 19,90

 

Mittwoch, 5. Dezember 2007
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

in der Endauswahl zum Deutschen Buchpreis 2007 !

Martin Mosebach: „Der Mond und das Mädchen“

Wir freuen uns sehr, dass im Rahmen unseres LITTERA-Programms der aktuelle Träger des Georg-Büchner-Preises 2007 zu Gast nach Osnabrück kommt! Die Jury befand u.a. „Die Auszeichnung gilt einem Schriftsteller, der stilistische Pracht mit urwüchsiger Erzählfreude verbindet und dabei ein humoristisches Geschichtsbewusstsein beweist, das sich weit über die europäischen Kulturgrenzen hinaus erstreckt; einem genialen Formspieler auf allen Feldern der Literatur und nicht zuletzt einem Zeitkritiker von unbestechlicher Selbstständigkeit.“
Ein Sommernachtstraum mitten im steinernen Frankfurt. Hans und Ina sind ein strahlendes junges Paar. Hans hat eine brillante Bankkarriere begonnen, und umso unbegreiflicher ist es, wie sehr er sich in der neuen Wohnung vergriffen hat: Hinter dem Hauptbahnhof an einer lauten Straße steht dies übriggebliebene Gründerzeithaus, dem man nicht ansieht, wie seltsam es in ihm zugeht. Denn dort findet sich allnächtlich im brütend heißen Hof unter dem großen Sommermond jener fatale Kreis um den marokkanischen Hausmeister zusammen ... Ein federleicht und spielerisch erzählter Roman, ironisches Großstadtbild und doppelbödige Liebesgeschichte zugleich. „...der schmalste, zarteste und leichthändigste Roman, den Martin Mosebach bislang geschrieben hat“ schreibt Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Martin Mosebach, geboren 1951 in Frankfurt am Main, lebt dort als Schriftsteller nach dem Studium der Rechtswissenschaften. Zahlreiche Buchveröffentlichungen und Auszeichnungen: u.a. den Förderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung (1980), Heimito-von-Doderer-Preis (1999), Heinrich-von-Kleist-Preis (2002), Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (2006).

Martin Mosebach: Der Mond und das Mädchen. Roman, 190 S., Hanser Verlag 2007, € 17,90

 

Donnerstag, 29. November 2007
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

aufgenommen in die „Longlist“ des Deutschen Buchpreises 2007

Robert Menasse: „Don Juan de La Mancha oder die Erziehung der Lust“

"Man kann nur mit der ersten Frau oder mit der letzten glücklich werden", sagt der Vater und fasst so das Dilemma des Verführers zusammen. Auch Nathan, der nie ganz aus seines Vaters Schatten getretene Sohn, ist ein Verführer. Schnell sind die Leser ihm verfallen, dem melancholischen, tragikomischen Wiederholungstäter im ritterlichen Kampf um die Rettung der Liebe. Und schnell sympathisieren sie mit den unverwechselbaren Frauen, die seinen Weg kreuzen. Nathans Vater suchte sein Glück bei den Frauen, Nathans Mutter fand ihr Unglück bei den Männern. Nathan bricht auf in die Welt, um alles ganz anders zu machen. Was macht er ganz anders? Nichts. Nur die Bedingungen haben sich geändert, die Ansprüche. Nathan, bei seiner Zeitung zuständiger Redakteur für das Ressort Leben, verkörpert die Generation der Nach-68er. Unter dem Diktat der Emmas und Bettys darf er seine Männlichkeit zwar ausleben, aber nicht mehr genießen.

Robert Menasse, 1954 in Wien geboren, studierte in seiner Heimatstadt, Salzburg und Messina Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft. Nach der Promotion arbeitete er von 1981 bis 1988 an der Universität Sao Paulo in Brasilien als Assistent am Institut für Literaturtheorie. Seither ist der Schriftsteller und Essayist als freier
Publizist tätig. 1990 wurde Robert Menasse als erster mit dem Heimito-von-Doderer-Preis ausgezeichnet. Der Schriftsteller, der auch als Übersetzer aus dem brasilianischen Portugiesisch arbeitet, lebt in Wien und Amsterdam. 2002 erhielt er mit den Friedrich-Hölderlin-Preis, den Marie-Luise-Kaschnitz-Preis und den Lion-Feuchtwanger-Preis sowie 2003 den Erich-Fried-Preis.

Robert Menasse: Don Juan de La Mancha oder die Erziehung der Lust. Roman, 274 S., Suhrkamp Verlag 2007, € 18,80

Samstag, 24. November 2007
in der Buchhandlung zur Heide

RatzFatz.de – Improvisationstheater und Literatur:
„Orte erzählen“

Theater findet im Theater statt, und Bücher stehen in einer Buchhandlung – bisher! Denn RatzFatz.de, das Improvisationstheater aus Münster und Osnabrück, verlässt den sicheren Bühnenboden des Theaters und spielt dort, wo sich Menschen auf der Suche nach Geschichten begegnen. Denn: „Orte erzählen“! In den Regalen einer Buchhandlung stehen Tausende von Büchern, in denen Millionen von Geschichten zu finden sind. Sie führen die Leser durch den Dschungel menschlicher Dramen und Desaster, in ein vergangenes Zeitalter, in fremde Länder und Kulturen. RatzFatz.de wird Bücher aus den Regalen der Buchhandlung zur Heide zum Leben erwecken, sie variieren und weiterspinnen. Die Akteure spielen mit diesem ungeheuren Fundus an Geschichten und entführen die Zuschauer auf eine kleine Reise durch bekannte und unbekannte Räume.
Welche inneren Bilder entstehen beim Lesen von Goethes Werther? Erinnerungen an nie endende Schulstunden oder an die erste große Liebe? Welche Atmosphären erinnern wir, wenn wir an Garcia Márquez denken? Gibt es ein literarisches Zitat, dass uns schon lange begleitet hat? Und welche alten Damen besuchen eigentlich uns? Tausend Bücher – tausend Bilder. Die Improspezialisten verbinden Theater aus dem Stegreif mit literarischen Vorlagen und zeigen, wie sich scheinbar unterschiedliche Kunstformen wie Improvisationstheater und Literatur berühren und gegenseitig inspirieren können.

RatzFatz.de beschäftigt sich seit fast zehn Jahren mit dem Stegreifspiel und hat verschiedene Formate des Improvisationstheaters entwickelt. Wir freuen uns auf die Schauspieler Stefanie Goldbach, Dorthe Roggemann, Josef Mensen, Ulrich Bunk und Christoph Elling, die am Harmonium von Carsten Rust begleitet werden.

Montag, 12. November 2007
im Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum

Nicole Nottelmann: „Die Karrieren der Vicki Baum“ – Eine Biografie

Endlich ist eine Biografe über den ersten Medienstar der deutschen Literatur erschienen: So einfühlsam wie faktenreich zeichnet Nicole Nottelmann das Bild einer Frau von ungewöhnlicher Willenskraft und tragisch-komischer Widersprüchlichkeit. Eine Lebensgeschichte, so spannend wie ein Roman. Aus dem Wien des 19. Jahrhunderts kam Vicki Baum in die Konzertsäle Deutschlands und als Schriftstellerin über das Berlin der Zwanzigerjahre nach New York und Hollywood – der phänomenale Aufstieg einer Frau mit großen Ambitionen und großem Herz, in deren Lebensweg sich die Weltgeschichte spiegelt.

Vicki Baum  beendet ihre musikalische Karriere, um sich nach ihrer zweiten Heirat ausschließlich der Literatur zu widmen. Der Ullstein Verlag formt ihr Image: Als Redakteurin des Ullstein-Magazins „Die Dame“ und als Vertreterin der „Neuen Sachlichkeit“ erobert sie in den Zwanzigerjahren den Berliner Boulevard. Sie ist die erste Autorin, die mit einer gezielten Marketingstrategie zur Marke gemacht wird, und sie liefert einen Bestseller nach dem anderen – ihre Romane erreichen bis 1932 in Deutschland eine Auflage von 500.000 Exemplaren. Ihr Welterfolg Menschen im Hotel ebnet ihr den Weg in die USA, wo der Roman unter dem Titel Grand Hotel am Broadway inszeniert und wenig später mit Greta Garbo verfilmt wird. Von Hollywood aus bereist sie ferne Länder, schreibt zahlreiche Romane, die alle international erfolgreich sind, und führt das facettenreiche Privatleben einer Frau von Welt.

Nicole Nottelmann hat Journalistik und Germanistik studiert und mit einer Arbeit über das literarische Werk Vicki Baums promoviert. Sie lebt in Köln und Berlin. Parallel zur Biographie sind Vicki Baums Romane Liebe und Tod auf Bali, Menschen im Hotel und Hotel Shanghai als Neuausgaben erschienen.

Nicole Nottelmann: Die Karrieren der Vicki Baum. Eine Biografie, 441 S. mit 16 Fototafeln, Verlag Kiepenheuer & Witsch 2007, € 22.90

Montag, 5. November 2007
im Zimeliensaal der Universitätsbibliothek

Bernhard Kegel: „Der Rote“

Kaikoura, Neuseeland: Das Meer beginnt zu kochen. Ein gewaltiges Seebeben
türmt Wellen auf, die den malerischen Ferienort binnen Minuten in ein Ruinenfeld verwandeln. Die Wale, die gerade noch die größte Attraktion für zahllose Whale-Watcher war, verschwinden - und mit ihnen die Touristen. Das Seebeben scheint alles Leben aus Kaikoura vertrieben zu haben. Einer der wenigen, die geblieben sind, ist der deutsche Naturwissenschaftler Hermann Pauli, ein Experte für Kalmare. Pauli wollte in Kaikoura den Tod seiner Ehefrau verwinden und streift nun durch einen Ort der Leere und Verwüstung. Doch dann stellt er fest, dass das Seebeben auch etwas zutage gefördert hat: Eine Anomalie, die ihn nicht nur unentrinnbar fasziniert, sondern auch in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Bernhard Kegel hat mit Der Rote einen Wissenschaftsthriller geschrieben, der ganz ohne Aliens auskommt und stattdessen eine atembeklemmende Geschichte vom Eigensinn der Natur erzählt, die sich eines Tages genau so zutragen könnte.

Bernhard Kegel, Jahrgang 1953, lebt in Berlin. Er ist promovierter Biologe, leidenschaftlicher Jazzgitarrist und Autor mehrerer Bücher, von denen er Die Ameise als Tramp bereits im Rahmen des LITTERA-Programms im Tropenhaus des Botanischen Gartens vorgestellt hat. Seinen packenden Romanen liegen stets die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft zugrunde: „Selten verbindet sich fundierte Sachkenntnis so erfreulich mit erzählerischen Qualitäten“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung).

Bernhard Kegel: Der Rote. Roman, 542 S., Marebuchverlag 2007,  € 22.90

 

Montag, 22. Oktober 2007
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

in der Endauswahl zum Deutschen Buchpreis 2007 !

Michael Köhlmeier: „Abendland“

Carl Jacob Candoris - Mathematiker, Weltbürger, Dandy und Jazz-Fan - ist
fünfundneunzig, als er seine Lebensbeichte ablegt. Aufschreiben soll sie der Schriftsteller Sebastian Lukasser, Sohn des Gitarristen Georg Lukasser, den Candoris in den Jazz-Kellern im Wien der Nachkriegsjahre kennen gelernt hat. Candoris erzählt von seinem Großvater, der in Wien einen berühmten Kolonialwarenladen betrieb; von seinen seltsamen Verwandten, bei denen er in Göttingen während seines Studiums lebt und die Größen der Naturwissenschaft kennen lernt; und vom Wien der Nachkriegszeit - wo Sebastians Geschichte beginnt, die Geschichte einer Selbstfindung, die sich über die zweite Hälfte des Jahrhunderts zieht. Im Spiegel zweier ungleicher Familien entsteht so ein kluger, reicher, witziger und lebenssatter Generationenroman über unsere Zeit.

Michael Köhlmeier, geboren 1949, wuchs in Hohenems/Vorarlberg auf, wo er auch heute lebt. Für sein umfangreiches Werk wurde der österreichische Autor unter anderem mit dem Manes-Sperber-Preis, dem Anton-Wildgans-Preis und dem Grimmelshausen-Preis ausgezeichnet.

Michael Köhlmeier: Abendland. Roman, 775 S., Hanser Verlag 2007,  € 24.90

 

Dienstag, 9. Oktober 2007
in der Buchhandlung zur Heide

im Rahmen der „Inter.Kult 07“ der Stadt Osnabrück in Zusammenarbeit mit dem Büro für Friedenskultur der Stadt Osnabrück

Marica Bodrozic: „Der Windsammler“

Das Deutsche, ein „Gewirk aus Bewegungen, Tönen, Gerüchen, Kopf- und Körperhaltungen, aus Augenblicken, Augenfarben, Mundregionen und Wangenleuchten“: so sinnlich hat es sich dem neunjährigen Kind nach dem Umzug aus Jugoslawien dargestellt und gleich, trotz vieler Widerstände, wie ein „wärmendes Kleidungsstück“ um sie gelegt. Lag es am Widerstand oder an der Wärme, dass Marica Bodrozic Schriftstellerin geworden ist? In Sterne erben, Sterne färben beschrieb sie ihren Weg von den Lücken zu den Wörtern, vom stockenden Atem zum Leben selbst. Jetzt stellt Marica Bodrozic ihre neuen Erzählungen Der Windsammler vor, die durch ihre wunderbar leichte Art, sichere Formulierungen und souveräne Bilder faszinieren.

Bis zu ihrem zehnten Lebensjahr wurde Marica Bodrozic von ihrem Großvater in dem Ort Svib in Dalmatien aufgezogen. Erst 1983 zog die Autorin zu ihren bereits als Gastarbeiter in Deutschland lebenden Eltern. In Frankfurt am Main studierte sie Kulturanthropologie, Psychoanalyse und Slawistik. Für ihr bereits auf deutsch geschriebenes literarisches Debüt Tito ist tot erhielt sie 2002 den Heimito-von-Doderer-Preis. Nach einer Reihe von Stipendien und Auszeichnungen erhielt sie 2007 den Förderungspreis Literatur zum Kunstpreis Berlin der Akademie der Künste. Ihre Erzählungen und Gedichte verarbeiten zu einem großen Teil ihre Kindheitserinnerungen und ihre Wahrnehmung der Veränderungen in ihrer Heimat. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin die meiste Zeit in Berlin.

Marica Bodrozic: Der Windsammler. Erzählungen, ca. 180 S., Suhrkamp Verlag 2007, ca. € 16,80

Montag, 24. September 2007
im GARBO des CINEMA-Arthouse

Gewinnerin des Deutschen Buchpreis 2007 !

Julia Franck: „Die Mittagsfrau“

In der Lausitz verlebt Helene eine idyllische Kindheit, die jäh endet. Wie geht man mit den Schicksalsschlägen um, die das Leben bereit hält? Ihr Vater kehrt nur zum Sterben aus dem Ersten Weltkrieg heim, ihre jüdische Mutter zieht sich zunehmend vor den Anfeindungen ihrer Umgebung in die Verwirrung zurück. Helene möchte Medizin studieren, ein ungewöhnlicher Traum für eine Frau zu Beginn des Jahrhunderts, doch sie träumt ihn weiter. Sie zieht mit ihrer Schwester Martha nach Berlin, erlebt die wilden Zwanziger. Zwei Weltkriege, Hoffnungen, Einsamkeit und Liebe – und die Erkenntnis, dass alles verloren gehen kann. Julia Franck erzählt ein Leben, das in die Mühlen einer furchtbaren Zeit gerät. Ein großer Familienroman, ein eindringliches Zeitepos und die Geschichte einer faszinierenden Frau.                                                                              
Julia Franck wurde 1970 in Berlin geboren. Sie studierte Altamerikanistik, Philosophie und Germanistik an der FU Berlin. Unter anderem erhielt sie den Marie-Luise-Kaschnitz-Preis 2004 und die Roswitha-Medaille der Stadt Gandersheim 2005. Sie verbrachte das Jahr 2005 als Stipendiatin in der Villa Massimo in Rom. Zuletzt erschienen von ihr Liebediener (1999), Bauchlandung. Geschichten zum Anfassen (2000, mit dem sie bereits unser LITTERA-Gast war) und Lagerfeuer (2003).

Julia Franck: Die Mittagsfrau. Roman, ca. 416 S., S. Fischer Verlag 2007, ca. € 19,90

Dienstag, 18. September 2007
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Reinhold Joppich: „Ein Mensch ohne Pass ist eine Leiche auf Urlaub“ – Erich Maria Remarques vier Exilromane

Bereits im letzten Jahr gelang es Reinhold Joppich, aus Anlass des fünfzigsten Jahrestages des Erscheinens von Remarques Schwarzen Obelisken ein breites Publikumsinteresse für den aus Osnabrück stammenden Autor zu wecken. Diese neue Auseinandersetzung wird jetzt in einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Erich Maria Remarque Gesellschaft e.V. und dem Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Osnabrück durch eine Lesung aus den vier Exilromanen Liebe Deinen Nächsten (1939/41), Arc de Triomphe (1946), Die Nacht von Lissabon (1961/62), Schatten im Paradies (1971) fortgeführt. Ergänzt wird die Lesung durch eine Einführung von Prof. Dr. Tilman Westphalen zu den Exilromanen Remarques und ihrer heutigen Aktualität. Der Titel des Abends stammt aus dem ersten Exilroman Liebe Deinen Nächsten.

Reinhold Joppich ist Vertriebs- und Verkaufsleiter des Kölner Verlages Kiepenheuer & Witsch. Neben seiner Berufstätigkeit hat er sich dank profunder Literaturkenntnisse und wegen seines großen Vortragstalents einen Namen als gefragter und beliebter Vorleser gemacht

Donnerstag, 21. Juni 2007
in der Buchhandlung zur Heide

Volker Neuhaus:
„Andre verschlafen ihren Rausch, meiner steht auf dem Papiere.“
Goethes Leben in seiner Lyrik

Gekonnt zeichnet Volker Neuhaus das Leben Johann Wolfgang von Goethes nach und setzt es immer wieder zu seiner Lyrik in Beziehung. Der Autor rückt vor allem die intellektuelle und poetische Entwicklung Goethes in den Blickpunkt, von seiner vom Vater minuziös geplanten Ausbildung über seine Erfahrungen im pulsierenden Leipzig, wo er Mitte des 18.Jahrhunderts sein Jurastudium aufnimmt und eine Art Kulturschock erlebt, bis hin zur Auseinandersetzung mit dem Pietismus und dem Studium der Naturwissenschaften. Aus religiösen Quellen sowie Impulsen aus Chemie und Physik formt Goethe sein Weltbild, welches Volker Neuhaus in der Lyrik über alle Liebesverstrickungen eines reichen Dichterlebens hinweg verfolgt, von der Liebe des Einundzwanzigjährigen zu Friederike Brion bis zur Passion des Vierundsiebzigjährigen für die neunzehnjährige Ulrike von Levetzow.
Über ein halbes Jahrhundert hinweg hat Goethe das lyrische Schaffen Deutschlands geprägt, von den Stürmern und Drängern bis hin zu Eichendorff, Heine und von Platen. Volker Neuhaus legt dar, welche Einflüsse Goethes lyrisches Wirken prägten und welche es seinerseits ausübte. Und so bietet diese groß angelegte Annäherung an Goethes Leben zugleich eine spannend zu lesende Kulturgeschichte seiner Zeit.
„Ein Goethe-Buch fern von Verklärung wie von Prüderie, erfrischend. Eine Fundgrube für alle literarisch Interessierten“ (Walter Hinck).

Volker Neuhaus, geboren 1943 in Breslau, studierte Germanistik, Evangelische Theologie und Vergleichende Literaturwissenschaft in Zürich und Bonn. Er ist Professor für Neuere Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität zu Köln. Volker Neuhaus war von 1986 bis 2004 Herausgeber von ›DuMonts Kriminal-Bibliothek‹ und ist seit 1987 Herausgeber der Grass-Werkausgabe.

Volker Neuhaus: Andre verschlafen ihren Rausch, meiner steht auf dem Papiere. Goethes Leben in seiner Lyrik, 366 S., DuMont Literatur- und Kunstverlag 2007, € 24,90

Montag, 11. Juni 2007
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Katharina Hacker: „Die Habenichtse“

Wir freuen uns, dass es wieder gelungen ist, die aktuelle Trägerin des deutschen Buchpreises im Rahmen unseres LITTERA-Programmes den Osnabrücker Literaturinteressierten vorstellen zu können!

Isabelle und Jakob treffen sich am 11. September 2001 nach Jahren auf einer Party in Berlin wieder. Sie verlieben sich, heiraten und bekommen die Chance, nach London zu ziehen,  wo Jakob – Schicksal? Zufall? – eine Stelle in einer Anwaltskanzlei antritt, die eigentlich für einen Kollegen vorgesehen war, der bei den Anschlägen auf das World Trade Center umgekommen ist. Isabelle arbeitet von dort aus weiter für ihre Berliner Grafikagentur und genießt, in den spannungsreichen Wochen vor Ausbruch des Kriegs im Irak, ihr Londoner Leben. Die beiden haben alles, was ein junges, erfolgreiches Paar braucht – und stehen doch mit leeren Händen da. Sehnsüchtig und ratlos sehen sie zu, wie ihr Leben aus den Fugen gerät. Jakob ist fasziniert von seinem Chef, Isabelle von Jim, dem Dealer. Die untergründigen Ströme von Liebe und Gewalt werden spürbar, und das Nachbarskind Sara wird ihr Opfer.
Wie das Weltgeschehen ins eigene Leben eingreift, wie sehr dabei die Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen oder mitzufühlen, kollidiert mit der Sehnsucht nach existentiellen Erfahrungen, das erzählt Katharina Hacker meisterlich. Sie erzählt von jenen Mittdreißigern, die alle Möglichkeiten und Handlungsfreiheiten haben, sich selbst und die Menschen in ihrer Umgebung aber nicht vor Unheil bewahren können.

Katharina Hacker, 1967 in Frankfurt am Main geboren und aufgewachsen, studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Freiburg und Jerusalem. Sie arbeitete mehrere Jahre in Israel und lebt seit 1996 in Berlin. Die Autorin erhielt zahlreiche Literaturpreise, zuletzt war sie Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim 2005/2006. Im Oktober 2006 wurde sie mit dem Deutschen Buchpreis 2006 ausgezeichnet.
 
Katharina Hacker: Die Habenichtse. Roman, 308 S., Suhrkamp Verlag 2006, € 17,80

Dienstag, 29. Mai 2007
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Barbara Beuys: „Paula Modersohn-Becker“
oder: Wenn die Kunst das Leben ist

Am 20. November 1907 stirbt kurz nach der Geburt einer Tochter die 31jährige Malerin Paula Modersohn-Becker. In knapp zehn Jahren hat sie ein gewaltiges Werk geschaffen, anknüpfend an Gauguin und van Gogh, und in vielfacher Hinsicht vergleichbar mit dem frühen Picasso. Barbara Beuys erzählt die bewegende Lebensgeschichte der Malerin: Von der Kindheit in Dresden, von der Ausbildung im Berlin an der Schwelle zur Moderne, vom Künstlerdorf Worpswede und von ihrem Leben in Paris, wo sie ihre künstlerische Heimat findet und sich als erste Frau lebensgroß im Akt malt. Barbara Beuys deutet die Vielfalt und die Provokation ihrer Gemälde gegen die herrschende Kunstkritik und zitiert Dokumente, die die bisher ausgeblendete Dramatik der Künstlerehe aufzeigen. Dabei entsteht ein neues Bild von Paula Modersohn-Becker, einer selbstbewussten Frau, die im Leben und in der Kunst zur Moderne gehört und die auch als Mutter ihre Arbeit als Malerin nicht aufgeben will. Zugleich erhält eine populäre, aber immer noch unterschätzte Künstlerin, die zu den Pionieren der modernen Malerei gehört, erstmals in einem weiten kulturellen Horizont den Platz, der ihr zusteht.
 
Barbara Beuys wurde 1943 geboren und studierte Geschichte, Philosophie und Soziologie in Köln. Nach ihrer Promotion zum Dr. phil. arbeitete als Redakteurin u.a. beim STERN, bei MERIAN und der ZEIT. Heute lebt Barbara Beuys in Köln als freie Autorin, die mit ihren sorgfältig recherchierten und zugleich verständlich geschriebenen Biografien regelmäßig großen Zuspruch sowohl vom Lesepublikum als auch von Seiten der Kritiker findet. Im Frühjahr 2000 war sie mit ihrer Darstellung des Leben der Annette von Droste-Hülshoff bereits Gast im LITTERA-Programm.

Barbara Beuys: Paula Modersohn-Becker oder: Wenn die Kunst das Leben ist. Biografie, 343 S., Hanser Verlag 2007, € 24,90

Mittwoch, 9. Mai 2007
in der Buchhandlung zur Heide

Antje Rávic Strubel: „Kältere Schichten in der Luft“

Im vergangenen Jahr hat Antje Ràvic Strubel mit der Übersetzung  von Joan Didions eindrucksvollem Buch Das Jahr des magischen Denkes für Aufsehen gesorgt, jetzt wird die Autorin durch die Aufnahme ihres neuen Romans in die Fünfer-Endauswahl für die Kategorie „Belletristik“ des „Preises der Leipziger Buchmesse 2007“ als eine der herausragenden deutschen Erzählerinnen bestätigt!
Ein Kanu-Camp in Schweden. Hier arbeiten Aussteiger, Abenteuersuchende, Arbeitslose und Naturfreaks. Für einige Sommerwochen retten sie sich in eine kulturferne Landschaft. Auch Anja hat sich aus ihrem deutschen Kleinstadtalltag geflüchtet. Sie sucht Ruhe, doch sie wird überrascht von einer Leidenschaft: Eines Tages steht eine fremde, junge Frau am See und legt Anja die Arme um den Hals und entführt sie in ein unbewohntes Haus. Sie gibt ihr den Namen ihres verlorenen Geliebten, des Schiffsjungen Schmoll. Doch der Zauber, die nachgeholte Unschuld dieser ersten Liebe, wird bald vergiftet durch den Argwohn und die Übergriffe der Campbewohner. Angst und Verstörung bedrohen nicht nur die Phantasien, sondern auch die Realität der beiden Frauen. Aus Aggression wird schließlich tödliche Gewalt.

Antje Rávic Strubel, 1974 geboren, studierte nach einer Buchhandelslehre Amerikanistik, Psychologie und Literaturwissenschaften in Potsdam und New York. Sie wurde u.a. mit der Roswitha-Medaille der Stadt Gandersheim ausgezeichnet und erhielt den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis. Sie veröffentlichte die Romane Offene Blende, Unter Schnee, Fremd Gehen. Ein Nachtstück sowie Tupolew 134.

Antje Ràvic Strubel: Kältere Schichten der Luft. Roman, 192 S., S. Fischer Verlag 2007, € 17,90

Donnerstag, 26. April 2007
im Friedenssaal des Rathauses Osnabrück

Michael Wilcke: „Die Falken Gottes“

Mit seinem Osnabrück-Roman Hexentage hat Michael Wilcke viele Leserinnen und Leser begeistert. Jetzt erscheint sein dritter historischer Roman, der wieder vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges in Osnabrück spielt! Wir freuen uns, auch diesen Roman erstmals in unserer Stadt vorstellen zu können.
Im Herbst 1647 zeichnet sich in den Kongressstädten Münster und Osnabrück ein Friedensschluss zwischen Protestanten und Katholiken ab, der dem Dreißigjährigen Krieg ein Ende setzen soll. In einem Waldstück nahe der Straße, die beide Städte verbindet, wird die junge Magd Anneke Zeugin eines Mordes. Sie beobachtet, wie ein Botenreiter getötet wird, doch bevor er stirbt, trägt er Anneke auf, einen gewissen Magnus Ohlin in Osnabrück aufzusuchen. Anneke findet Ohlin zwar, aber sie muss enttäuscht feststellen, dass er nur ein Aufschneider und Weiberheld zu sein scheint. Dann aber wird Ohlin selbst überfallen, und er beginnt der Magd zu glauben...
Michael Wilcke, Jahrgang 1970, lebt in der Nähe von Osnabrück und arbeitet als Mediengestalter bei einer Zeitung. Im Aufbau Taschenbuch Verlag erschien von ihm bisher Hexentage und Der Glasmaler und die Hure

Michael Wilcke: Die Falken Gottes. Roman, 384 S., Aufbau Verlag 2007, € 8,95

Montag, 2. April 2007
im Zimeliensaal der Universitätsbibliothek

Francesco Madeo: „Hymne auf ein liederliches Leben“

Der liederliche Held und liebenswerte Anti-Held in Francesco Madeos Roman eines exzessiven Genussmenschen sprengt alle vertrauten Vorstellungen des Sinnlichen. Nicht Dandy, nicht Flaneur oder Snob, sondern die alles beherrschende Körperwelt eines Großvaters im Hier und Jetzt einer Zweizimmerwohnung im Ruhrgebiet: auf Krücken und abgewetzten Sofas, in unüberbietbarer Körperlichkeit und in entwaffnender Offenheit, auf jede Pore seines Daseins insistierend. Kaum eine körperliche Regung und Entäußerung ist ihm fremd. Kein Familienmitglied kommt an seinen Sinnenforderungen vorbei. Jeder um ihn herum ist Zeuge und Diener seiner unablässigen Lebenslust und seines Verlangens - auch und vor allem Francesco, sein Enkel.
Und just in diese aufgeladene und überbordende Körperwelt hinein erscheint nun Patricia: Francescos erste Liebe ... Mit großer Erzählfreude, mit leichtfüßiger Komik und hintersinnigem Witz zeichnet Francesco Madeo das Porträt einer Figur – im wahrsten Sinne aus Fleisch und Blut, eine geradezu gigantische Persönlichkeit dezidierter Unvollkommenheit und tragikomischer Liederlichkeit – und trotz allem von ungebrochener Liebenswürdigkeit.

Francesco Madeo wurde 1967 im Ruhrgebiet als Sohn eines italienischen Einwanderers und einer Deutschen geboren. Studium der Biochemie in Tübingen, Promotion, zur Finanzierung derselben: Nebenerwerbs-DJ. Heisenbergstipendiat, Professor. Spektakuläre Entdeckung eines Selbstmordprogramms in Einzellern, die inzwischen nutzbar wurde zum Verständnis der Mechanismen der Krebsentstehung. Zahlreiche Publikationen und Vorträge im In- und Ausland. Arbeitet, lebt, lehrt in Tübingen und Graz.

Francesco Madeo: Hymne auf ein liederliches Leben. Roman, 287 S., Klöpfer & Meyer Verlag 2006, € 19,90

Dienstag, 6. März 2007
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Galsan Tschinag: „Die neun Träume des Dschingis Khan“

Die Neun ist die heilige Zahl der Nomaden. Galsan Tschinag erzählt in diesem außerordentlichen historisch-psychologischen Roman mit archaischer Sprachgewalt das Leben des Dschingis Khan: In neun Tag- und Nachtträumen blickt der sterbende Weltherrscher zurück auf seine Erfolge und seine Niederlagen, auf seine Hoffnungen und seine Ängste.

Längst ist Dschingis Khan ein Mythos geworden, in der Mongolei wird der „ozeangleiche Khan“ noch heute fast als Gott verehrt. Er starb im Jahr 1227, nicht durch Feindeshand, sondern – für einen Reiterfürsten schmachvoll – nach einem Sturz vom Pferd. Er, den seine Diener noch zur letzten Schlacht tragen, versinkt in Fieberträumen von Krieg, Verrat und Mord – Bilder, in tiefes Rot getaucht. Sein Blick geht nach innen, denn »auch die tausendjährige Eiche hat eines Tages mit dem end- und sinnlosen Weiterwuchern in die Ungewissheit aufzuhören«. Erinnerungen an seine Kindheit werden wach, an seine Getreuen, an seine Frauen und an die Liebe, die er empfunden hat: ein Weltenbeherrscher am Ende seines Lebens, getrieben von Halluzinationen, bekenntnisbereit, aber nicht sentimental, unerbittlich auch gegen sich selbst: „Jeder Tropfen Blut, geflossen über den Rand der Kelle, jede Handvoll Asche, geflogen über den Rand der Schaufel, jeder Armvoll Fleisch und Knochen, gerutscht über den Rand des Troges – jedes anderen zugefügte Leid musste auf meinem Weg gelegen und auf die Stunde der Vergeltung gewartet haben ...“

Galsan Tschinag, geboren 1943 in der Westmongolei, ist Stammesoberhaupt der turksprachigen Tuwa. Er lebt den größten Teil des Jahres in der Landeshauptstadt Ulaanbaatar und verbringt die restlichen Monate abwechselnd als Nomade in seiner Sippe im Altai und auf Lesereisen im Ausland. Seine Romane, Erzählungen und Gedichte schreibt er meist auf Deutsch. Galsan Tschinag erhielt u.a. 1992 den Adelbert-von-Chamisso-Preis und 2001 den Heimito-von-Doderer-Preis. 2002 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Galsan Tschinag: Die neun Träume des Dschingis Khan. Roman, 252 S., Insel Verlag 2007, € 17,80
 

Montag, 15. Januar 2007

Ralph Gehrke: „Party“

Obwohl Maike Kefer alles so perfekt wie möglich organisiert hat, damit ihre Silvester-Party zu einem Event wird, von dem man in Kleefeld noch lange sprechen soll, will der Abend nicht richtig in Gang kommen. Irgendwie wird sie das Gefühl nicht los, von lauter Spaßbremsen umgeben zu sein. In wechselnder Perspektive stellen sich die Partygäste mit ihren kleinen und großen Problemen und ihren speziellen Vorlieben und Abneigungen vor. Das Kaleidoskop der schmalen Oberschicht einer Provinzstadt, Geldsorgen, Kleidernöte, Beziehungskrisen, Sex, Gesundheit, Politik, Reifeprozesse, all das prallt zur Silvesterfeier aufeinander. Als der Countdown fürs neue Jahr läuft, und die Feierlaune endlich steigt, steht plötzlich jemand mitten im Raum und drückt sich eine Pistole an den Kopf ...
Der neue Roman von Ralph Gehrke, der dem Osnabrücker Publikum durch seine fulminante Geschichte eines Fußballanhängers des VfL Osnabrück bestens bekannt ist, entwirft eine Momentaufnahme. Es geht um Befindlichkeiten unter dem Eindruck wirtschaftlicher Stagnation und sozialer Krise. Die Auswirkungen sitzen der Spaßgesellschaft im Nacken. Ihre Reihen lichten sich. Doch allen Zeichen einer Zeitenwende zum Trotz soll das Feiern weitergehen. Alles Party oder was?

Ralph Gehrke, Dr. phil., Lehrtätigkeit an Schulen und Hochschulen im In- und Ausland. Lebt als selbständiger Einzelhandelskaufmann mit Frau und Sohn in Fürstenau bei Osnabrück. Sein erster Roman Verspielt erschien 2002.

Ralph Gehrke: Party. Roman, 508 S., Elf-Uhr-Verlag 2006, € 17,50   

Montag, 20. November 2006
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Thomas Glavinic: „Die Arbeit der Nacht“

Jonas ist allein. Zuerst ist es nur eine kleine Irritation, als die Zeitung nicht vor der Tür liegt und Fernseher und Radio nur Rauschen von sich geben. Dann jedoch wird Jonas klar, dass seine Stadt, Wien, menschenleer ist. Ist er der einzige Überlebende einer Katastrophe? Sind die Menschen geflüchtet? Wenn ja, wovor? Jonas beginnt zu suchen. Er durchstreift die Stadt, die Läden, die Wohnungen und bricht schließlich mit einem Truck auf, um nach Spuren der Menschen suchen. Mit wachsender Spannung erzählt Thomas Glavinic davon, was Menschsein heißt, wenn es keine Menschen mehr gibt. „Ein wundersam großes Buch, ein Roman über das Selbst und die anderen, über Angst und Mut, über die Brüchigkeit jenes Alltags, der uns so fest zu umschließen scheint, und über die unsichere Grenze zwischen Wachheit und Traum - Thomas Glavinics Meisterstück“ schreibt Daniel Kehlmann (Der Spiegel).

Thomas Glavinic, geboren 1972 in Graz, lebt mit seiner Familie in Wien. Seit 1991 schreibt er Romane, Essays, Erzählungen, Hörspiele und Reportagen. Zuletzt erschien sein viel von der Kritik hochgelobter spannender Kriminalroman Der Kameramörder.

Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht. Roman, 394 S., Hanser Verlag 2006, € 21,50
  

 
Dienstag, 14. November 2006
in Zusammenarbeit mit und im Vortragssaal der VHS Osnabrück

Ute Scheub: „Das falsche Leben“
Eine Vatersuche

Persönlich, anrührend, manchmal geradezu beklemmend zeichnet Ute Scheub das falsche Leben des Mannes, der ihr Vater war – und liefert das Porträt einer ganzen Generation von deutschen Vätern.

Ein Mann steht vor zweitausend Menschen auf, ruft »Ich grüße meine Kameraden von der SS!«, setzt eine Flasche Zyankali an die Lippen und trinkt – Stuttgart, Evangelischer Kirchentag 1969. »Der Tod trat auf dem Weg ins Robert-Bosch-Krankenhaus ein«, notiert Günter Grass, der diesen Manfred Augst in »Aus dem Tagebuch einer Schnecke« porträtiert hat. 35 Jahre später stößt Manfred Augsts Tochter auf die Abschiedsbriefe, die Manuskripte und die Feldpostbriefe ihres Vaters. Eine erschütternde Spurensuche beginnt, bei der Ute Scheub mehr findet als nur ein einzelnes Schicksal. Wie viele jener Männergeneration, die Nachkriegsdeutschland geprägt hat, konnte Manfred Augst nicht über seine Erlebnisse im Krieg reden, schon gar nicht mit seinen Kindern, denen er nur ein ferner, liebloser Vater sein konnte. »Er ist – buchstäblich – an seinem Schweigen erstickt.«

Ute Scheub wurde in Tübingen geboren. Nach dem Studium der Politikwissenschaft arbeitete sie als Journalistin für den Tagesspiegel, Frankfurter Rundschau, Süddeutsche, Freitag, Geolino, Tigerentenclub, Publikationen für die Frau und war Mitbegründerin der taz. 1992 Auszeichnung mit dem Ingeborg Drewitz-Preis der Humanistischen Union Berlin für ihr publizistisches Gesamtwerk. Sie lebt als freie Autorin mit ihrer Familie in Berlin.

Ute Scheub: Das falsche Leben. Eine Vatersuche, 304 S., Piper Verlag 2006, € 18,90
 
 

Mittwoch, 1. November 2006
zweisprachige Lesung im BlueNote des CINEMA-Arthouse

MODERATION: Prof. Dr. Sigrid Markmann
DEUTSCHE TEXTSTELLEN: Christel Leuner

Lily Brett: „Chuzpe“

„Schmonzes“, sagt Edek, als seine Tochter Ruth ihn ermuntert, sich einem Lesezirkel anzuschließen. Seine Kriminalbücher, sagt er, könne er ganz alleine lesen. Schmonzes sagt Edek auch zu Schwimmunterricht, Massagen und der Mitgliedschaft in einem jüdischen Seniorenclub. Ruth begreift nicht sofort, dass ihr Vater, vor wenigen Wochen erst von Melbourne zu ihr nach New York gezogen, weit davon entfernt ist, einen ruhigen Lebensabend zu verbringen. Und dass Lebensabend überhaupt der falsche Begriff ist für den munteren Siebenundachtzigjährigen, der sich erst in Ruths Korrespondenzbüro nützlich zu machen versucht, indem er täglich Unmengen von Papier und Büroklammern bestellt - und wenig später ein Verhältnis beginnt. Als Edek auch noch ein Restaurant an der Upper East Side eröffnen will, das auf polnische Fleischbällchen spezialisiert ist, bangt Ruth gleichermaßen ums Erbe und um ihre Nerven. „Das ist der Roman, auf den Brett-Fans lange gewartet haben“ (Sydney Morning Herald) - ein Roman über Väter und Töchter, polnische Küche und New Yorker Neurosen; eine Geschichte ernster Irrungen und komischer Wirrungen, erzählt mit genau der Mischung aus Witz, Wärme und Verstand, die Lily Bretts Stimme so unverwechselbar macht. 
„Schon lange hatte ich das Bedürfnis, ein Buch zu schreiben, das unbeschwert und lebensbejahend ist. Hier ist es“ sagt die Autorin zu ihrem neuen Werk. 
Lily Brett wurde 1946 in Deutschland geboren und übersiedelte 1948 mit ihren Eltern, die im Ghetto von Lodz geheiratet hatten, nach Australien. Mit 19 Jahren Beginn ihrer journalistischen Arbeit bei einem Rockmagazin. Heute ist sie eine der bekanntesten englischsprachigen Schriftstellerinnen und lebt mit ihrem Mann in New York.

Lily Brett: Chuzpe. Roman, 334 S., Suhrkamp Verlag 2006, € 19,80
 
 

Donnerstag, 26. Oktober 2006
im Zimeliensaal der Universitätsbibliothek

Helge Timmerberg: „Shiva Moon“
Eine Reise durch Indien

Der Ganges ist Indiens Schicksalsstrom - heiliger Fluss und Lebenselixier. Vom Himalaya ergießt er sich über zweieinhalbtausend Kilometer in das bengalische Land nach Kalkutta. Helge Timmerberg ist dem Strom gefolgt, von der Quelle auf 3500 Metern Höhe, wo der Ganges aus dem Eis bricht, bis zum Delta am Indischen Ozean - zu Fuß, auf dem Boot, mit dem Zug, wie es gerade kam. Er trifft in Gangatori nackte Asketen in ihren Höhlen und durchstreift Rishikesh, die Stadt, in die die Beatles pilgerten und wo Autos, Alkohol und Fleisch verboten sind. Er mischt sich unter Bettelmönche und begegnet Sadhus, die aus den ausgekochten Schädeln ihrer Yogis trinken. Er besucht die Slums von Kalkutta ebenso wie das sechstausend Jahre alte Varanasi, die heiligste Stadt der Hindus und zugleich die Metropole der Astrologie. Es ist eine Reise im Schatten einer jahrtausendealten Kultur, aber auch im lebendigen Strudel der Menschen, die Indien sein Gesicht verleihen - eigenwillig und mit großer Kraft erzählt. 

Helge Timmerberg, geboren 1952, entschloss sich im Alter von zwanzig Jahren im Himalaja dazu, Journalist zu werden. Seitdem schreibt er Reisereportagen für alle renommierten deutschen Zeitungen und Zeitschriften aus allen Teilen der Welt - bisher mit Ausnahme der Fidschis und Australien. Nur Crew-Mitglieder der großen Fluglinien sind möglicherweise mehr unterwegs. Seine Wohnung nennt er Basis-Camp, und alle Ansätze des modernen Nomaden, ernsthaft sesshaft zu werden, schlugen bisher fehl. Er versuchte es u.a. in Marrakesch, Havanna und Wien. Zur Zeit ist Berlin sein ständiger Abflugsort.

Helge Timmerberg: Shiva Moon. Eine Reise durch Indien, 256 S., Rowohlt Berlin 2006, € 17,90
 
 

Donnerstag, 12. Oktober 2006
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Der Matrose im Schrank“ - Literatur und Musik aus Irland
Hugo Hamilton und Morris Minor

Kraftvoll, komisch, hinreißend schön – „Gescheckte Menschen“, Hugo Hamilton Kindheitserinnerungen, war eine kleine Sensation. Jetzt erzählt der Dubliner Schriftsteller von seiner Jugend in Irland – eine ebenso poetische wie kompromisslos unsentimentale Geschichte von Liebe und Hass zwischen Vater und Sohn, von unbändigem Freiheitsdrang, Sehnsucht nach Heimat und Lust auf eine von Erinnerungen unbelastete Zukunft. Die passende Untermalung erhält der gelesene Text durch die stimmungsvolle Musik der Osnabrücker Irish Folk-Spezialsten Morris Minor. 
Irland Anfang der sechziger Jahre: In einem kleinen Hafenstädtchen südlich von Dublin ist viel innerer und äußerer Aufruhr. Hugo, Sohn eines Iren und einer Deutschen, versucht mit allen Kräften erwachsen zu werden und seinem Zuhause zu entkommen. Denn dort bürden ihm seine Eltern ihre schmerzlichen Erinnerungen auf und der Vater, der sich die Demütigungen der Briten gegenüber den Iren zueigen gemacht hat, verfolgt zwanghaft jede Spur der verhassten englischen Sprache. 
Doch in diesem Sommer will Hugo keine Vergangenheit, kein Gewissen, keine Erinnerung mehr. Er entzieht sich dem Familiendruck auf seine Art: Während der Vater weg ist, hört er heimlich seine erste englische Platte, "Get Back" von den Beatles. Doch dummerweise vergisst er, die Single hinterher vom Plattenteller zu nehmen. Bei Tisch führt Hugo Selbstgespräche auf Englisch, und obwohl der Vater spürt, was vor sich geht, kann er nichts dagegen unternehmen. Und es ist der Sommer, in dem Hugo die erste Schachpartie gegen seinen Vater gewinnt – ein Zeichen, dass dessen Macht langsam zu schwinden scheint.
Für Hugo wird dabei der Großvater zu einer neuen Identifikationsfigur. Sein Vater hat ihn stets verleugnet, sah in ihm einen englischen Verräter an und sperrte ihn in den Schrank. Jetzt schleicht sich Hugo manchmal zu dem Schrank, schaut verträumt und bewundernd die alte Matrosenuniform an. Er möchte auch Matrose werden – und seinen englischen Großvater aus dem Kleiderschrank befreien. Wie es Hugo lernt, sich und seine Geschichte annehmen, und warum Abschied und Heimkehr lediglich zwei Seiten derselben Medaille sind, schildert Hugo Hamilton in seinem kraftvollen Roman auf unnachahmlicher Weise.
"Ein so gutes Buch wie 'Gescheckte Menschen' zu schreiben, ist schon mehr als außergewöhnlich. Aber Hamilton hat sich nun selbst übertroffen. 'Der Matrose im Schrank' ist ein unglaubliches Buch: Es ist lustig und traurig, herzzerreißend und versöhnlich zugleich. Spätestens dieser Roman macht Hugo Hamilton zu einem Spitzenschriftsteller der allerersten Riege." (Sunday Tribune)

Hugo Hamilton wurde 1953 als Sohn eines irischen Vaters und einer deutschen Mutter in Irland geboren. Er hat bisher fünf Romane verfasst, von denen drei auch auf Deutsch erschienen sind, und eine Sammlung von Kurzgeschichten. Zuletzt erschien von ihm „Gescheckte Menschen“. Der Autor lebt mit seiner Familie in Dublin. 2004 erhielt er in Paris den Fémina-Preis für ausländische Literatur.

Die irische Familie Morris lebt seit mehr als 25 Jahren in Osnabrück. Mit ihren Interpretationen der zum Teil lebensfrohen, aber auch melancholischen Musik ihrer Heimat, die sie auch auf Gälisch singen, haben sich Jerome und Maire auch international einen Namen gemacht. 

Hugo Hamilton: Der Matrose im Schrank. 288 S., Knaus Verlag 2006,  € 19,95
 
 

Montag, 18. September 2006
in Zusammenarbeit mit der Erich Maria Remarque Gesellschaft e.V.  im BlueNote des CINEMA-Arthouse 

Reinhold Joppich: „50 Jahre Der schwarze Obelisk - eine Erfolgsgeschichte“
Erich Maria Remarque, sein Verlag und die Leser 

1956 erschien Remarques vierter Nachkriegsroman „Der schwarze Obelisk“, der das Aufkommen des Nationalsozialismus beschreibt, im bürgerlich-kleinbürgerlichen „Werden“ in der Weimarer Republik, als fiktionale „Geschichte einer verspäteten Jugend“ in einer Stadt wie Osnabrück. Für Osnabrücker Alt- oder Neubürger ist das Buch eine wahre Fundgrube zum Geschichtsverständnis ihrer Stadt. Reinhold Joppich gibt aus Anlass des 20. Gründungstages der Osnabrücker Erich Maria Remarque Gesellschaft einen Rückblick auf die Entwicklung des Werkes und trägt wichtige Textstellen des Buches vor.

Reinhold Joppich ist Vertriebsleiter des Kölner Verlages Kiepenheuer & Witsch. Neben seiner Berufstätigkeit hat er sich dank profunder Literaturkenntnisse und wegen seines großen Vortragstalents einen Namen als gefragter und beliebter Vorleser gemacht.
 
 

Donnerstag, 7. September 2006
in Zusammenarbeit und in den Räumen der Stadtbibliothek Osnabrück, Marktplatz 1, im Rahmen der Ausstellung "Wenn die Kinder artig sind. Zur Aktualität des Kinderbuchklassikers Struwwelpeter"

Anita Eckstaedt: „Die Angst vor dem Mitgefühl -
Die Verleugnung des Traumas von Struwwelpeter“

In der Stadtbibliothek Osnabrück ist vom 6. Juli bis 30. September 2006 die Ausstellung "Wenn die Kinder artig sind..." zu sehen. Die Präsentation rund um den Bilderbuchklassiker „Struwwelpeter“ ist auf Grundlage der umfangreichen Struwwelpeter-Sammlung des Osnabrücker Kinderarztes Dr. Dietrich Dähn entstanden und beinhaltet neben Informationen zum Buch selbst und seinem Autor Dr. Heinrich Hoffmann interessante Aspekte zur Struwwelpeter-Rezeption. Aktuelle Fragen der Kinderheilkunde wie beispielsweise das so genannte "Zappelphilipp-Syndrom" oder Essstörungen ("Suppenkasper") werden dabei ebenso angesprochen wie kontroverse Fragen der Kindererziehung.
Im Rahmen des umfangreichen Begleitprogramms für Kinder und Erwachsene nimmt sich in einer gemeinsamen Veranstaltung der Buchhandlung zur Heide mit der Kinder- und Jugendbibliothek Dr. med. Anita Eckstaedt, Nervenärztin und Psychoanalytikerin, der Ananlyse des Kinderbuchklassikers "Struwwelpeter" an. Sie beschäftigt sich mit der "Verleugnung des Traumas von Struwwelpeter", dessen z.T. aggressive Geschichten möglicherweise auf den frühen Waisenstand des Autors zurückgehen, der seine Verlusterfahrungen in den abwesenden und sprachlosen Mutterfiguren gezeigt hat.

Anita Eckstadt hat neben "Struwwelpeter. Dichtung und Deutung" (1998) weitere bedeutende populäre Wissenschaftsbücher veröffentlicht, die starke Resonanzen erfahren haben, insbesondere "Zeit allein heilt keine Wunden. Psychoanalytische Erstgespräche mit Kindern und Eltern" (1980) und "Nationalsozialismus in der 'zweiten Generation'. Psychoanalyse von Hörigkeitsverhältnissen" (1989).

Anita Eckstaedt: Der Struwwelpeter. Dichtung und Deutung - Eine psychoanalytische Studie, 264 S., Suhrkamp Verlag 1996, € 24,80
 
 

Montag, 10. Juli 2006
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Dagmar von Gersdorff: „Die Erde ist mir Heimat nicht geworden“
Das Leben der Karoline von Günderrode

„Die Erde ist mir Heimat nicht geworden“ - dieser Ausspruch charakterisiert das gebrochene Verhältnis Karoline von Günderrodes zu ihrer Zeit und ihre Zerrissenheit als Frau und als Dichterin. Als begabte, intelligente und anziehende Tochter einer verarmten Adelsfamilie wurde sie früh in einem Frankfurter Damenstift untergebracht - jedoch litt sie unter ihren eingeschränkten Lebensverhältnissen sehr, was auch zum Scheitern zwei Liebesbeziehungen führt.
Das Werk der Günderrode ist schmal. Zu Lebzeiten hat sie zwei Bände veröffentlicht: Lyrik, Dramen, Prosa. Der letzte geplante Gedichtband entstand in der Zeit ihrer Bekanntschaft mit dem neun Jahre älteren, unglücklich verheirateten Mythenforscher Friedrich Creuzer. Er wurde ihr Mentor und Geliebter. Doch die Verbindung zerbrach unter dem Einfluß von Freunden Creuzers. Nachdem er sich von ihr losgesagt hatte, wählte Karoline von Günderrode 26jährig in Winkel am Rhein den Freitod. Den Dolch, Zeichen für Selbstbestimmung und Freiheit, trug sie stets bei sich.
Der Nachwelt ist das einzigartige, konzentrierte Leben der Karoline von Günderrode oft noch interessanter erschienen als ihre Dichtungen: Bettine von Arnims Günderrode-Buch und Christa Wolfs Erzählung „Kein Ort. Nirgends“ zeugen davon. 

Dagmar von Gersdorff, Dr. phil., wurde 1938 in Trier geboren. An der Freien Universität Berlin studierte sie Germanistik und Kunstgeschichte, ihre Promotion schrieb sie über den Einfluß der deutschen Romantik auf Thomas Mann. Heute lebt sie als Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin in Berlin und veröffentlichte u.a. „Marie Luise Kaschnitz“ (1997), „Goethes Mutter“ (2001), „Marianne von Willemer und Goethe“ (2003).

Dagmar von Gersdorff: Die Erde ist mir Heimat nicht geworden. Biografie, 250 S., Insel Verlag 2006, € 19,80
 
 

Donnerstag, 15. Juni 2006
zweisprachige Lesung in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Osnabrück/Romanistik

MODERATION: Susanne Dölle
DEUTSCHE TEXTSTELLEN: Simon Keel

Sergio Olguin: „Die Traummannschaft/El equipo de los suenos“

Argentinien im Hochsommer: Dem 14jährigen Ariel, der am liebsten Fußball spielt und neben der Schule im Laden seines Onkels jobbt, stehen heiße Tage bevor, denn er ist unsterblich verliebt. Die Angebetete, Patricia, kommt aus einem ärmlichen Stadtviertel, das Ariel bisher ängstlich gemieden hat. Sein Mut ist jedoch gefordert, als das Ungeheuerliche geschieht: Eine Bande Krimineller klaut den größten Schatz, den Patricias Vater besitzt: Diego Maradonas ersten Fußball. Ariel und seine Freunde beschließen, den Ball zurückzuholen - zum ersten Mal verlassen sie ihre behütete Welt und stürzen sich in ein lebensbedrohliches Abenteuer.
Mit tiefgründigem Witz und charmanter Leichtigkeit erzählt Sergio Olguín vom Zauber der ersten Liebe, von Freundschaft in allen Lebenslagen und von Fußballtoren, die besser nicht geschossen worden wären.

Sergio Olguín wurde 1967 in Buenos Aires geboren, wo er auch heute lebt. Er studierte Literatur und arbeitet neben seiner Schriftstellertätigkeit als Journalist. Die Traummannschaft ist sein dritter Roman; er wurde bereits in mehrere Sprachen übersetzt.

Sergio Olguin: Die Traummannschaft. Roman, 190 S., Suhrkamp Verlag 2006, € 7,--
 
 

Dienstag, 30. Mai 2006
im Lutherhaus 

Frank Schirrmacher: „Minimum“
Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft

BUCHVORSTELLUNG MIT DISKUSSION

Unsere sozialen Beziehungen werden in den nächsten Jahrzehnten einer großen Belastung ausgesetzt: Sie werden knapp werden wie ein kostbarer Rohstoff. Schon heute bewegen sie sich in Teilen des Landes auf ein historisch nie gekanntes Minimum zu. Als Ergebnis der unumstößlichen Schrumpfung unserer Gesellschaft und aufgrund vielfältiger Globalisierungseffekte wird es eine Reduzierung unserer kleinsten Welt, der unserer Freunde und Familien geben. Diese Revolution wird sich in allen Lebensbereichen Geltung verschaffen: in der Politik wie in der Kultur, in der Wissenschaft wie im Alltag.
Wer ist da, wenn niemand mehr da ist? Jeder hat gelernt, dass er für die Zukunft vorsorgen muss. Zu den knappen Rohstoffen der Zukunft wird etwas gehören, das man nicht sparen kann: Verwandte, Freunde, Beziehungen, kurzum das, was man soziales Kapital nennt. In den kommenden Jahren wird sich unsere Lebensweise radikal verändern. In vielen Ländern Europas wird eine wachsende Zahl von Kindern in ihrer eigenen Generation wenige oder gar keine Blutsverwandte mehr haben. Künftig sehen sich ganze Landstriche, wie heute schon Teile Ostdeutschlands, mit einer Wanderungsbewegung junger Frauen konfrontiert; zurück bleiben Männer, deren Chancen, eine Partnerin zu finden, immer geringer werden.
Frank Schirrmacher zeigt, dass unsere Gesellschaften auf diese Entwertung ihres sozialen Kapitals nicht vorbereitet sind: Der Wohlfahrtsstaat zieht sich in einem Moment als großer Ernährer zurück, in dem sich das private Versorgungsnetz aus Freundschaft, Verwandtschaft und Familie auflöst. Kann es in diesem Umfeld Uneigennützigkeit und Altruismus, selbstlose Hilfe und Unterstützung für den anderen überhaupt noch geben?
Der Zusammenbruch unserer sozialen Grundfesten zwingt uns, unser alltägliches Zusammenleben von Grund auf umzuorganisieren. Dabei werden Frauen eine alles entscheidende Rolle spielen.

Frank Schirrmacher, Jahrgang 1959, Studium in Heidelberg und Cambridge, Promotion. Seit 1994 ist er einer der Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und lebt in Frankfurt am Main. Als innovativer Journalist sorgt er immer wieder für großes Aufsehen: Beifall erntete er u.a. für die in der „FAZ“ angestoßenen biotechnologischen Debatten, mit denen er auch einen Kurswechsel im Feuilleton in Richtung naturwissenschaftliche Orientierung vollzogen hat. 2004 sagte er dem Altersrassismus den Kampf an - für sein Buch „Das Methusalem-Komplott“ erhielt Frank Schirrmacher u.a. die „Goldene Feder“, den „Corine-Sachbuch-Preis“ und die Auszeichnung „Journalist des Jahres 2004“.

Frank Schirrmacher: Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft, 192 S., Blessing Verlag 2006, ca. € 16,--
 
 

Montag, 22. Mai 2006
im Zimeliensaal der Universitätsbibliothek

Ilija Trojanow: „Der Weltensammler“

Der britische Offizier Sir Richard Burton (1821 – 1890), Held von Ilija Trojanows Roman, ist einer der seltsamsten Menschen des an exzentrischen Figuren reichen 19. Jahrhunderts: Anstatt in den Kolonien die englischen Lebensgewohnheiten fortzuführen und jede Anstrengung zu vermeiden, lernt er wie besessen die Sprachen des Landes, vertieft sich in fremde Religionen und reist zum Schrecken der einheimischen Behörden anonym in diesen Ländern herum. So betritt er, in Indien zum Islam konvertiert, als einer der ersten Europäer unerkannt die heiligen Stätten von Mekka und Medina. Und er reist zu den Quellen des Nils – eine seelische und körperliche Zerreißprobe, die zum Zusammenbruch führt. Was hat diesen Mann getrieben, der in Indien mit einer Kurtisane zusammenlebt und nächtelang die heiligen Schriften studiert, der in Arabien nicht mehr von den Einheimischen zu unterscheiden ist und der in Afrika Strapazen auf sich nimmt, die selbst den Einheimischen unmenschlich vorkommen?
Ilija Trojanow hat einen farbigen Abenteuerroman geschrieben, der durch genaue Sachkenntnis begeistert. Er ist Burton durch drei Kontinente hinterhergereist, um dessen Faszination an Hinduismus, Islam und afrikanischen Naturreligionen auf die Spur zu kommen. Und zugleich ist dieser Roman hochaktuell, weil er erklärt, warum der Westen bis heute nichts von der Dynamik und den Geheimnissen der anderen Welt begriffen hat. Auch dieses Buch hat den Sprung in die Endauswahl der Kategorie Belletristik des „Preises der Leipziger Buchmesse 2006“ geschafft!

Ilija Trojanow wurde 1965 in Sofia geboren. Nach der Flucht mit der Familie über Jugoslawien nach Italien erhielt er politisches Asyl in Deutschland. Er lebte zehn Jahre in Kenia und gründete 1989 den Kyrill & Method Verlag und 1992 den Marino Verlag in München. 1996 erhielt er den Literaturpreis der Stadt Marburg. 1999 lebt Trojanow in Bombay, Indien. Er veröffentlichte u.a.: „In Afrika“ (1993), „Der Sadhu an der Teufelswand“ (Neuaufl. 2002), „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ (1996), „An den inneren Ufern Indiens“ (2003), „Zu den heiligen Quellen des Islam“ (2004).

Ilija Trojanow: Der Weltensammler. Roman, 480 S., Hanser Verlag 2006, € 24,90
 
 

Montag, 8. Mai 2006

Judith Kuckart: „Kaiserstraße“

„Es gibt wenige deutsche Autorinnen, die sich an Sinnfragen so zielsicher heranzuschreiben wissen wie Judith Kuckart“ (Die Zeit) – eine Einschätzung, die durch die Nominierung ihres neuen großen Romans für den „Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse 2006“ bestätigt wird. 
Als Leo Böwe im Spätherbst 1957 durch die Frankfurter Kaiserstraße geht, hört er vom Mord an der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt. Der Name setzt sich in seinem Kopf fest wie der Name einer Geliebten, der er nie begegnet ist. Böwe ist im Begriff, eine Stelle als Vertreter für Waschmaschinen anzutreten, er lernt die Regeln des Geschäfts. Zehn Jahre später hat Böwe eine Tochter, Jule, die beiden haben es nicht leicht miteinander. Durch fünf Jahrzehnte begleitet Judith Kuckart in ihrem Buch das Leben von Vater und Tochter. „Kaiserstraße“ ist ein Fotoalbum in Worten, in fünf Stationen verfolgt es die Entwicklung zweier gegensätzlicher Helden und markiert zugleich fünf Wendepunkte in der Geschichte der Republik: 1957, 1967, 1977, 1989, 1999. Und wie das Land sich verändert, verändern sich auch seine Bewohner. Es ist eine brüchige Karriere – denn verkaufen lässt sich vieles, Waschmaschinen ebenso wie Ideen, Werte und Politik. Verkaufen kann man am Ende auch sich selbst.

Judith Kuckart, geboren 1959 in Schwelm/Westfalen, lebt nach dem Studium der Literatur- und Theaterwissenschaften und einer Tanzausbildung als Autorin, Dramatikerin und Regisseurin in Zürich und Berlin. Neben einigen Theaterstücken erschienen von ihr mehrere Romane. Judith Kuckart wurde u. a. mit dem „Rauriser Literaturpreis“ und dem „Stipendium der Villa Massimo“ in Rom ausgezeichnet.

Judith Kuckart: Kaiserstraße. Roman, 320 S., DuMont Literatur und Kunst Verlag 2006, € 19,90
 
 

Dienstag, 2. Mai 2006
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Necla Kelek: "Die verlorenen Söhne"
Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes

BUCHVORSTELLUNG MIT DISKUSSION

Warum sind so viele muslimische und türkische Jungen Schulversager? Warum sitzen so viele Muslime in deutschen Gefängnissen? Sind nur soziale Benachteiligung und mangelnde Bildungschancen die Ursache dafür? Oder auch die türkisch-muslimische Erziehung und die archaischen Stammeskulturen einer sich ausbreitenden Parallelgesellschaft?
Mit ihrem Buch »Die fremde Braut« hat Necla Kelek eine heftige Debatte über Zwangsheirat und die gescheiterte Integration der Türken in Deutschland entfacht. "Necla Kelek enthüllt eines der bestgehüteten Tabus: die extrem hohe Anzahl gekaufter Bräute mitten in Deutschland. Und sie erzählt am Beispiel des eigenen Lebens vom weiten Weg der zweiten Generation zu sich selber. Ein mitfühlendes, mutiges, Augen öffnendes Buch." (Alice Schwarzer)
Jetzt wendet sich Necla Kelek der anderen Hälfte der türkisch-muslimischen Gesellschaft zu: den Vätern, die als Patriarchen das Leben der Familie bestimmen, den Söhnen, die sich von den Müttern vorschreiben lassen, wen sie zu heiraten haben, und den Brüdern, die ihre Schwestern kontrollieren und bestrafen – bis hin zum »Ehrenmord«, dem die junge Türkin Hatan Sürücü zum Opfer fiel.
Necla Kelek untersucht anhand von Lebensgeschichten muslimischer Männer – vom Mörder bis zum Vorbeter einer Moschee – das auf Ehre, Schande und Respekt, tatsächlich aber auf Gehorsam und Gewalt aufgebaute System der türkisch-muslimischen Erziehung. Sie schildert die exemplarische Sozialisation türkischer Jungen – von der Wiege über die Beschneidung bis zu den Aufgaben als Vater. Vehement kritisiert die Autorin den mangelnden Willen zur Integration bei vielen Muslimen, deren Vertreter den Dialog mit den Deutschen oft nur als Einladung zur Bekehrung zum Islam verstehen.

Necla Kelek wurde 1957 in Istanbul geboren, hat in Deutschland Volkswirtschaft und Soziologie studiert und über das Thema »Islam im Alltag« promoviert. Sie forscht zum Thema Parallelgesellschaften und berät u. a. die Hamburger Justizbehörde zu Fragen der Behandlung türkisch-muslimischer Gefangener. Im November 2005 wurde sie für ihr
Engagement mit dem Geschwister-Scholl-Preis der Stadt München ausgezeichnet.

Necla Kelek: Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des
türkisch-muslimischen Mannes, 208 S., Kiepenheuer & Witsch 2006, € 18.90
 
 

Montag, 27. März 2006
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Thomas Lang: „Am Seil“

Auch in diesem Jahr ist es uns gelungen, den aktuellen Ingeborg-Bachmann-Preisträger für eine Lesung in Osnabrück zu gewinnen, der nach Meinung der Kritiker die Auszeichnung völlig zur Recht für seinen poetischen Vortrag erhielt. Soeben ist der Roman zusätzlich in die Endauswahl von fünf Titeln für den „Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse 2006“ aufgenommen worden!
Aus wechselnder Perspektive und mit einem perfekten Spannungsbogen erzählt Thomas Lang von einem archaischen Vater-Sohn-Konflikt, der eine überraschende Lösung erfährt. Dabei gelingen ihm gleichzeitig bewegende und nicht selten von absurder Komik aufgeladene Bilder, die beim Lesen tief berühren und lange nachwirken.
Bert Kesperg geht es nicht gut. Er kann nicht mehr laufen, seine Hände zittern, sein Körper verfällt mitunter in eine minutenlange Starre. Nach der Scheidung von seiner Frau lebt der ehemalige Englisch- und Sportlehrer in einem Seniorenwohnheim. Als er überraschend Besuch von seinem Sohn Gert erhält, glaubt er im Dämmerlicht seines Zimmers einen Moment lang, es sei der Tod, der ihn holen kommt.
Bert hat nie viel von seinem Sohn gehalten. Und Gert scheint dieses Bild mit Wort und Schritt zu bestätigen. Auch er befindet sich in einer tiefen Lebenskrise. Doch als Vater und Sohn das Altersheim verlassen, um den vormals von ihnen bewohnten Hof aufzusuchen, entwickelt sich jenseits ihres lebenslangen Machtkampfes eine prekäre Nähe, und es ist der Sohn, der den Entschluss, den sie beide stillschweigend gefasst haben, zielstrebig umsetzt...

Thomas Lang, geboren 1967, studierte Literatur in Frankfurt/Main. Seit 1997 lebt er als freier Autor, Lektor und Korrektor in München. 2002 erschien sein Roman "Than", ausgezeichnet mit dem Bayerischen Staatsförderungspreis und dem Marburger Literaturpreis. Für einen Auszug aus seinem Roman "Am Seil" erhielt er 2005 den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Thomas Lang: Am Seil. Roman, 173 S., C.H.Beck Verlag 2006, € 16,90
 
 

Montag, 20. Februar 2006
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Daniel Kehlmann: „Die Vermessung der Welt“

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts machen sich zwei junge Deutsche an die Vermessung der Welt. Der eine, Alexander von Humboldt, kämpft sich durch Urwald und Steppe, befährt den Orinoko, kostet Gifte, zählt Kopfläuse, kriecht in Erdlöcher, besteigt Vulkane und begegnet Seeungeheuern und Menschenfressern. Der andere, der Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß, der sein Leben nicht ohne Frauen verbringen kann und doch in der Hochzeitsnacht aus dem Bett springt, um eine Formel zu notieren - er beweist auch im heimischen Göttingen, dass der Raum sich krümmt. Alt, berühmt und ein wenig sonderbar geworden, treffen sich die beiden 1828 in Berlin. Doch kaum steigt Gauß aus seiner Kutsche, verstricken sie sich in die politischen Wirren Deutschlands nach dem Sturz Napoleons. Mit Fantasie und viel Humor beschreibt Daniel Kehlmann das Leben zweier Genies, ihre Sehnsüchte und Schwächen, ihre Gradwanderung zwischen Einsamkeit und Liebe, Lächerlichkeit und Größe, Scheitern und Erfolg - ein philosophischer Abenteuerroman von seltener Kraft und Brillanz. 

Daniel Kehlmann wurde 1975 in München geboren und lebt in Wien. Für seine Romane und Erzählungen, die in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt wurden, erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Candide-Preis 2005. Bereits 2003 war er unser „LITTERA“-Gast mit seinem Roman "Ich und Kaminski", der international zu einem großen Erfolg wurde.

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. Roman, 301 S., Rowohlt Verlag 2005, € 19,90
 
 

Montag, 30. Januar 2006
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Arno Geiger: „Es geht uns gut“

Wir freuen uns auf den Träger des im Oktober 2005 zum ersten Mal verliehenen Deutschen Bücherpreises, mit dem der beste deutschsprachige Roman des Jahres ausgezeichnet wird! Zur Begründung erklärte die Jury: „Arno Geiger gelingt es, Vergänglichkeit und Augenblick, Geschichtliches und Privates, Erinnern und Vergessen in eine überzeugende Balance zu bringen.“ Arno Geiger ist ein Meister sprudelnder Sprachphantasie und Autor von bisher vier Romanen, durch die er immer die Tiefen der menschlichen Seele berührt, die zugleich aber auch durch und durch komisch sind. Sein neues Buch ist ein Roman, der ebenso genau wie leicht vom Gewicht des Lebens spricht.
Philipp Erlach hat das Haus seiner Großmutter in der Wiener Vorstadt geerbt, und die Familiengeschichte, von der er definitiv nichts wissen will, sitzt ihm nun im Nacken. Der Autor erzählt von vielen Protagonisten: Von Alma und Richard, deren Tochter Ingrid 1938 gerade geboren wird und die nichts mit den Nazis zu tun haben wollen. Vom fünfzehnjährigen Peter, der 1945 mit den letzten Hitlerjungen durch die zerbombten Straßen läuft. Von Ingrid, die mit dem Studenten Peter eine eigene Familie gründen will, und von Philipp, dem Sohn der beiden. Arno Geiger gelingt es, ein trauriges und komisches Jahrhundert lebendig zu machen. 

1968 in Bregenz geboren, wuchs Arno Geiger in Wolfurt/Vorarlberg auf. Nach dem Abschluss des Studiums der Deutschen Philologie, Alten Geschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien und Innsbruck lebt er seit 1993 als freier Schriftsteller in Wolfurt und Wien. Während der Bregenzer Festspiele arbeitet Arno Geiger als Videotechniker.

Arno Geiger: Es geht uns gut. Roman, 389 S., Hanser Verlag 2005, € 21,50
 
 

Freitag, 2. Dezember 2005
in der Aula des Schlosses Osnabrück
in Zusammenarbeit mit der Justus-Möser-Gesellschaft Osnabrück

Robert Gernhardt: „In Zungen reden. Stimmenimitationen von Gott bis Jandl“

Robert Gernhardt ist vermutlich der populärste Lyriker Deutschlands und erzeugt seit fast 50 Jahren die komischsten Verse der Gegenwartsliteratur. Satire, Nonsense, auch „Ernstes“, Prosa, Essays, Hörspiele, Drehbücher hat der ungemein vielseitige Schriftsteller verfasst, daneben auch Außerliterarisches: Der gelernte Kunsterzieher ist Zeichner von Bildergeschichten und ein Maler von hohen Graden. In einer Musterkollektion seiner literarischen Parodien führt er die Zuhörer nicht nur quer durch die Literaturgeschichte, er streunt mit ihnen auch durch den deutschen Blätterwald, vom Spiegel bis zu Bild. Das Ergebnis: Eine Hommage an die Weltliteratur und den Qualitätsjournalismus und zugleich eine Demontage der vergnüglichsten Art.
Im Anfang war die Parodie. Und die ist Paradedisziplin von Gernhardt, dem ungekrönten Haupt der so genannten Neuen Frankfurter Schule: Seine Karikaturen, Bildgeschichten und Gedichte, in denen er ausschließlich mit fremden Zungen redet, sind eine Hommage an die Weltliteratur. Gesammelt bilden sie ein Handbuch der literarischen Satire. Komisch und unverwechselbar - selbst wenn Gernhardt mit der Stimme des Gottessohns spricht: „Ich sprach nachts: Es werde Licht! Aber heller wurd es nicht. Ich sprach: Wasser werde Wein! Doch das Wasser ließ dies sein. Ich sprach: Lahmer, du kannst geh'n! Doch er blieb auf Krücken stehn. Da ward auch dem Dümmsten klar, daß ich nicht der Heiland war.“

Robert Gernhardt, geborben 1937 in Reval/Estland, studierte Malerei und Germanistik in Stuttgart und Berlin. Seit 1964 lebt er in Frankfurt/M, heute auch in der Toskana. Von April 1964 bis Dezember 1965 Redakteur von der satirischen Monatsschrift Pardon, seitdem freiberuflicher Maler, Zeichner, Karikaturist und Schriftsteller. Gernhardt ist auch Mitbegründer des endgültigen Satiremagazins Titanic.

Preise: Deutscher Kinderbuchpreis für Der Weg durch die Wand, zusammen mit Almut Gernhardt (1983), Kritikerpreis der Berliner Akademie der Künste (1987), Kulinarischer Literaturpreis der Stadt Schwäbisch Gmünd (1988), Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor (1991), Stadtschreiber von Bergen-Enkheim (1991), Richard-Schönfeld-Preis für literarische Satire (1996), Preis der „Literatour Nord“ (1997), Bertolt-Brecht-Preis (1998), Göttinger Elch (1999), Erich-Kästner-Preis (1999), Pantheon-Preis (2000), Schubart-Preis (2001), Ehrendoktorwürde Universität Fribourg/CH (2001), e.o. plauen-Preis (2002), Deutscher Kleinkunstpreis (2002), Rheingauer Literaturpreis (2002), Joachim-Ringelnatz-Preis (2003), Heinrich-Heine-Preis (2004).
 
 

Mittwoch, 16. November 2005
im Gemeindesaal St. Marien Osnabrück
in Zusammenarbeit mit dem Theater Osnabrück und dem Erich Maria Remarque-Friedenszentrum

Szenische Lesung zu Zvi Kolitz’: „Jossel Rakovers Wendung zu Gott“
mit einer Einführung von Arno Lustiger

Das fiktive Testament eines Warschauer Juden, aufgeschrieben in der Stunde seines Todes, versteckt in einer leeren Flasche, gefunden in den Trümmern des Warschauer Ghettos: Neben allem Schmerz, den er als einer der letzten noch lebenden Aufständischen erleiden musste, schildert Jossel Rakover aber auch das Verlangen nach Rache und dessen Befriedigung angesichts der sterbenden Feinde. Er geht hart mit seinem Gott ins Gericht, doch trotz aller Prüfungen hält er an seinem Glauben fest.
Dieser klassische Text, der seit seinem ersten Erscheinen 1946 immer wieder die Herzen der Menschen berührte, liegt nun wieder vor und  wird von Dietmar Nieder, Mitglied des Osnabrücker Theaters, am Abend vorgetragen. Tomi Ungerer hat sich von Zvi Kolitz' Geschichte zu intensiven, eindrucksvollen Bildern inspirieren lassen, die einen ganz neuen Zugang zu Kolitz’ Werk ermöglichen. Die Originale dieser Illustrationen werden vom 20. Oktober 2005 bis zum 15. Januar 2006 zusammen mit Blättern zum Thema „Krieg“ im Erich Maria Remarque-Friedenszentrum in einer einzigartigen Ausstellung gezeigt. In Ergänzung zur Lesung wird Arno Lustiger, Überlebender von nationalsozialistischen Todeslagern und Mitbegründer der Jüdischen Gemeinde in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, einleitend zum jüdischen Widerstand in Polen sprechen und zur Diskussion zur Verfügung stehen. Abgerundet werden kann die Veranstaltung durch eine Besichtigung der Ausstellung. 

Zvi Kolitz, geboren 1912 in Alytus, Litauen, als Sohn eines hochangesehenen Rabbiners, verließ 1937 seine Familie auf dem Weg nach Palästina, um in Florenz zu studieren. 1940 erreichte er Jerusalem, wo er sich in verschiedenen jüdischen Bewegungen engagierte. Als Abgesandter des zionistischen Weltkongresses reiste er nach Basel und Buenos Aires. Später arbeitete er unter anderem als Journalist, Werber, Redner, Filmemacher, Produzent sowie Lehrer und lebte, trotz festem Apartment in Tel Aviv, viele Jahre mit Frau und Kind in Hotelzimmern aller Welt. Zvi Kolitz starb 2002 in New York.

Tomi Ungerer, geboren 1931 in Straßburg, stammt aus einer Uhrmacherfamilie. Mitte der 50er Jahre ging er nach Amerika, wo sein Aufstieg als Zeichner, Maler, Illustrator, Kinderbuchautor und Werbegrafiker begann. Heute lebt er abwechselnd in Irland und Straßburg.

Arno Lustiger, geboren 1924 in Bedzin, Polen. Unter nationalsozialistischer Herrschaft überlebt er mehrere Konzentrationslager und Todesmärsche. Nach Kriegsende ist er Mitbegründer der jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Arno Lustiger lebt in Frankfurt, bewegt sich sicher in acht Sprachen, arbeitet und veröffentlicht in vielen Ländern der Welt.

Zvi Kolitz: Jossel Rakovers Wendung zu Gott, Jiddisch-Deutsch, herausgegeben und kommentiert von Paul Badde, 184 S. mit Zeichnungen von Tomi Ungerer, Diogenes Verlag 2004, € 22,90

Arno Lustiger: Zum Kampf auf Leben und Tod! Vom Widerstand der Juden in Europa 1933-1945, 624 S. mit zahlreichen Fotos sowie Dokumenten, Area Verlag 2004, € 9,95
 
 

Montag, 7. November 2005
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Alexa Hennig von Lange: „Warum so traurig?“

Was tun, wenn sie mit ihrem Mann arbeiten, reisen, flirten, aber nicht leben kann? Obwohl Elisabeth verheiratet ist, fühlt sie sich allein gelassen mit ihren Ängsten, für die Ehemann Philip wenig Verständnis zeigt. Die beiden arbeiten zusammen,  leben aber getrennt. Schon früh hat sich Philip eine Wohnung genommen, die so eigenwillig geschnitten ist, dass keine Frau auf die Idee kommen könnte, einfach einzuziehen. So begeben sich Elisabeth und er ständig auf Reisen, denn nur unterwegs können sie Tag und Nacht beisammen sein. Doch als sie zu Freunden nach Lissabon fliegen, scheint selbst diese Art der Gemeinschaft nicht länger möglich. Die Konfrontation mit einer Jugendliebe löst bei Elisabeth eine absolute Sinnkrise aus: Ist es schon zu spät? Zu spät, um Kinder zu bekommen? Zu spät, um ihrem Leben eine neue Wendung zu geben?
Während Alexa Hennig von Langes Roman Relax vom Rausch der neunziger Jahre handelt, erzählt ihr neues Buch vom Aufwachen: Wie soll man nach der großen Ernüchterung leben – und vor allem: lieben?

1973 in Hannover geboren, gewann Alexa Hennig von Lange bereits mit 13 Jahren den NDR-Wettbewerb Kinder schreiben für Kinder. 1997 erschien ihr Debütroman Relax, der sie auf Anhieb zu einer der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Generation machte. Es folgten drei weitere Romane, außerdem veröffentlichte sie zahlreiche Erzählungen und verfasste Theaterstücke, u.a. für die Volksbühne in Berlin und das Schauspielhaus Hannover. Im Herbst 2002 wurde Alexa Hennig von Lange für Ich habe einfach Glück mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Sie hat zwei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Hannover.

Alexa Hennig von Lange: Warum so traurig? Roman, 128 S., Rowohlt Berlin 2005, € 14,90

Dienstag, 11. Oktober 2005
im Rahmen der „Interkulturellen Wochen“ der Stadt Osnabrück

Raul Zelik: „Berliner Verhältnisse“

Die Verhältnisse in Berlin sind nicht nur extremer, sondern auch unübersichtlicher als im Rest der Republik: Mario ist Anfang dreißig und lebt in einer WG in der Adalbertstraße. Eines Tages tauchen dort Rumänen auf – mittellose und seit kurzem auch wohnungslose Bauarbeiter vom Potsdamer Platz, die vergeblich auf ihre Löhne warten. Als einstige Nachbarn genießen sie bis auf weiteres Asylrecht in der WG-Küche. Doch weil Mario die fettigen Pfannegerichte und das „Kusturica-Geklimper“ aus dem Radio nicht mehr erträgt, fasst er mit seinen Mitbewohnern einen Beschluss. Sie werden den Freunden zur Seite springen – und das Geld für sie eintreiben. So wird aus der Wohngemeinschaft ein Inkasso-Unternehmen für Einsätze aller Art, bei dem Mario mit seinen neuen Aktivitäten ausgerechnet seinem geschäftstüchtigen Bruder in die Quere kommt.
Raul Zeliks neuer Roman – inspiriert von einem gemeinsam mit Detlev Buck verfassten Drehbuch – ist ein packendes und herzzerreißendes Porträt einer Gesellschaft im Umbruch. Mag sein, dass die allgemeine Stimmung eher düster ist. Manchmal aber sind es die angeblichen Verlierer, die sich von einer Krise nicht verunsichern lassen.

Raul Zelik, 1968 in München geboren, lebt in Berlin. Er schrieb die Romane Friss und stirb trotzdem, La Negra, Bastard, außerdem den Erzählband Grenzgängerbeatz sowie die Sachbücher Kolumbien und Made in Venezuela. Stipendiat der Klagenfurter Literaturklasse beim Bachmann-Wettbewerb, Alfred-Döblin-Stipendium, Walter-Serner-Preis. „Ein politischer Schriftsteller, ein moderner Vertreter der engagierten Literatur.“ (die tageszeitung)

Raul Zelik: Berliner Verhältnisse. Roman, 320 S., Blumenbar Verlag 2005, € 18,--
 
 

Dienstag, 4. Oktober 2005
im Zimeliensaal der Universitäts-Bibliothek Osnabrück

Erich Loest: „Sommergewitter“

Wir freuen uns auf das Wiedersehen mit Erich Loest und seiner Rückkehr zu einem seiner „Würzelchen“ - so schrieb er 1986 über die Buchhandlung zur Heide. In seinem neuen Roman schildert Loest die Schicksale zahlreicher Menschen während des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953. Kunstvoll dreht er am Kaleidoskop der Geschichte, in dem sich die einzelnen Handlungsstränge immer neu zusammenfügen. Sein Roman ist bevölkert von Mutigen und Mitläufern, Nachdenklichen und Nachbetern. So fängt Loest auf packende und spannende Weise die Atmosphäre einer aufreibenden Zeit ein.
Im Frühsommer 1953 lebt niemand einfach nur sein Leben – in der jungen DDR ist jeder auch für DIE große Aufgabe da: Den Aufbau des Sozialismus. Doch selbst stramme Genossen können ihren Blick nicht vor der Wirklichkeit verschließen: Die Bevölkerung will nicht allein mit Parolen gut versorgt sein. Am 17. Juni gehen die Menschen in Bitterfeld und Halle auf die Straße. Viele begehren auf, andere werden vom Sog der Ereignisse mitgerissen – und für manche wird der Tag zum Verhängnis.

Erich Loest, 1926 in sächsischen Mittweida geboren, ist einer der bedeutendsten Chronisten der deutschen Geschichte. 1944/45 war er Soldat, danach Hilfsarbeiter, später bei der Leipziger Volkszeitung, seit 1950 freischaffender Schriftsteller. Der 17. Juni 1953 war auch für ihn persönlich ein historisches Datum, denn mit diesem Ereignis begann sein Leidensweg als politisch missliebiger Autor, der 1957 zu einer siebenjährigen Zuchthausstrafe führte. 1981 verließ er die DDR, lebte dann einige Jahre in Osnabrück und Bonn, heute wieder in Leipzig. Zu seinen bedeutenden Büchern gehören die Romane Völkerschlachtdenkmal, Zwiebelmuster, Froschkonzert und Nikolaikirche.

Erich Loest: Sommergewitter. Roman, 344 S., Steidl Verlag 2005, € 19,90
 
 

Mittwoch, 21. September 2005
im Kinocafé GARBO des CINEMA-Arthouse

Uwe Timm: „Der Freund und der Fremde“

Ein schmaler, junger Mann liegt am Boden, den Blick zur Seite gerichtet, eine Frau kniet neben ihm und hält den Kopf des Sterbenden. Das Bild wird zur Ikone, es wird Hunderttausende auf die Straße treiben, aber wer ist dieser junge Mann, wer hätte er sein können?
Benno Ohnesorg, 1940 geboren und am 2. Juni 1967 auf der Anti-Schah-Demonstration in Berlin erschossen, war der Freund und Gefährte Uwe Timms, als beide Anfang der sechziger Jahre das Abitur nachholten. Ein eigenwilliger, zurückhaltender, auf eine stille Art entschlossener junger Mann, der malt und die Werke der französischen Moderne liest, selbst Gedichte schreibt und zum ersten Leser Uwe Timms wird. Mit ihm zusammen entdeckt Timm Apollinaire und Beckett, Camus und Ionesco, entdeckt auch, dass das Schreiben nicht nur ein einsamer Akt ist, dass man über Texte sprechen, sie verändern, sie verbessern kann, dass Nähe und radikaler Eigensinn gleichzeitig möglich sind. 
In seinem dritten autobiographischen Buch schreibt Uwe Timm wiederum ein Requiem, das mit poetischer Intensität nicht nur die Geschichte einer großen, gewaltsam beendeten Freundschaft, sondern auch die seiner ersten Lieben und des Aufbruchs eines Schriftstellers erzählt. Der Freund und der Fremde erzählt auch, wie eine Generation aus dem Existentialismus zur politischen Rebellion kommt und wie auf geheimnisvolle Weise jenseits der Generationserfahrung Freundschaften und Liebesbeziehungen ein Netz der Korrespondenzen schaffen, das man erst spät als sein eigenes Lebensmuster erkennt.

Uwe Timm wurde im gleichen Jahr wie Benno Ohnesorg in Hamburg geboren. Nach der Volksschule absolvierte er zunächst eine Lehre als Kürschner und bestand 1963 sein Abitur, dem ein Studium der Germanistik und Philosophie in München und Paris folgte. 1967/68 politische Tätigkeit im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). 1971 promovierte er über Das Problem der Absurdität bei Camus. Seit 1971 freier Schriftsteller, lebt er heute in Berlin und München. Wichtige Veröffentlichungen sind u.a.: Morenga, Der Schlangenbaum, Kopfjäger, Die Entdeckung der Currywurst, Johannisnacht, Rot und Am Beispiel meines Bruders.

Uwe Timm: Der Freund und der Fremde. Roman, 160 S., Kiepenheuer & Witsch 2005,
€ 16,90
 
 

Samstag, 10. September 2005
im Renaissancesaal des Steinwerks Ledenhof Osnabrück 

Michael Wilcke: „Der Glasmaler und die Hure“

Mit seinem Osnabrück-Roman Hexentage hat Michael Wilcke viele Leserinnen und Leser begeistert. Jetzt endlich erscheint sein neues Buch, eine spannende und exzellent recherchierte Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges! Wir freuen uns, auch diesen Roman erstmals in Osnabrück anlässlich der Osnabrücker Kulturnachts vorstellen zu können.
Im Jahr 1631 wird die protestantische Stadt Magdeburg von den Truppen des katholischen Feldherrn Tilly belagert. Die Bürger der Stadt hoffen auf Rettung durch die schwedische Armee. Doch die Befreier kommen zu spät. Tillys Söldner erstürmen Magdeburg und richten ein schreckliches Blutbad an. Nur wenige Magdeburger entkommen dem Inferno - unter ihnen die Hure Thea und der Glasmaler Martin Fellinger, dessen Frau während der Plünderungen von seinem Vetter Rupert erschlagen worden ist. Bei dem Versuch, ihr zu Hilfe zu eilen, wurde Martin niedergeschossen.
Auf ihrer Flucht durch die brennende Stadt findet Thea den schwerverletzten Glasmaler und schafft es, ihn über die Elbe in Sicherheit zu bringen. Einst waren die beiden ein Liebespaar, aber dann verarmte Theas Familie, und sie mußte die Stadt verlassen. Thea gelingt es zwar, Martin gesund zu pflegen, doch sie weiß, daß er von einem einzigen Gedanken beseelt ist: Er muß erst den Mörder seiner Frau finden, bevor er mit ihr ein neues Leben beginnen kann.

Michael Wilcke, Jahrgang 1970, lebt in der Nähe von Osnabrück und arbeitet als Mediengestalter bei einer Zeitung. Im Aufbau Taschenbuch Verlag erschien von ihm bisher der historische Roman Hexentage

Michael Wilcke: Der Glasmaler und die Hure. Roman, 368 S., Aufbau Verlag 2005,
€ 8,95
 
 

Montag, 27. Juni 2005
im Zimeliensaal der Universitäts-Bibliothek Osnabrück

Ulrich Sonnenberg: „Hans Christian Andersen. Märchen eines Lebens“

Wir feiern den 200. Geburtstag des großen dänischen Märchendichters mit Ulrich Sonnenberg, dem exzellenten Kenner, Herausgeber und Übersetzer von Andersens Werken, der nicht nur bis heute kaum bekanntes Biographisches darstellen wird – wer weiß schon z.B., dass Andersen 29 ausgedehnte Reisen durch ganz Europa, durch Nordafrika und den Orient unternommen hat? Genauso stehen das besondere Verhältnis des Dänen zu Deutschland und der Vortrag ausgewählter Texte auf dem Programm der Veranstaltung.
Als im Jahr 1835 die ersten beiden Hefte der Märchen, erzählt für Kinder erschienen, hatten sie keineswegs den Erfolg, den sich Hans Christian Andersen erhofft hatte. Nur wenige Leser erkannten das radikal Neue seiner Erzählweise, und vor allem die Kritiker reagierten negativ. Noch war auch der Autor dieser neuen Märchen über Dänemark hinaus kaum bekannt. Wenige Jahre später lag ihm die literarische Welt des Kontinents zu Füßen: Andersen hatte sich aus ärmlichsten Verhältnissen mit dem unerschütterlichen Willen, berühmt zu werden, in die höchstdekorierten Kreise empor geschrieben, sein Leben war selbst zum Märchen geworden.
Rechtzeitig zum Jubiläum sind neue Bücher erschienen, die den Menschen Andersen gegen jede Romantisierung zeigen: In der Biographie stehen seine Persönlichkeit, seine Weltanschauung, seine Sexualität, über die viel gerätselt und geschrieben wurde, sowie die historische Situation und die Gesellschaft, in die er hineingeboren wurde, im Vordergrund. Die Auswahl der Texte lädt ein zum Kennenlernen und Wiederentdecken und machen deutlich, dass der „Dichter für sämtliche Lebensalter“ das Märchen neu definierte.

Ulrich Sonnenberg arbeitete nach seiner Buchhändlerlehre in Kopenhagen und war bis Ende 2003 Verkaufsleiter der Verlage Suhrkamp und Insel. Seitdem lebt er als freier Übersetzer und Herausgeber in Frankfurt am Main. Zuletzt erschienen der von ihm herausgegebene Band Hans Christian Andersen "Schattenbilder einer Reise in den Harz, die Sächsische Schweiz etc. etc. im Sommer 1831" und das Reise- und Lesebuch "Hans Christian Andersens Kopenhagen"  mit Fotografien von Rainer Groothuis.

Jens Andersen: Hans Christian Andersen. Eine Biographie, übersetzt von Ulrich Sonnenberg, 808 S., Insel Verlag 2005, € 28,-; Hans Christian Andersen:„Des Kaisers neue Kleider und andere Märchen, hrsg. von Ulrich Sonnenberg, 96 S., Insel Verlag 2005, € 14,90
 
 

Montag, 13. Juni 2005
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Eva Menasse: „Vienna“

Von der Vergangenheit bleibt nur, was erzählt wird. Eva Menasse macht das Erinnern zum Ausgangspunkt des Erzählens und entwirft mit den fulminanten Geschichten einer Wiener Familie mit jüdischen Wurzeln den Bilderreigen einer Epoche. Die Autorin beeindruckt mit einem Ensemble hinreißender Figuren und unerwarteten Begebenheiten und zeigt wie nebenbei das Entstehen und den Zerfall von Familiengeschichte und Identität.
Kopfüber, wie die Hauptfigur, fällt der Leser in diesen Roman und erlebt, wie die Großmutter über ihrer Bridge-Partie beinahe die Geburt versäumt. So kommt der Vater der Erzählerin zu Hause zur Welt, ruiniert dabei den kostbaren Pelzmantel und verhilft der wortgewaltigen Familie zu einer ihrer beliebtesten Anekdoten. Hier, wo man permanent durcheinander redet und sich selten einig ist, gilt der am meisten, der am lustigsten erzählt. Fragen stellt man besser nicht, obwohl die ungewöhnliche Verbindung der Großeltern, eines Wiener Juden und einer mährischen Katholikin, im zwanzigsten Jahrhundert höchst schicksalsträchtig ist. 
Die drei Kinder des Paares verschlägt es auf der Flucht vor den Nazis in die Welt. Während der eine in England Fußballer wird und der andere sich im Dschungel von Burma als Soldat durchschlägt, geht die schöne Schwester Katzi in Kanada verloren. Über sie wird später am Familientisch auffällig geschwiegen. Doch als die Enkel beginnen, Fragen zu stellen, zerrinnt ihnen das einzige Erbe, der tragikomische Geschichtenfundus, zwischen den Fingern.

Eva Menasse, geboren 1970 in Wien, begann als Journalistin bei „Profil“ in Wien. Sie wurde Redakteurin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, begleitete den Prozess um den Holocaust-Leugner David Irving in London und arbeitete nach einem Aufenthalt in Prag als Kulturkorrespondentin in Wien. Sie lebt seit 2003 in Berlin. Vienna ist ihre erste literarische Veröffentlichung.

Eva Menasse: Vienna. Roman, 432 S., Kiepenheuer & Witsch 2005, € 19,90
 
 

Mittwoch, 25. Mai 2005
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Uwe Tellkamp: „Der Eisvogel“

Für den Vortrag aus diesem kraftvollen und zugleich poetischen Roman hat Uwe Tellkamp im vergangenen Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten! Das im März erscheinende Buch birgt einen dramatischen Vater-Sohn-Konflikt, eine schonungslose Gesellschaftsanalyse, einen verhängnisvolle Liebesgeschichte und die raffiniert eingesetzten Elemente eines literarischen Thrillers.
Wiggo Ritter, ein junger Mann mit denkbar besten Voraussetzungen für eine Traumkarriere, ist ins Abseits geraten. Dem Vater, einem erfolgreichen Bankier, wollte er nicht nacheifern, andererseits ist seine akademische Laufbahn als Philosoph gescheitert, weil er keine Kompromisse eingehen kann. Einsam, arbeitslos, doch mit ungebrochenem Stolz fristet er zwischen skurrilen Jobs und so seltenen wie flüchtigen Liebschaften ein Schattendasein. Unverhofft fällt Licht in dieses Dunkel, als Wiggo den charismatischen Geschwistern Mauritz und Manuela begegnet: Zwei perfekt getarnten Terroristen, Mitgliedern einer konservativen Organisation, die eine neue Elite inthronisieren will. Ihnen scheint Wiggo, der nichts mehr zu verlieren hat, der ideale Verbündete zu sein. Doch dann verliebt sich dieser Außenseiter ausgerechnet in Manuela - und gefährdet damit nicht allein die gesamte Organisation, sondern vor allem sich selbst?

Uwe Tellkamp wurde 1968 in Dresden geboren, studierte in Leipzig, New York und Dresden Medizin und arbeitete als Arzt an einer unfallchirurgischen Klinik. 2000 erschien sein Debütroman Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café. Für seine Lyrik bereits mehrfach ausgezeichnet, erhielt Uwe Tellkamp 2004 den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Uwe Tellkamp: Der Eisvogel, 320 S., Rowohlt Berlin Verlag 2005, € 19,90
 
 

Mittwoch, 18. Mai 2005
im Vortragssaal der Volkshochschule Osnabrück in Kooperation mit der Deutschen Stiftung Friedensforschung und der Volkshochschule Osnabrück

Gerhard Paul: „Bilder des Krieges - Krieg der Bilder. 
Die Visualisierung des modernen Krieges“

Wie zuletzt der Irak-Krieg zeigt, sind moderne Kriege immer auch Kriege der Bilder.
In seiner reich illustrierten Pionierstudie analysiert der Flensburger Historiker und Sozialwissenschaftler Gerhard Paul die Gesichter, die Ausprägungen und die Ursachen dieser Bilder-Kriege von den ersten fotografierten Kriegen des 19. Jahrhunderts bis zu den via Internet präsentierten und transportierten Kriegen der Gegenwart. Neun in die Darstellung integrierte "Visual Essays" mit mehr als 200 Abbildungen dienen der ästhetischen "Kennung" der einzelnen Kriege.
Pauls Fragestellung zielt in eine doppelte Richtung: Wie und auf welche Weise setzte sich der moderne Krieg in Bilder um? Und wie geriet das Bild dabei selbst zur propagan-
distischen und militärischen Waffe? Das Buch ist ein großer Wurf: die europaweit erste Gesamtdarstellung des Bildes und der Bilder des modernen Krieges. Ein Vorspann beleuchtet die ikonographischen Muster der Kriegsdarstellung in Malerei und Graphik von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert, die der frühen Kriegsfotografie vielfach als Vorbild dienten.
Im Zentrum der Darstellung stehen die modernen Bildmedien Fotografie, Film und Fernsehen. Abschließend wird die Rolle des Internets in den postmodernen Kriegen untersucht. Pauls überzeugend vorgetragene und belegte These ist, dass die immer stärkere Visualisierung des Krieges Hand in Hand mit dem Unsichtbarwerden seiner Realitäten geht, ja dass sich der moderne Krieg letztlich der Darstellung in den Bildmedien entzieht.
Mit seinem Buch leistet der Autor überdies einen Beitrag zum vielfach geforderten "Visual Turn" in den Geisteswissenschaften. Auch in diesem Sinne stellt Bilder des Krieges - Krieg der Bilder eine Pionierleistung dar. 

Gerhard Paul, geb. 1951, habilitierte sich 1990 mit der Studie Aufstand der Bilder und ist seit 1994 Professor für Geschichte und ihre Didaktik an der Universität Flensburg. Zahlreiche Veröffentlichungen zum NS-Herrschaftsapparat.

Gerhard Paul: Bilder des Krieges - Krieg der Bilder,  527 S. mit 208 Abb., Schöningh Verlag 2004, € 49,90
 
 

Dienstag, 10. Mai 2005
im Zimeliensaal der Universitäts-Bibliothek Osnabrück

Jürgen Manthey: „Königsberg. Geschichte einer Weltbürgerrepublik“

Vor 750 Jahren wurde Königsberg gegründet, vor 60 Jahren verschwand es von der Landkarte: Für eine Stadt ist das kein langes Leben. Mit dem Untergang Königsbergs in den letzten Wochen des 2. Weltkriegs fiel jene Stadt in Schutt und Asche, in der die moderne Philosophie, die moderne Literatur und die moderne Politik in Deutschland erfunden wurden. Königsberg war anders als andere Städte: Seine Bürger erkämpften sich größere Freiheit und Unabhängigkeit, und seine Lage am äußersten Rand des Deutschen Reichs förderte Weltoffenheit und Neugierde. 
Jürgen Manthey beschwört in seinem großartigen Buch diesen Königsberger Geist, den Immanuel Kant selbst für eine der Voraussetzungen seiner Philosophie hielt. Aber mit Kant, dem berühmtesten Königsberger, ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende: Herder, Kleist und E.T.A. Hoffmann verbrachten entscheidende Jahre in Königsberg. Von hier gingen die Freiheitskriege und die großen preußischen Reformen des 19. Jahrhunderts aus, hier erwachte im 20. Jahrhundert bei der jungen Hannah Arendt die politische Leidenschaft. Königsberg ist für immer ausgelöscht, und trotzdem lebt es durch die Ideen seiner Bürger weiter. Mit Jürgen Mantheys epochalem Buch kehrt Königsberg in unsere Gegenwart zurück und nimmt dort jenen Platz ein, der ihm nach dem Ende der Teilung Europas zusteht.

Jürgen Manthey, geboren 1932 in Forst/Lausitz, war nach seinem Studium zunächst in der Redaktion des "Konkret"-Feuilletons und als Leiter der Literatur-Redaktion beim Hessischen Rundfunk tätig. Seit 1970 war er literarischer Cheflektor bei Rowohlt Verlag und zusätzlich Herausgeber des Rowohlt Literaturmagazins und der Reihe "das neue buch". 1986 wurde er Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Essen mit dem Spezialgebiet „Literaturvermittlung und Medienpraxis“. Seit seiner Emeritierung 1998 lebt Jürgen Manthey als freier Autor und Literaturkritiker in Münster.

Jürgen Manthey: Königsberg, 688 S., Hanser Verlag 2005, € 29,90
 
 

Mittwoch, 4. Mai 2005
gemeinsame Veranstaltung mit der Hans-Calmeyer-Initiative im Rahmen der Veranstaltungsreihe der Stadt Osnabrück „Erinnern für die Zukunft. 60 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs“

Nie in meinem ganzen Leben habe ich so um unser Volk gelitten ...“
Aus den Tagebüchern von Karl Lilienthal

Karl Lilienthal, ein Osnabrücker Lehrer, führte in den Jahren 1942 bis 1945 das Tagebuch „Niederschriften aus dem Bombenkrieg“. In einer Lesung werden Teile der Aufzeichnungen vorgestellt. Diaprojektionen sowie Äußerungen des im Herbst 1946 nach Osnabrück heimgekehrten Hans Calmeyer vervollständigen das Bild der vom Krieg gezeichneten Stadt. Eine umfassendere Auswahl aus Lilienthals Bombenkriegs-Tagebüchern wird bis Mitte des Jahres als Publikation vorliegen. Eine Vormerkungsliste liegt bereits aus.
 
 

Montag, 2. Mai 2005
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Karen Duve: „Die entführte Prinzessin“

Wer hätte nicht einmal davon geträumt, Prinzessin zu sein und von einem edlen Prinzen heimgeführt zu werden? Zumal, wenn man als Prinzessin im rauhen und trostlosen Nordreich Snögglingduralthorma lebt und eine Delegation aus dem sagenhaft reichen mittelmeerischen Baskarien vor den vereisten Toren der Stadt auftaucht.
Doch halt: So einfach ist das in Karen Duves neuem Roman nicht - denn der stets schwarz gekleidete baskarische Prinz Diego will die bettelarme Prinzessin Lisvana anfangs nur, um seine prestigesüchtige Mutter damit zu kasteien. Und gleich bei seiner Ankunft geraten die Baskarier und die Landsleute der Prinzessin in Streit. Aus der romantischen Brautwerbung wird eine echte Entführung, die entführte Prinzessin verweigert die Heirat - und im Nordreich sinnt man fortan finster brütend auf Rache ...
Erdrückende Väter, lieblose Mütter, Trotzreaktionen, Selbstzweifel und Minderwertigkeitsgefühle treiben die Helden ihres neuen Buches um - und Karen Duve gelingt ein kleines Wunder: Die entführte Prinzessin ist ein phantastischer wie realistischer Roman, voll mit historischen und weltliterarischen Verweisen, komisch, grausam und packend zugleich.

Karen Duve, geboren 1961,  lebt in der Nähe von Hamburg. Sie kommt zum zweiten Mal als unser Gast nach Osnabrück. Für ihre Kurzgeschichten, skurilen Sachbücher und Romane wurde sie inzwischen mehrfach preisgekrönt. Zuletzt erschienen die Bestseller Regenroman (1999) und Dies ist kein Liebeslied (2002). Die Presse feiert die Erzählerin als "Ausnahmetalent unter den Autoren ihrer Generation" (Stuttgarter Zeitung) und als "ungewöhnliche Sprachakrobatin, die Metaphern zielsicher setzt und komische Effekte am Fließband produziert" (Neue Züricher Zeitung), bei der "Witz und Schärfe ganz nah beieinander liegen" (WDR 2).

Karen Duve: Die entführte Prinzessin, 396 S., Eichborn Verlag 2005, € 24,90
 
 

Montag, 11. April 2005

Andreas Maier: „Kirillow“

Mehr als Freundschaft, fast so etwas wie Wahlbrüderschaft verbindet die Studenten Frank Kober und Julian Nagel. Kein Fachgebiet scheint sie zu beschäftigen, sondern ganz prinzipiell die Frage, wie falsches und wahres Leben zu unterscheiden sind. Während Frank in jüngster Zeit still, ja beunruhigend schweigsam geworden ist, hält Julians Erregung ihn selbst und den Freundeskreis, zu dem neuerdings einige Russinnen und Russen gehören, mit Überraschungen und Provokationen in Atem. Von einem Andrej Kirillow im fernen Chabarowsk kursiert ein Manifest über den Zustand der Gesellschaft, das eifrig verteilt und besprochen wird. „Die Menschheit funktioniert wie ein Krebsgeschwür, und ihr Wachstumsauslöser ist das Streben nach Glück und Wohlbefinden.“ Bei einem Ausflug bringt Julian als Ausweg die Selbsttötung ins Spiel. Wenig später bricht die Gruppe zur alljährlichen Demonstration gegen die Castor-Transporte ins Wendland auf. Dort startet Julian zu einer verwegenen, nächtlichen Einzelaktion.
Unversehens verstrickt Andreas Maier die Leser mit Kirillow in das Beziehungs- und Redegeflecht einer Gruppe junger Leute, die ständig in Bewegung ist: Auf der Suche nach Erleuchtung, einem Lebensziel, einem Partner, Anerkennung, mehr Alkohol und mehr Würstchen und einem Schlafplatz für den Rest der Nacht. Ebenso unterhaltend wie bestechend wirkt die Komik, mit der Maier den Ernst der Krankheit Jugend zum Gegenstand seines Erzählens macht, ohne die kleinste Konzession an den Jux.

Andreas Maier, geboren 1967, lebt in Frankfurt am Main. Für seine Romane Wäldchestag und Klausen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung, den Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und den Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg

Andreas Maier: Kirillow, 352 S., Suhrkamp Verlag 2005, € 19,80
 
 

Donnerstag, 17. März 2005

Prof. Klaus Künkel: „Ohn’ Warum. Wege der Meditation“

Der Osnabrücker Theologe Klaus Künkel hat eine neue Sammlung von Texten und Reden vorgelegt. Eine zentrale Rolle bei seinen Überlegungen spielt dabei der Sinnspruch von Angelus Silesius: „Die Ros ist ohn' Warum. Sie blühet, weil sie blühet, sie acht nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.“ In einer Buchvorstellung mit Diskussion wird der Autor die Schwerpunkte seiner jahrzehntelangen wissenschaftlichen Arbeit und seines Lebensinteresses in den Mittelpunkt rücken:
- die Theologie der Religionen, die dem eigenen Christentum und den anderen Religionen gerecht wird,
- die Mystik der Religionen als das allen Religionen gemeinsame „Herz“ der Religionen
- Meditation als möglicher Weg zur eigenen mystischen Erfahrung des göttlichen Geheimnisses und als Hilfe zu einem bejahtem Leben im Alltag.

Klaus Künkel, Jahrgang 1927, sieben Jahre Pastor in Hameln und Osnabrück, seit 1963 Professor an der PH Osnabrück für Evang. Theologie und Religionspädagogik und später an der Universität Osnabrück für Theologie und Religionswissenschaft bis zu seiner Emeritierung 1993. Zahlreiche Fachpublikationen. Er ist Mitglied im „Loccumer Arbeitskreis für Meditation“ (LAM) und begleitet Menschen auf ihrem spirituellen Weg.

Klaus Künkel: Ohn’ Warum. Wege der Meditation, 183 S., Lit-Verlag 2005, € 15,90
 
 

Dienstag, 18. Januar 2005
 im BlueNote des CINEMA-Arthouse

JörgThadeusz: „Alles schön“

Es ist ein ganz normaler Flug. Lukas, Kapitän eines Airbus, ist die Strecke Frankfurt- Nairobi schon hunderte Male geflogen und auch an diesem Tag scheint alles seinen gewohnten Weg zu gehen. Doch kurz bevor die Maschine auf die Startbahn rollt und der Tower sich meldet, zögert er. Endlose Minuten vergehen, bis er sich erholt hat und starten kann. Lukas hofft, dass es niemand bemerkt hat, denn Lukas hat Flugangst.
Sarah ist Berufspolitikerin. Nach zwei Legislaturperioden bedeutet Berlin für sie kaum mehr als sämig lange Tage in der trockenen Luft der Ausschussräume. Auf einem Rückflug nach Berlin begegnen sich Lukas und Sarah, und es entwickelt sich eine unwegsame Liebesgeschichte, die keiner von beiden will.
Gnadenlos komisch und doch lebensklug beobachtet: der Autor erzählt von zwei Menschen, die erkennen, dass sie nicht so weitermachen können wie bisher und doch zu tief verstrickt sind in ihr gewohntes Leben. Mit großem Witz und sanfter Ironie gelingt ihm ein ernstes, komisches und überzeugendes Porträt einer Liebe in der heutigen Zeit zu zeichnen.

Jörg Thadeusz, geb. 1968, hat sich als Liegewagenschaffner und Rettungssanitäter auf eine steile Medienkarriere vorbereitet. Seit 1999 ist er Außenreporter für die WDR-Unterhaltungssendung "Zimmer frei". Für seine Reportagen wurde er mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Er moderiert im Fernsehen und im Radio. 2003 erschien sein erstes Buch, der Sanitäter-Roman "Rette mich ein bisschen".

Jörg Thadeusz: Alles schön. Roman, 284 S., Kiepenheuer & Witsch Verlag 2004, € 8,90
 
 

Montag, 29. November 2004
 im GARBO des CINEMA-Arthouse

Juli Zeh: „Spieltrieb“

Tief im Westen der Republik in unseren Tagen, an einem Bonner Gymnasium, entwickelt sich die atemberaubende Geschichte einer obsessiven Abhängigkeit zwischen einer Schülerin und einem Schüler, Ada und Alev, aus der sich erst die Bereitschaft, dann der Zwang zu Taten ergibt, die alle Grenzen der Moral, des menschlichen Mitgefühls und des vorhersehbaren Verhaltens überschreiten. Die beiden jungen Menschen wählen sich einen Lehrer als Ziel einer ausgeklügelten Erpressung. Es beginnt ein perfides Spiel.
Während im Großen und Ganzen der Weltpolitik die Fronten von "Gut" und "Böse" unter dem Eindruck von Terrorismus und den Spätfolgen einer zusammengestürzten Weltordnung durcheinandergeraten sind, entwickelt sich im Mikrokosmos der Schule eine mitreißende Geschichte, die unausweichlich auf eine Kette unerhörter Begebenheiten zuläuft ...
Spieltrieb ist ein großer Roman über die Unmoral und ihre Folgen, intensiv, spannend und auf höchstem literarischen Niveau. Letztlich stellt das Buch die Fortgeltung von überkommenen Wertprinzipien in Frage und nimmt sich damit einer der großen Fragen unserer Zeit an: Wer weiß noch, was gut und was böse ist – und woher kann er das wissen?

Juli Zeh, geboren 1974 in Bonn, lebt in Leipzig. 2001 erschien ihr Roman „Adler und Engel“, der zu einem Welterfolg wurde und inzwischen in zwanzig Sprachen übersetzt ist. 2002 folgte „Die Stille ist ein Geräusch. Eine Fahrt durch Bosnien“. Juli Zeh wurde für ihr bisheriges Werk bereits vielfach ausgezeichnet.

Juli Zeh: Spieltrieb. Roman, 565 S., Schöffling Verlag 2004, € 24,90
 
 

Mittwoch, 17. November 2004
im Oberlichtsaal des Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück

Erica Fischer/Simone Ladwig-Winters: „Die Wertheims. Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie“

Gemeinsam mit Simone Ladwig-Winters hat Erica Fischer das faszinierende Lebensbild einer außergewöhnlichen Familie gezeichnet: Aufstieg und Fall der Unternehmerdynastie Wertheim – ein exemplarisches Beispiel deutsch-jüdischen Geschichte. Im Jahre 1851 eröffnen die Brüder Abraham und Theodor Wertheim in Stralsund ihr erstes Geschäft. Abrahams Sohn Georg wagt 1884 den Sprung nach Berlin – dort wird Wertheim innerhalb von wenigen Jahren zum Inbegriff des prachtvollen Warenhauses. Trotz fortwährender Kampagnen kann der Patriarch Georg Wertheim das Unternehmen erfolgreich durch den Ersten Weltkrieg und die schwierigen zwanziger Jahre führen. Erst die Nationalsozialisten besiegeln das Schicksal der Kaufhausdynastie: 1938 ist Wertheim „rein arisch“.
Dem Ehemann von Georgs Wertheims Witwe gelingt es nach dem Krieg, die restlichen Ansprüche der Erben in seinen Besitz zu bringen – er verkauft alles an das Unternehmen Hertie, das später im Karstadt-Konzern aufgeht. Sechzig Jahre darauf beginnt nun eines der spektakulärsten Entschädigungsverfahrens der deutschen Geschichte: Die Nachfahren der Kaufhaus-Dynastie klagen gegen den neuen Eigentümer. 

Erica Fischer, geboren 1943 in England, lebte von 1948 bis 1988 in Wien und heute als freie Schriftstellerin in Berlin. Ihr dokumentarischer Roman „Aimee und Jaguar“ wurde ein Weltbestseller, der auch verfilmt wurde. Zuletzt erschien im Jahr 2000 „Die Liebe der Lena Goldnadel“.

Erica Fischer/Simone Ladwig-Winters: Die Wertheims. Geschichte einer Familie, Rowohlt Berlin 2004, € 19,90
 
 

Samstag, 13. November 2004
im Planetarium des Museums für Natur und Umwelt am Schölerberg

Eva Maaser: „Die Astronomin. Das Leben der Caroline Herschel“

Für Goethes Zeitgenossinnen war es noch nicht einmal selbstverständlich, lesen und schreiben zu lernen, und doch beginnt 1750 der schwierige Lebensweg einer Frau, die als erste Astronomin in die Geschichte einging. Niemand konnte vorhersehen, dass aus der aufgeweckten Caroline, die als achtes Kind eines Hofmusikers in Hannover geboren wurde, etwas Besonderes werden sollte. Caroline fürchtete nichts so sehr wie ein tristes Schicksal als Ehefrau. Bereitwillig ließ sie sich zunächst in die Lebensplanungen des von ihr angebeteten Bruders Wilhelm einbinden, für den sie die Frau im Haus, gleichzeitig aber Sängerin bei seinen Konzerten und Assistentin bei seinen astronomischen For-
schungen war; sie musste sich zwischen einer Liebe, ihrem Bruder und einer Karriere entscheiden. Als eine der wenigen Frauen ihrer Zeit fand sie wissenschaftliche Anerkennung.
Eva Maasers sorgfältig recherchierter Roman über die „Kometenjägerin“ beschreibt das mutige Leben einer Frau und zeigt, welches Selbstbewusstsein zu ihren Lebenszeiten notwendig war, um aus dem Schatten eines Mannes herauszutreten und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Zugleich gibt das Buch einen ausgezeichneten Einblick in die Welt der Sterne.

Eva Maaser wurde 1948 in Reken/Westfalen geboren. Sie studierte Germanistik, Pädagogik, Theologie und Kunstgeschichte in Münster. Das neue Buch ist nach "Der Moorkönig" und dem „Paradiesgarten“ ihr dritter historischer Roman. Zudem ist sie Verfasserin von drei Kriminalromanen mit Kommissar Rohleff rund um die Bagno-Region bei Steinfurt.

Eva Maaser : Die Astronomin. Roman. 2004. 443 S., Rütten & Loening 2004, €  22,50
 
 

Donnerstag, 4. November 2004
im Regenwaldhaus des Botanischen Gartens Osnabrück

Hansjörg Küster: „Ein Universalgenie entdeckt die Welt.
Alexander von Humboldt und die Erfindung derPflanzengeographie“

Ein abenteuerliches Leben, ein unabhängiger Geist, ein künstlerisch wie wissenschaftlich einzigartiges Werk: Damit verbindet sich der Name von Alexander von Humboldt (1769-1859), einem unübertroffenen wissenschaftlichen Schriftsteller, der bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Doch auch wenn Deutschland sich gerne auf diesen Weltbürger und Universalgelehrten beruft, wird sein Werk hier kaum zur Kenntnis genommen – ganz im Gegensatz zu den USA, Mexiko, Russland, Frankreich oder Japan.
Hans Magnus Enzensberger und Franz Greno nutzen den diesjährigen 20. Geburtstag der „Anderen Bibliothek“ und rücken Leben und Werk Humboldts in den Blickpunkt der deutschsprachigen Öffentlichkeit: Im September erscheinen drei seiner wichtigsten Werke in prächtigen Erst- oder Neuausgaben. Insbesondere legen die Initiatoren Humboldts Hauptwerk „Kosmos“ allen Neugierigen wieder ans Herz.
Aus diesem Anlass haben wir aus der Vielfalt der thematischen Aspekte im Bezug auf Humboldt zwei herausgegriffen und Hansjörg Küster gebeten, in einem Lichtbildvortrag über die Reisen des großen Entdeckers zu berichten, um Umfang, Ziel und Leistungen seiner abenteuerlichen Expeditionen zu verdeutlichen. Zum anderen zeigt Küster auch ihre heutige Bedeutung für die Pflanzenökologie und die Veränderungen auf, die sich für unsere heimische Flora und ihre Nomenklatura nach der Rückkehr Humboldts ergeben haben. 

Prof. Dr. Hansjörg Küster, Jahrgang 1956, studierte Biologie in Stuttgart und ist seit 1998 Professor für Planzenökologie am Institut für Geobotanik der Universität Hannover. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Grundlagen der Ökologie und die Untersuchung des Zusammenwirkens von Natur und Kultur bei der Entstehung des heutigen Landschaftsbildes. Er ist Autor zahlreicher Bücher: „Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa“, „Garten und Wildnis“, „Geschichte des Waldes“, „Die Ostsee“, alle im C.H.Beck Verlag erschienen. Seine intensive Kooperation mit Historikern, Prähistori-
kern, Geographen und Forstwissenschaftlern prädestiniert ihn für die Beteiligung am Humboldt-Projektes (dazu finden weitere Informationen unter www.humboldt-portal.de).

Alexander von Humboldt: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Hrsg. v. Ottmar Ette u. Oliver Lubrich, 999 S., Die Andere Bibliothek im Eichborn Verlag 2004, € 99,00
 
 

Mittwoch, 27. Oktober 2004
im Kongress-Saal der Stadthalle Osnabrück

Martin Walser: „Der Augenblick der Liebe“

Nach dem Besuch von Literaturnobelpreisträger Günter Grass vor zwei Jahren ist es uns gelungen, den anderen überragenden lebenden deutschsprachigen Dichter für eine Lesung in Osnabrück zu gewinnen! Wir freuen uns sehr auf einen meisterhaften Sprachschöpfer, der durch seine Äußerungen zu tagespolitischen Fragen auch immer wieder ins Kulturgeschehen eingreift. Voraus ging dem neuen Roman Walsers ein spektakulärer Verlagswechsel des Autoren, der sich mit den Veränderungen im Hause Suhrkamp nicht anfreunden wollte und die langjährige literarische Heimat verließ. Umso mehr überrascht die breite Zustimmung bei Kritik und Publikum zum neuen Buch.

Gottlieb Zürn, bekannt aus Martin Walsers Romanen "Das Schwanenhaus" und "Die Jagd", Ex-Makler, Privatgelehrter mit Domizil am Bodensee, erhält Besuch von der jungen Doktorandin Beate. Sie interessiert sich für seine Aufsätze über den französischen Philosophen LaMettrie. Die Besucherin könnte Zürns Enkelin sein - und doch vernimmt er sofort das Klirren erotischer Möglichkeiten. Beate, nebulös: "Es gibt nichts, wofür man nicht gestraft werden kann."
Trotzdem, und weil er mit seiner Frau Anna längst im selben Wortschatz untergeht, folgt er ihr nach Kalifornien zu einem Kongress. Dort erfüllt sich ihre Prophezeiung - auf eine Weise, die gleich in mehrfacher Hinsicht zum Eklat führt. Eros, Ehe und Erlebnishunger sind die äußeren Markierungspunkte dieses Romans, das Verhältnis von Leben, Literatur und Todeslust ist sein geheimes Motiv.

Martin Walser, 1927 in Wasserburg (Bodensee) geboren, lebt heute in Nußdorf (Bodensee). 1957 erhielt er den Hermann-Hesse-Preis, 1962 den Gerhart-Hauptmann-
Preis und 1965 den Schiller-Gedächtnis-Förderpreis. 1981 wurde Martin Walser mit dem Georg-Büchner-Preis und 1998 mit dem Friedenspreis des Buchhandels ausgezeichnet.

Martin Walser: Der Augenblick der Liebe. Roman. 253 S., Rowohlt Verlag 2004, €  19,90
 
 

Montag, 25. Oktober 2004
Pascal Mercier: „Nachtzug nach Lissabon“

In seinen vielschichtigen, einfühlsamen und spannend zu lesenden Romanen berührt Pascal Mercier grundsätzliche Lebensfragen auf völlig andere Weise: Bei ihm steht die Sprache im Mittelpunkt, durch die die Menschen in Extremsituationen ihre Erlebnisse und Empfindungen formulieren. So auch in seinem neuen Buch: Mitten im Unterricht steht der Berner Lateinlehrer Gregorius auf und verlässt die Schule. Aufgeschreckt vom plötzlichen Gefühl der verrinnenden Zeit lässt er sein wohlgeordnetes Leben hinter sich und setzt sich in den Nachtzug nach Lissabon. Im Gepäck hat er das Buch eines ihm unbekannten portugiesischen Autors namens Amadeu de Prado, das ihm zufällig in die Hände fiel und das ihn nun vollständig in Bann zieht. Dieses Buch fasst die vielen stummen Erfahrungen eines menschlichen Lebens in Worte: Einsamkeit, Endlichkeit und Tod; aber auch Freundschaft, Liebe und Loyalität.
In Lissabon heftet sich Gregorius rastlos auf die Spuren des Autors. Im Laufe seiner Nachforschungen spricht er mit den Menschen, die in dessen Leben verflochten waren, und Schritt für Schritt entsteht dabei das Bild eines ungewöhnlichen Arztes und Poeten, der gegen die Diktatur Salazars gekämpft hatte. 
Doch was bedeutet ein zusammengesetztes Mosaik für einen Suchenden? Und ist es überhaupt möglich, aus dem gewohnten Leben auszubrechen? Begeisterte Leser und Kritiker sind sich einig: Dieser Roman ist ein vielstimmiges Epos einer Reise nicht nur durch Europa, sondern auch durch Denken und Fühlen eines jeden von uns.

Pascal Mercier ist das literarische Pseudonym von Peter Bieri: 1944 in Bern geboren, studierte er Indologie, Anglistik, Philosophie, Griechisch. Nach Professuren in Hamburg, Heidelberg, Berlin und Bielefeld ist er seit 1993 Lehrstuhlinhaber  an der FU Berlin für Sprachphilosophie/Analytische Philosophie. Weitere Romane sind „Perlmanns Schweigen“ und „Der Klavierstimmer“. Dazu kommt das populärwissenschaftliche Buch „Das Handwerk der Freiheit“ sowie zahlreiche Fachpublikationen.

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon. Roman, 496 S., Hanser Verlag 2004, € 24,90
 
 

Mittwoch, 13. Oktober 2004
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Robert Schneider: „Kristus. Das unerhörte Leben des Jan Beukels“

Die Zeit schein aus den Fugen im 16. Jahrhundert: Der Erde droht ein Kometeneinschlag, Seuchen wüten, und Luther predigt wider den Papst. In diesen unruhigen Tagen strömen beherzte Menschen hoffnungsfroh in die kleine Stadt Münster, denn dort verwirklichen die Wiedertäufer den Gottesstaat. Ihr prophetischer König ist Jan Beukels aus Leyden.
In seinem neuen Roman erzählt Robert Schneider über das Leben dieses Mannes, der mit acht Jahren seinen Schulmeister mit dem Wunsch empörte, „Kristus“ werden zu wollen, der sich mit 25 Jahren zum König der Wiedertäufer krönen ließ und dessen Leben zwei Jahre später erbärmlich in einem Eisenkäfig am Lamberti-Kirchturm endete. Ganz Kind seiner Zeit war Beukels auf der Suche nach Wahrheit und einer Aufgabe, bis er bei den Wiedertäufern seine Bestimmung findet. Mit ihnen wollte er Münster zu einer Stadt der Frommen, der Gleichheit und der Freiheit machen. Statt zu einem „Himmlischen Jerusalem“ wurde die Stadt jedoch zu einer Hölle der Lebenden...
Diese unglaubliche, aber wahre Geschichte ist mit ihrer Ausgefallenheit, Abenteuerlichkeit und Düsternis genau der richtige Stoff für den begnadeten Wortschöpfer Robert Schneider. In Verbindung mit seiner sprachlicher Musikalität lässt er Zeit und Akteure kongenial lebendig werden.

Robert Schneider, geb.1961 in Bregenz, studierte Komposition, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Wien. Nebenbei arbeitete er als Fremdenführer und Organist. Seit 1984 ist Schneider literarisch tätig und inzwischen Träger zahlreicher Literaturpreise und -auszeichnungen. Nach vorhergehender Ablehnung durch 23 Verlage veröffentliche er 1992 seinen ersten Roman “Schlafes Bruder“ – „Kristus“ ist sein nunmehr siebter Roman. Der Autor lebt in Götzis (Vorarlberg).

Robert Schneider: Kristus. Das unerhörte Leben des Jan Beukels. Roman, 608 S., Aufbau Verlag 2004, € 24,90
 
 

Montag, 4. Oktober 2004
im GARBO des CINEMA-Arthouse

Jakob Arjouni: „Hausaufgaben“

War er seiner Familie, seinen Schülern nicht immer ein leuchtendes Vorbild? Deutschlehrer Joachim Linde weiß, dass mit seinem Leben und seiner Familie nicht alles in Ordnung ist. Der jüngste Ärger mit den Schülern ist da fast zweitrangig. „Peinlichstes Privatleben“ muss er nun vor seinen Kollegen ausbreiten, um seine Haut zu retten. Obwohl alles in seinem Leben die schlimmstmögliche Wendung genommen zu haben scheint, ist Linde entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. 
Im neuen Roman des intelligenten Unterhalters Jakob Arjouni geht es um private, aber auch um historische Schuldzuweisung. Das Buch handelt von der Verstrickung in Wunschdenken und Halbwahrheiten beim Versuch, mit sich im Reinen zu bleiben. So ist „Hausaufgaben“ ein Lektüre, die einem den vertrauten Boden unter den Füßen wegzieht.
Über Arjounis zuletzt erschienenes Buch „Idioten“ schrieb Tobias Döring in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Man muss diesen Autor immer wieder dafür rühmen, wie er seine ... Erzählwelten mit beiläufiger Könnerschaft gestaltet und mit leichter Hand auch die ganz großen Themen in bescheidene Miniaturen lockt.“

Jakob Arjouni, geboren 1964 in Frankfurt am Main, veröffentlichte Romane, Theaterstücke, Erzählungen und Hörspiele. Er ist heute einer der bekanntesten deutschensprachigen Autoren und war zuletzt im Frühjahr 2001 unser Gast. Sein erster Kayankaya-Roman „Happy birthday, Türke!“  wurde unter der Regie von Doris Dörrie verfilmt, für „Ein Mann, ein Mord“ erhielt Jakob Arjouni den Deutschen Krimi-Preis. Seine letzte Veröffentlichung „Idioten. Fünf Märchen“ steht seit Monaten auf den Bestsellerlisten. Derzeit lebt der Autor vorwiegend in Südfrankreich und Paris. 

Jakob Arjouni: Hausaufgaben. Roman, 192 S., Diogenes 2004, € 17,90
 
 

Dienstag, 28. September 2004
im Rahmen der „Interkulturellen Wochen“ der Stadt Osnabrück

Juan Moreno: „Von mir aus. Wahre Geschichten aus Deutschland“

Endlich gibt es die Kolumnen als Buch, die Juan Moreno jedes Wochenende in der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlicht: Geschichten vom seltsamen Freund Thorsten, von den Brüdern Paco und Jaime, von den Eltern, von seiner spanischen Heimat und von uns. Einfach wahre Geschichten eben, die den Ton der Zeit treffen. Man kann sich mit Moreno wundern, freuen und ärgern über Begebenheiten, die jedem Tag für Tag widerfahren. Mit Witz und Gespür schildert er das Aufwachsen eines Einwandererkindes in Deutschland, erzählt von Schule, Urlaubsreisen oder Treppenhäusern. Und überall lässt er den Leser schmunzeln: "Ja, so kenn' ich das auch."
Als Kind spanischer Gastarbeiter erlebt Moreno mit seinen Geschwistern Deutschland als Heimat und Fremde zugleich. Die kleinen, allzu wahren Geschichten erzählen vom Aufwachsen und Klarkommen in einer seltsamen Welt, in der Humor die beste Medizin ist. Neben Fußball, Familie und Frauen natürlich ...

Juan Moreno, geboren 1972 in Huercal-Overa/Spanien, wuchs in Hanau auf. Studium der Volkswirtschaftslehre in Konstanz, Florenz und Köln. Kurzzeitig tätig fürs Fernsehen und Absolvierung der Deutsche Journalistenschule in München. Wöchentlich erscheint seine Kolumne "Von mir aus" in der Wochenendbeilage der SZ. Der Autor lebt in Berlin.

Juan Moreno: Von mir aus. Wahre Geschichten, 160 S., Deutsche Verlags-Anstalt 2004, €  16,90
 
 

Mittwoch, 9. Juni 2004

Jenni Zylka: „Beat baby, beat“

Bei der TAZ ist Jenny Zylka Kult. In Osnabrück aufgewachsen, ist sie hier seit ihrer Schulzeit am „Gymnasium in der Wüste“ schon lange bekannt. Im vergangenen Jahr erschien ihr erstes Buch „1000 neue Dinge, die man bei Schwerelosigkeit tun kann”, mit dem sie sofort eine große Lesegemeinde begeistern konnte. Nun stellt sie ihren zweiten Roman „Beat baby, beat“ vor, der von den aufregenden Erlebnissen einer fünfköpfigen Mädchenband erzählt. Aus Sicht der Bandleaderin Brenda erfahren wir von netten Groupies, gierigen Managern und Zankereien im Studio – den ganz normalen Wahnsinn im Musik-Business und einer Band, die es beinahe geschafft hätte. 

Jenni Zylka ist mit eigenen Worten „im besten Alter, schreibt seit Jahren als freie Journalistin in Berlin verschiedene Zeitungen voll und arbeitet in ihrer Freizeit als Geheimagentin und Trancemedium. Ihre Bücher helfen ihr, all den goldgierigen Kredithaien und Waffenschiebern das Geld zurückzugeben, dass sie ihr in Knebelverträgen geliehen haben...“ 

Jenny Zylka: Beat baby, beat, 224 S., Rowohlt 2004, € 12,-
 

Mittwoch, 8. September 2004
im Oberen Foyer der Städtischen Bühnen Osnabrück 

Konrad Beikircher: „Palazzo Bajazzo“

Nach dem großen Erfolg seiner beiden Konzertführer „Andante Spumante“ und „Scherzo furioso“ nimmt sich Konrad Beikircher nun in seiner unnachahmlichen Art der schillernden Welt der Oper an. Mit Witz, hintergründigem Humor und profundester Sachkenntnis stellt er uns Musik, Handlungsverlauf und Komponisten vor.
Von Mozart und Haydn bis Schönberg und Henze werden wir auf höchst unterhaltsame Weise mit fünfzig Höhepunkten des europäischen Opernschaffens vertraut gemacht, wobei ein Schwerpunkt auf der italienischen Oper liegt.
Erneut wuchert der Musikkenner Beikircher auch wieder mit seinen kabarettistischen Pfunden: Er scheut nicht vor deutlichen Einordnungen zurück, indem er musikalische Hits und Flops benennt oder auf technische Schwierigkeiten hinweist. Zugleich gibt er in der Rubrik 'Der kleine Operntäuscher' dem Leser einige treffende Bluff-Sätze an die Hand, mit deren Hilfe auch der Ungeübte als feinsinniger Opernkenner brillieren kann. Und er bewertet die Werke nach ganz eigenen Kriterien: Gähnwert, Ewigkeits-faktor, Genusshöhe und Tränenreichtum.
Kurz: Wer Beikirchers Konzertführer mit Genuss gelesen hat, wird diesen Opernführer als ersehnte Ergänzung schätzen. Und wer den Konzertführer noch nicht besitzt, lernt hier einen Opernliebhaber kennen, der ebenso fachkundig wie humorvoll über seine Leidenschaft schreibt.

Konrad Beikircher, geboren 1945 in Südtirol, studierte Psychologie und Musik in Bonn. Im ersten Leben Psychologe in einer Jugendstrafanstalt, seit 1986 freiberuflicher Kabarettist, Musiker, Modera-tor, Regisseur und Autor. Zahlreiche Rundfunk- und TV-Auftritte, CD- und Buchveröffentlichungen.

Konrad Beikircher: Palazzo Bajazzo. Ein Opernführer. 371 S., Kiepenheuer & Witsch 2004, €  22,90
 
 

Donnerstag, 3. Juni 2004
Ein Abend mit dem Berliner Verleger, der „liest, was ihm gefällt, erzählt, wie man Bücher macht und signiert, was man ihm hinhält“!

Klaus Wagenbach: „Warum so verlegen?“

Der Verlag Klaus Wagenbach feiert dieses Jahr sein vierzigstes Jubiläum, die Buchhandlung zur Heide ihr 85stes – also gleich zwei Gründe zum Feiern! Wir freuen uns auf den Werkstattbericht eines unabhängigen und eigenwilligen Verlegers. Kurzweilig berichtet Klaus Wagenbach über die Lust an Büchern, ihre Zukunft und die Überlebenschancen eines Unternehmens, das Bücher ausschließlich nach dem besten Wissen und Gewissen veröffentlicht. Es geht aber auch um die Träume vom Kollektiv, den Fredenbeker Bananenaufstand, über Polizisten, die Verlage stürmen, Geschichtsbewusstsein, Karnickel und Kollegen...

Klaus Wagenbach, der sich selbst als die „dienstälteste Witwe Kafkas“ bezeichnet, wurde 1930 geboren. Er ist Autor, gibt Bücher heraus und verlegt sie auch, meist im eigenen Verlag. Für seine Verdienste erhielt er zahlreiche, insbesondere italienische Ehrungen.

Klaus Wagenbach: Warum so verlegen, 160 S., Wagenbach 2004, € 5,-
 
 

Freitag, 7. Mai 2004
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Connie Palmen: „Ganz der Ihre“

Ganz der Ihre – und doch keiner gehörend. Fünf Frauen, die in Salomon Schwartz’ Leben eine Rolle spielten, erzählen von ihren Erfahrungen mit diesem unwiderstehlichen Mann, einem notorischen Don Juan, tragisch Verstoßenen und begnadeten Verfasser süchtig machender Kolumnen. Ihre Berichte ergänzen sich zu einer fiktiven Romanbiographie, im deren Zentrum der Wille nach Selbsterforschung und Selbstfindung steht, der nicht nur ein Individuum im Blick hat, sondern eine ganze Gesellschaft. 

Ganz der Ihre“ ist die Fortsetzung einer unvergesslichen Liebesgeschichte: Der von „I.M. Ischa Meijer – In Margine, In Memoriam“, in der Connie Palmen ihrem verstorbenen Lebensgefährten ein überwältigendes Denkmal gesetzt hat.

Conni Palmen wurde 1955 in St. Odilienberg/Niederlande geboren und wollte schon als Kind nur eins können: Lesen und schreiben. Sie studierte Philosophie und niederländische Literatur, machte danach „alles, was Gott verboten hat“, bis sie sich im Februar 1989 an die Schreibmaschine setzte und innerhalb von achtzehn Monaten ihren ersten Roman mit autobiographischen Zügen schrieb. „Die Gesetze“ wurden national und international ein großer Erfolg ebenso wie auch „Die Freundschaft“ und „Die Erbschaft“.

Connie Palmen: Ganz der Ihre, 423 S., Diogenes 2004., € 22,90
 
 

Dienstag, 20. April 2004
im BlueNote des CINEMA-Arthouse

Frank Schätzing: „Der Schwarm“

Das Meer schlägt zurück – in Frank Schätzings meisterhaftem Thriller erwächst der Menschheit eine unvorstellbare Bedrohung aus den Ozeanen. Mit dem Fund von unbekannten Organismen in der norwegischen See beginnt das globale Katastrophenszenario, das der Autor mit beklemmender Logik entfaltet. Es ist von erschreckender Wahrscheinlichkeit und basiert auf genauen naturwissenschaftlichen und ökologischen Recherchen, für die der Autor über vier Jahre hinweg akribisch Orginalschauplätze und zahlreichen renommierte Wissenschaftler besuchte.

Dieser Roman ist weit mehr als ein großartig geschriebener, spannungsgeladener Thriller: Das Buch stellt mit großer Dringlichkeit die Frage nach der Rolle des Menschen in der Schöpfung. So ist  das umfangreichste Buch in der Geschichte des Verlages Kiepenheuer & Witsch entstanden, das der Autor perfekt abgestimmt mit Bild und Ton präsentiert.

Frank Schätzing, geboren 1957, lebt und arbeitet als Werbekaufmann, Musiker und Schriftsteller in Köln. „Der Schwarm“ ist bereits sein sechstes Buch. Er erhielt den KölnLiteraturpreis 2002.

Frank Schätzing: Der Schwarm, 1008 S., Kiepenheuer & Witsch 2004, € 24,90
 
 

Dienstag, 23. März 2004

Gregor Hens: „Matta verlässt seine Kinder“

Eine Begebenheit trifft ins Herz: Das neue Buch des von Kritikern und Leserschaft hochgelobten Gregor Hens berührt durch eine beispiellose Geschichte. Die Hauptfigur Karsten Matta, vierzig Jahre alt, Familienvater und beruflich seit fünfzehn Jahren als Berater einer Consultingfirma in Kriegs- und Krisengebieten unterwegs, bricht eines Tages mit seinem bisherigem Leben. Es beginnt ein verzweifelter Amoklauf durch ein nur scheinbar friedliches Land, in den Matta alle hineinzieht, die er liebt und die ihn lieben.

Gregor Hens wurde 1965 in Köln geboren, studierte Sprach- und Literaturwissen-
schaften und lehrt heute als ordentlicher Professor an der Ohio State University in den USA. Zeitweilig lebt er in Berlin. Sein erster Roman „Himmelssturm“ erschien 2002, gefolgt von dem Erzählband „Transfer Lounge“. Immer wieder stehen in seinen Texten die Wonnen und Schrecken der Liebe im Mittelpunkt. 

Gregor Hens: „Matta verlässt seine Kinder“, 144 S., S. Fischer Verlag 2004, € 14,90
 
 

Freitag, 19. März 2004
zweisprachige Veranstaltung mit ihrem Übersetzer Ingo Herzke im BlueNote des CINEMA-Arthouse

A.L. Kennedy: „Also bin ich froh“

Die schottische Autorin A.L. Kennedy stellt mit ihrem Übersetzer Ingo Herzke auf einer Lesereise durch die deutschsprachigen Metropolen ihren soeben auf Deutsch erschienenen Roman „Also bin ich froh“ vor. 

Wie aus einem anderen Jahrhundert wirkt der neue Mitbewohner, der eines Morgens in Jenny Wilsons Küchentür steht. Ihre scheinbar festgefügte Welt gerät durch den neuen Zwischenmieter ins Wanken, einen ängstlichen Mann, der sein Gedächtnis verloren hat, das Haus nicht verlässt und sich überhaupt benimmt, als sei er neu in der Welt. Zögernd nimmt Jennifer sich seiner an und will lange nicht wahrhaben, wie sehr sie sich in den originellen Fremden verliebt hat. Bis eines Tages sein Zimmer leer und er verschwunden ist..

A.L. Kennedy hat einen ergreifenden Liebesroman geschrieben, in dem eine Frau aus dem zwanzigsten Jahrhundert auf einen Mann aus dem siebzehnten trifft. Beide finden in der Liebe die Heilung all jener Verwundungen, die ihnen ihre jeweilige Zeit zugefügt hat.

Kaum eine andere Schriftstellerin beschreibt Gefühle so radikal wie Allison Louise Kennedy – in oft kuriosen Romanen und Erzählungen über hoffnungsvolle Menschen in hoffnungslosen Situationen. In der englischsprachigen Literatur steht die Autorin deswegen schon lange im Rampenlicht. A.L. Kennedy, geboren 1965, lebt vielfach ausgezeichnet als Autorin, Filmemacherin und Dramatikerin in Glasgow. Ihre bisher erschienen Romane sind „Gleissendes Glück“, „Einladung zum Tanz“,Stierkampf“, „Alles was du brauchst“ sowie die Erzählungssammlungen „Ein makelloser Mann“ und „Hat nichts zu tun mit Liebe“. 

A.L. Kennedy: Also bin ich froh, 288 S., Wagenbach 2004, € 19,50
 
 

Dienstag, 16. März 2004
im Rahmen der Ausstellung „Abenteuer Meeresforschung“ im Museum am Schölerberg 

Nikolaus Gelpke:  „Die Entdeckung der Meerestiefe“

Erde – der Name unseres Planeten ist ein Paradox: 75 Prozent sind vom Wasser bedeckt. Über die lange als lebensfeindlich geltenden Tiefen unserer Meere wussten wir bisher weniger als über die dunkle Seite des Mondes. Der Ozean ist noch weitgehend unbekanntes Terrain, dessen Erforschung gerade in jüngster Zeit immer neue Ergebnisse gebracht hat – Beispiele sind die Lebensweise von Röhrenwürmern oder Leuchtquallen, die klimatischen Auswirkungen der Meeresströmungen oder die exemplarische Geschichte des Kabeljaus.

Nikolaus Gelpke nimmt uns mit auf eine Reise durch eine Welt, die sich durch Vulkanausbrüche ständig erneuert und dennoch das Geheimnis des Ursprungs allen Lebens birgt. Als Chefredakteur bei der Fachzeitschrift MARE ist Nikolaus Gelpke mit verantwortlich für die Herausgabe des Buches „Der unsichtbare Kontinent“ von Robert Kunzig, der für seine Publikationen zum Meer zahlreiche Wissenschaftspreise erhielt.

Robert Kunzig: Der unsichtbare Kontinent, 399 S., Mare Verlag 2002, € 26,90
 

 

 

Datum: 
Dienstag, 7. Juni 2011 - 20:00