Jürgen Kaumkötter: „Der Tod hat nicht das letzte Wort"

Am 27. Januar 2015 jährte sich die Befreiung von Auschwitz zum 70. Mal, und zu diesem Tag des Gedenkens wurde im Deutschen Bundestag die Ausstellung Der Tod hat nicht das letzte Wort eröffnet. Jürgen Kaumkötter, der Kurator der Ausstellung, liefert in seinem parallel zur Ausstellung erscheinenden, reich bebilderten Buch erstmals eine Zusammenschau der in Verstecken, Ghettos und Lagern entstandenen Kunst und ihrer Schöpfer. Zahlreiche Werke sieht eine breite Öffentlichkeit zum ersten Mal, erstmals werden systematisch die Hintergründe ihrer Entstehung gezeigt. Am Dienstag, den 10. März 2015, wird der Autor sein Buch im Rahmen der LITTERA-Veranstaltungen der Buchhandlung zur Heide vorstellen und dabei auch eine Auswahl der in Berlin gezeigten Bilder projektieren. Die Buchpräsentation beginnt um 20 Uhr im BlueNote des Cinema-Arthouse Osnabrück.

Der Maler Jan Markiel sah die blauen Augen der Krystyna Madej erst nur von weitem, als er in Auschwitz aus dem Fenster seiner Baracke schaute und sie vor dem Lager in einem rosafarbenen Kleid vorüberging. Später sah er sie in der Bäckerei ihres Vaters wieder, die das Konzentrationslager mit Brot belieferte, und war von ihren blauen Augen zutiefst fasziniert. Im Lager malte er ihr Porträt. Ein Sehnsuchtsbild. Überlebende berichten, dass die Bäckersfamilie den Häftlingen half, mit zusätzlichen Lebensmitteln, Kurierdiensten und sogar bei der Beschaffung von Zivilkleidung für Flüchtige. Markiel schenkte der Bäckerstochter und ihrer Familie als Dank das Bild.

Die »Entartete Kunst«, die Kunst der verfolgten und ins Exil gegangenen Künstler, ist seit Jahrzehnten ein viel bearbeitetes Thema. Aber wer weiß etwas über die Kunst, die in den Ghettos, Verstecken und Lagern entstand? Kaumkötter will die in den Lagern entstandene Kunst, die Kunst der Zeitzeugen, befreien aus ihrem »Gefängnis der Metaphern«. Nicht länger sollen wir, ihre Betrachter, sie auf den Status bloßer Zeugnisse des Grauens herabsetzen. Nicht länger sollen Ausstellungen und Analysen der Kunstwerke sich durch den Primat der Biografie und Zeitgeschichte dazu verleiten lassen, deren künstlerische Qualität zu missachten. Wer kennt noch Jan Markiel, Marian Ruzsamski, Peter Kien, Wladyslaw Siwek, Josef Capek oder Jerzy Adam Brandhuber? Allenfalls Felix Nussbaum und Peter Weiss sind etwas bekannter. Es bleibt zu hoffen, dass diese Namen in Zukunft nicht nur als Zeugen, sondern auch als Künstler wertgeschätzt werden.

Über 15 Jahre hat sich Jürgen Kaumkötter mit der in den Lagern der Nazis entstandenen Kunst und ihren Künstlern beschäftigt, in Gedenkstätten, Archiven und Privatsammlungen gesucht. In Der Tod hat nicht das letzte Wort erzählt er ihre Geschichte, leuchtet die oft dramatischen Bedingungen aus, unter denen ihre Werke entstanden und erhalten wurden und erzählt, wie es den Künstlern, deren Begabung oft den Wachmännern nicht verborgen blieb, im Lager erging.

Jürgen Kaumkötter, Jahrgang 1969, ist Kunsthistoriker und Historiker mit Schwerpunkt Exil- und Holocaust-Kunst. Er ist Verfasser vieler wissenschaftlicher Beiträge zum Thema und Kurator zahlreicher renommierter Ausstellungen, u. a. Die verbrannten Dichter. Zwischen Himmel und Hölle 1918–1989, Die Unsterblichkeit der Sterne. Von Francisco de Goya über Walter Benjamin zu Václav Havel sowie Kunst in Auschwitz 1940–1945. Im Wintersemester 2014/2015 hat Jürgen Kaumkötter eine Ringvorlesung an der Universität Osnabrück zum Thema mitgeplant und -organisiert.

Foto: Tina Winkhaus

 

Datum: 
Dienstag, 10. März 2015 - 20:00
Adresse: 
BlueNote im Cinema-Arthouse, Osnabrück
Preis: 
Eintritt VVK € 7,--/Ak € 9,--
Autor:
Titel: Der Tod hat nicht das letzte Wort
Kunst in der Katastrophe 1933-1945
Verlag: Galiani Berlin
ISBN/EAN: 9783869711034
Preis: 39,99
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