Interview

»Wassermusik« revisited oder: 33 Jahre später

FRAGE: Was empfinden Sie soviele Jahre nach dem Erscheinen gegenüber »Wassermusik«?

BOYLE: Das Gleiche, was ich angesichts meiner erstgeborenen Tochter empfinde: Ich fühle mich demütig und beim Gedanken daran (und an sie) sprachlos vor lauter Liebe. Als ich mit dem Roman begann, wusste ich nicht, ob ich es schaffen würde – bis dahin hatte ich nur Stories geschrieben –, daher wird er für mich immer wichtig bleiben.

F: Wie würden Sie die Beziehung zwischen Geschichte und Fiktion beziehungsweise zwischen historischer Tatsache und literarischer Phantasie in Ihrem Werk beschreiben?

B: Seit »Wassermusik« habe ich weitere Romane mit historischem Hintergrund geschrieben. Ich habe den Eindruck, wie viele vor mir, dass die Geschichte bloß eine Version der Ereignisse ist, ob es nun unsere eigene persönliche Geschichte wie zum Beispiel Memoiren sind oder die überlieferte Geschichte einer Nation, wie sie in Geschichtsbüchern dargelegt wird, und dass die Fiktion uns darüber aufklären kann. Aber ich interessiere mich nicht für den konventionellen historischen Roman, sondern für den Roman, in dem die Obsessionen der Vergangenheit zu uns zurückkehren – zu unserer Freude und zu unserer Erbauung.

F: Was hat Sie veranlasst, über den schottischen Forschungsreisenden Mungo Park zu schreiben? Haben Sie den Eindruck, dass es eine Verwandtschaft gibt zwischen Schriftstellern und Forschungsreisenden?

B: Gut beobachtet! Ja, natürlich erforscht ein Literat unaufhörlich unbekanntes Territorium. Während Mungo Park heroisch eine terra incognita erforschte, betreiben wir Schriftsteller etwas Ähnliches im Hinblick auf die Landschaft des Unbewussten.

F: Sie schreiben in »Wassermusik« über die Feindschaft zwischen Moslems und westlichen Menschen auf erfrischend komische Art und Weise. Würden Sie heute, nach dem 11. September, dem Irakkrieg usw., das Thema anders behandeln?

B: Zwangsläufig ja. »Wassermusik« handelt vom Kulturimperialismus, und darum geht es in dem derzeitigen Krieg zwischen dem Westen und dem Islam. Vielleicht ist der Roman deshalb heute noch relevanter als zu der Zeit seiner Erstveröffentlichung.

F: Wie konnten Sie sich Afrika so lebhaft vergegenwärtigen – von Iowa City aus?

B: Ich erzähle gern, dass ich damals nicht mal das Geld für den Bus nach DesMoines hatte, geschweige denn nach Boussa. Ich studierte am Iowa Writers’ Workshop, danach plante ich, am Department für englische Literatur über die britische Literatur des 19. Jahrhunderts zu promovieren. Vielleicht war das der Ausgangspunkt: meine ernsthafte Beschäftigung mit den Romanen dieser Zeit. Das und auch die Tatsache, dass meine heimliche postmoderne Annäherung an den historischen Roman viel mit unseren kulturellen Vorurteilen und vorgefassten Meinungen über Afrika und Afrikaner zu tun hatte. Und dann besitze ich natürlich eine überhitzte Phantasie.

F: In »Wassermusik« werden den Protagonisten zahllose Enttäuschungen bereitet: Es gibt vereitelte Ambitionen, gescheiterte Vorhaben, zerstörte Träume. Warum bekommen Ihre Figuren nur so selten das, was sie wollen?

B: Keiner bekommt, wonach er strebt (nämlich Göttlichkeit und ewiges Leben). Wir sind alle zum Untergang verurteilt. Aber wir kämpfen dagegen an, so wie Ned Rise, denn so ist der menschliche Geist beschaffen, ein Geist, der ständig auf der Suche ist, ständig Dinge erfinden muss.

F: Warum wählten Sie eine epische Struktur für Ihren ersten Roman?

B: Weil er ähnlich funktioniert wie die Romane eines Dickens, Trollope, Meredith etc. Diese Form passt meiner Ansicht nach zu der Epoche und ist geeignet, die Erwartungshaltung des Lesers gegenüber solchen Romanen auf hoffentlich positive Weise umzukehren.

F: Wie hat sich seit »Wassermusik« Ihr Schreiben verändert?

B: Es steht mir nicht zu, mich dazu zu äußern. Allerdings muss ich zugeben, dass ich alle möglichen Effekte in meinen Stories und Romanen ausprobiert habe – von den pikaresken, absurden Einfällen meines ersten Romans bis hin zum packenden Realismus beispielsweise von »Talk Talk«. Ich glaube, dass die Story eine Übung der Einbildungskraft ist und dass es in Bezug auf Form oder Schreibweise keine Grenzen gibt. Ich sehe alles als Story, als Kunst, und ich versuche täglich, etwas Neues, Exquisites zu entdecken, etwas, was einem die Augen öffnet. Etwas, was mich – und meine Leser – vielleicht sogar dank jener Momente der Transzendenz, die nur die Natur und die Kunst erleben lassen, näher zum Göttlichen führt.

© Penguin