Erich Loest ist tot - eine Erinnerung

Im Alter von 87 Jahren ist am 12.9.2013 in Leipzig Erich Loest gestorben - ein Sachse, der eine enge Beziehung zu Osnabrück hatte. Die Buchhandlung zur Heide trauert um diesen Autoren, dem sie eng verbunden ist: „Zu meinen Würzelchen gehört eine Buchhandlung: Ihre Besitzer luden mich zu einer Lesung, als ich neu hier war und mit mir kein Blumentopp zu gewinnen war. Sechzehn Zuhörer kamen. Wir probierten’s wieder, nun hab ich mich so schön an diesen Rahmen gewöhnt, hübsch warm in jeder Beziehung haben wir’s immer. So denk ich, soll’s bleiben bei jedem neuen Buch“ („Ein Sachse in Osnabrück“, S. 26). Auch wenn die letztgenannte Annahme sich bald relativierte und Erich Loest seine neuen Bücher nicht mehr zuerst in Osnabrück präsentierte, so blieb die Verbundenheit über die Jahre erhalten: Am 4. Oktober 2005 war er zuletzt LITTERA-Gast mit seinem Roman „Sommergewitter“.

Zwischen seinem ersten und seinem letzten Roman - „Jungen, die übrigblieben“ (1950) und „Löwenstadt“ (2009) - liegen Dutzende Werke, in denen Loest mit einem scharfen Blick auf den Alltag die politischen Verhältnisse in Deutschland beschrieb. In seinen Romanen und Erzählungen setzte er sich immer wieder mit der deutschen Teilung und der Wiedervereinigung auseinander.

Die deutsche Geschichte hat Loest wie nur wenige andere Autoren auf wechselhafte Weise am eigenen Leib erfahren: Er war junger Soldat im Zweiten Weltkrieg und NSDAP-Mitglied, trat erst mit voller Überzeugung in die SED ein und später desillusioniert wieder aus. Er verbüßte sieben Jahre wegen «konterrevolutionärer Gruppenbildung» im gefürchteten Stasi-Knast in Bautzen - für ihn «gemordete Zeit», wie er in einer Autobiografie schrieb. Nie verlor in die Stasi aus den Augen.

Zum Schreiben war Loest, 1946 geboren, schon früh gekommen, als er ein Volontariat bei der «Leipziger Volkszeitung» absolvierte, bei der danach als Kreisredakteur arbeitete. Nach einer vernichtenden Kritik seines Roman-Debüts verlor er die Stelle - und wurde freier Schriftsteller. Zwischen 1965 und 1975 verfasste er elf Romane und 30 Erzählungen, teils unter Pseudonym, da er in der DDR noch verfemt war.

Wegen der Repressalien für seine oppositionelle Haltung siedelte Loest 1981 in die Bundesrepublik über und fand - u.a. wegen seiner Freundschaft zu Prof. Heinrich Mohr - in Osnabrück eine neue Heimat. 1986 setzte er der Stadt mit „Ein Sachse in Osnabrück“ ein subjektives literarisches Denkmal, das auch Grundlage zu einem Fernsehfilm wurde, und noch umfangreicher 1987 in dem Roman „Froschkonzert". Seit 1987 wohnte Loest in Bonn-Bad Godesberg. Nach dem Fall der Mauer kehrte er schnell in seine Wahlheimat Leipzig zurück - und mischte sich in der Stadt immer wieder in aktuelle Diskussionen ein. So protestierte der vom Kommunismus schwer enttäuschte Leipziger Ehrenbürger gegen Kunstwerke des realistischen Sozialismus im öffentlichen Raum.

Zur Erinnerung an Erich Loest soll der Autor noch einmal selbst zu Worten kommen, die zugleich seine Verbundenheit mit Osnabrück erkennen lassen:

„Bisweilen werde ich gefragt: Osnabrück, kann man denn da leben - ich meine, als Schriftsteller? Osnabrück, sag ich dann, hat einen Bahnhof, von dem man fortfahren kann. Man kann aber auch zurückkommen. Ich fahre gerne fort, und ich komme gern zurück. Ich erwarte nichts Unmögliches von Osnabrück.“

dpa/Lennart Neuffer