Osnabrück in der Literatur - warum so öde?

Osnabrück in der Literatur - gibt es das? Zwei Aspekte fallen ins Auge: Zum einen Romane, die in oder um Osnabrück spielen und/oder von Osnabrückern verfasst sind. Und dann Bücher, in denen "Osnabrück" auf einmal auftaucht und ein Gefühl vermittelt, das vor allem Nicht-Osnabrücker wahrnehmen.

Von Bielefeld wird immer wieder behauptet, dass es die Stadt gar nicht gäbe. Osnabrück dagegen ist immer wieder präsent. Aber nicht mit seinem touristisch ambitionierten "Friedens"-Gesicht, sondern auf ganz andere Weise: Als Durchschnitt und belangloser Ort.

Erich Maria Remarque ("Der schwarze Obelisk"), Leo Perutz ("St. Petri Schnee") oder Arno Orzessek ("Schattauers Tochter") sind vergessen, wenn ortsfremde Autoren Osnabrück in ihre Texte einbeziehen. So setzte sich Helmut Krausser bereits vor der Euphorie als offizieller "Glückshauptstadt" mit der Stimmung in der Stadt auseinander: In "UC" (2003) schreibt er vor der Proklamation der Hase-Metropole zur zufriedensten Stadt in Deutschland nicht etwa "Ich komm zum Glück aus Osnabrück", sondern "Meine Geburtsstadt ist Osnabrück. Es führt zum Glück kein Weg zurück - nach Osnabrück" (S. 195). Und als wenn das noch nicht genügen würde - das Ganze noch einmal an  anderer Stelle: "Mein Vater war Niederländer, meine Mutter Tschechin, aufgewachsen bin ich in Osnabrück... Es führt zum Glück kein Weg zurück - nach Osnabrück" (S. 284). Einen Gedanken, den Harald Martenstein im gleichen Jahr aufgreift, wenn er fragt: "Wieso wohnt das Glück in Osnabrück?" Ihm kann man zu Gute halten, dass er sich schon persönlich einen Eindruck verschafft hat. Immerhin dauerte es dann zehn Jahre, bis diese Reportage in Buchform erschien ("Romantische Nächte im Zoo" - gemeint ist der unserer Stadt!). "Enge ist ein Vorteil. Provinz ist schön... Langeweile  ist gut" (S. 21).

Osnabrück ist sofort Duchschnitt, hat kein Profil - warum? Es war die "Stadt der goldenen Mitte", des "Durchschnitts" in den 60er Jahren, bevorzugt von den Wahlforschern wegen der sicheren repräsentativen Wahlergebnisse. Und dieses Image lebt weiter... Und der Name reimt sich gut!

Jetzt steht das neue Buch von Thomas Glavinic auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2013. "Das größere Wunder" spielt zum großen Teil am Mount Everest und ansonsten in vielen Metropolen der Welt. Aufgewachsen ist die rastlos nach Wahrheit und Liebe suchende Hauptfigur Jonas in einem kleinen Ort in Österreich, von dem aus er die weite Welt erkundet. Hier hat er Vera kennengelernt, die eines Tages plötzlich dorthin gezogen ist. Dann steht auf S. 265f: "Eine Woche nach den Prüfungen eröffnete ihm Vera, sie würde mit ihrer Mutter nach Deutschland zurückziehen. 'Nach Kiel?' fragte Jonas betroffen. Er dachte an die Fo-"

 

glavinic266_50_0.jpg

Wie kommt der mögliche Deutsche Buchpreisträger 2013 zu dieser Einschätzung? Womöglich veranlasste ihn sein erster Besuch in Osnabrück, als die Buchhandlung zur Heide ihn zur Lesung aus "Die Arbeit der Nacht" 2006 in die Stadt eingeladen hatte? Vielleicht verrät es der Autor am 14. Oktober 2013, wenn er wieder Gast im LITTERA-Programm sein wird...

Das vorläufige Schlusswort ist dem zufallsgebürtigen Osnabrücker Jo Lendle vorbehalten, Autor und designierter neuer Verlegerischer Geschäftsführer des zur Zeit wichtigsten deutschen Verlages, des Hanser Verlag in München: "Morgens um drei durch Osnabrück zu laufen war wie ein Spaziergang durchs Universum kurz vor dem Urknall. Alles war ganz eins mit sich, ganz dicht und bewegungslos. Kein Laut ringsherum, kein Wort. Es gab nichts als die Neugier, von welcher Seite aus Gott die Bühne betreten würde, um das Licht von der Finsternis zu scheiden, den Himmel von der Erde, die Frau vom Mann. Bislang jedoch war, so weit das Auge reichte, von Gott nichts zu sehen" (S. 9). Wir freuen uns auf Jo Lendle und seine Erklärung, warum und wann in Osnabrück ein neues Zeitalter beginnt und das Universum explodiert - am 25. November 2013 stellt er seinen Roman "Was wir Liebe nennen" im LITTERA-Programm vor.

Bleibt Osnabrück öde ohne Ende? Vielleicht! Fortsetzung folgt bestimmt... Was wird aus der Stadt? Wer wird neues Stadtoberhaupt? Kommt die Westumgehung? Hebt der Wissenschaftspark das gesellschaftliche Niveau? Viele Fragen - sogar Fragen über Fragen! Aber Literatur hilft immer. Siehe nochmals Helmut Krausser über Osnabrück (S. 195): "... eine bessere Basis, um die Welt zu erobern, lässt sich kaum denken".

Lennart Neuffer